Ausgabe 
25.9.1903
 
Einzelbild herunterladen

666

rief Hamor

als Helfer in der Not erwiesen, was ihm die Herzen von Jung und Alt gewann.

Hamor hatte eine ausgesprochene Dorliebe für den Superlativ, und zwar pflegte er ihn stets auf dasjenige anzuwenden, was ihn zuletzt in Entzücken versetzt hatte. Das letzte hübsche Mädchen, das er gesehen, galt ihm für die nächsten paar Tage als das schönste Geschöpf unter der Sonne. Tas letzte interessante Buch war unstreitig das beste Werk, das er jemals gelesen. Auch über die Seeleute von Plouvenec sprach er sich seinen Freunden gegenüber stets im Tone der größten Anerkennung aus. So stand Hamor auch jetzt inmitten seiner Bewunderer und hatte es wenig acht, daß Rodellec mit mürrischer Miene beob­achtete, wie der langsam herankommende Meurice von Hamor mit sichtlicher Freude begrüßt wurde.

Es wird eilt schöner Tag werden für unsere Fahrt, Monsieur. Der Nebel steigt, und das Boot liegt bereit, wenn Sie also fertig sind? . . ."

Als Meurice noch so sprach, kam Rodellec an ihn heran nnd flüsterte ihm etwas ins Ohr.Mas kümmert's mich", war Meurices kurz angebundene, von einem Achselzucken begleitete Antwort. Rodellec fuhr fort, mit zorniger Miene allerhand in den Bart zu murmeln.Vorwärts, vor­wärts", trieb Hamor zum Aufbruch :Laßt uns keine Zeit verlieren, Patron. Sans rancune Rodellec!"

Es ist schon das zweite Mal, daß Sie meinen Weg durchkreuzen und mir zuwider sind", knurrte Hervs mit ver­bissener Wut,es wäre klüger. Sie ließen mich in Frieden. Nehmen Sie sich in acht, Herr! Sie täten besser"

Aber wer wird denn um eine solche Kleinigkeit gleich solchen Lärm schlagen? Seid doch still, Rodellec, ein andermal nehmen wir Euer Boot."

Rodellec zog die Mütze über das linke Ohr und ging verdrießlich beiseite. Das Gelächter seiner Kameraden, das ihm nachschallte, bewies ihm, daß er den kürzeren gezogen habe, und Hamor ihm auch diesmal überlegen sei.Lache nur, Tu alberner, junger Geck! Die Reihe wird schon noch an mich kommen", brummte er ingrimmig im Mgehen und warf einen haßersüllten Blick auf den jungen Maler, der soeben mit freigebiger Hand Cigaretten unter die jubelnden Schiffsjungen verteilte.

Bursche dieser Rodellec ist! ich liebe seine zornigen Augen, sein Patriarchenhaupt und seine wüste Laune. Auf Ehre, die kleine Guenii sieht -ihm ähnlich und scheint auch einen guten Teil der väterlichen Gemütsart geerbt zu haben. Der Mann muß mir einmal sitzen!" .

sitzen!" rief Douglas mit ungeheucheltem Er­staunen.Ist es denn möglich, daß Du gar nicht merkst, wie Dich dieser Mensch verabscheut! Ich muß gestehen, ich kann's ihm nicht verargen, und Dir wird die Erfahrung vielleicht nützlich sein! Es unterliegt keinem Zweifel, dieser Rodellec^ haßt Dich mit einem so aufrichtigen, so glühenden

Als die jungen Leute Meurice zum Boot hinab folgten, hamor voll Begeisterung:Was für ein prächtiger hloSov ^"dellec ist: ick> liebe seine zornigen Augen,

Hamor lächelte.Unsinn! Heutzutage kann gar nie­mand mehr hassen"; er blies leichte Rauchwölkcheu in die Luft und beobachtete ihr Zerfließen mit dem größten Interesse.

Ich glaube wirklich", sagte Staunton in seiner ruhigen, abgemessenen Sprechweise, ,daß Hamor einem Modell gegenüber alle Grundsätze über beit Hausen wirft. Er wird sich nicht besinnen, seinen Todfeind zum Modell zu be­gehren, den Mörder seines Bruders vielleicht, oder den .Entführer seiner künftigen Gattin."

Hamor sah ihn erstaunt an, es kam so selten vor, daß stauntou eine entschiedene Meinung äußerte.Warum denn nicht?" erwiderte er endlich bedächtig,wenn sie mir gerade zu einem Bilde paßten!"

Aach diesem Bekenntnis entstand eine etwas gewitter­schwüle Stimmung; die beiden andern gaben durch ihr Schweigen hinlänglich ihre. Mißbilligung zu verstehen und Hamor war der Beifall seiner Freunde doch nicht so gleich- gilttg, tote er sich gern das Ansehen gegeben hätte.

Glücklicherweise war die allgemeine Aufmerksamkeit auf

8 3eIx>itft.Es riecht ein wenig stark nach

v'i/chv.erklärte Hamor lächelnd,aber warum sollte es

Das Boot ist ja selbst ein Fisch; paßt nur auf, wenn Ihr es schwimmen seht! Eh Patron?"

Meurice sah sich an feiner schwächsten Seite gepackt; ern verräterisches Zucken um die Mundwinkel zeigte deutlich, I

wie ;ehr sich sein Gemüt freute. Lobte man sein Boot oder seine kleine Tochter, so schlug sein Herz höher. Auch letzt suchte er durch ein verlegenes Hüsteln seine Bewegung zu verbergen, aber dabei funkelten seine Augen vor iunereni Vergnügen.

r, , könnte schlechter sein, gewiß, es ist nicht das schlechteste", begann er schüchtern, und fuhr dann nach ein ent sorsthenden Blick auf die Mienen der drei Fremden zuver­sichtlicher und mit weniger Zurückhaltung fort:

Es ist das beste Boot in der ganzen Bucht, Messieurs! ich sage nicht, daß es so schön ist, wie das von Monsieur Louzs, obwohl ich auch darüber meine eigene Meinung habe. Missen Sie auch, Messieurs", setzte er, durch die Aufmerk­samkeit seiner Zuhörer geschmeichelt, in vertraulichem Ton hrnzu,daß es mit einem Boot und einem Mädchen so ziemlich die gleiche Bewandtnis hat? Man muß sie bei gutem und bei schlechtem Wetter kennen lernen, sonst weiß man nie, woran man mit ihnen ist. Hören Sie aus meinen Rat, und lassen Sie sich mit keiner ein, bis Sie sie auch bei schlimmem Wetter erprobt haben." Die jungen Leute versprachen ihm lachend rechtzeitig seines Rates eingedenk

Sie bezeugten alle keine sonderliche Eile abzuseqeln. Lie Gegenwart war so schön, daß es schade erschien, iie nicht festzuhalten. Der Nebel erhob sich, klarer und klarer trat das bunte Gewimmel der Fischerboote zutage, immer lauter und lebhafter erklangen die Stimmen der Seeleute.

Meurice ging eifrig hin und her, um Vorkehrungen jur Abfahrt zu treffen. Endlich trat er mit verlegener Miene auf die Herren zu:Würde es Ihnen unangenehm sein, wenn ich die Mädchen mit an Bord nähme!" er deutete auf eine Gruppe am Ufer.Es ist nur Nona, ine Heine Helene und Marie. Ich habe es ihnen eigentlich versprochen, sie bei Gelegenheit einmal nach den Inseln hinüber zu nehmen. Sie werden auch gewiß nicht stören sem fragender Blick war auf Hamor gerichtet.

Nun natürlich, nehmt sie nur mit. Wir kennen ja Nona schon. Guten Morgen Nona, guten Morgen kleine Helene, und Du bist Marie?" er fixierte die Züge des Mädchens aufmerksamgut magst Tu sein, hübsch bist Tu jedenfalls nicht", setzte er ans englisch zu seinen Freun­den gewendet hinzu. Auch Staunton und Douglas beg- grüßten aufs freundlichste die scheuen, rosigen Mädchen, die in ihrem sonntäglichen Putz höchst schmuck aussahen: zaghaft kamen sie herbei und lletterten schwerfällig ins Boot.

Komisch, wie ungeschickt sich diese Mädchen bewegen", bemerkte Hamor;beinahe wie die Kühe, findet Ihr nicht?"'

Sollten nicht ihre Röcke schuld daran sein?" meinte Staunton;sie tragen eine schauderhafte Masse Falten auf den Hüsten, da ist's ja unmöglich, zierlich zu gehen, wer wäre das im stände?"

Guenn Rodellec", erwiderte Hamor mit Nachdruck.

Ja, sie ist ein zierliches kleines Geschöpf", stimmte Staunton bei.

Sie ist mehr als das, sie ist das einzige wirklich anmutige Weib, das mir je vorgekommen ist", rief Hamor voll Begeisterung.

Weib?" rief Douglas lachend,nenne sie wie Du willst, nur nicht ein Weib",, sie ist ein Kind, eine wilde Hummel, ein Gassenbube. Sie kann klettern, rennen, springen, sie berührt kaum den Boden."

Sie ist doch ein wundervolles Weib", beharrte Hamor, wartet's nur erst ab."

Bildest Tu Dir immer noch ein, sie zum .Modell zu bekommen?" erkundigte sich Staunton.

O, daran habe ich noch keinen Augenblick gezweifelt. Wenn ich sie habe, leihe ich sie Dir gelegentlich."

Sehr verbunden, ungeheuer großmütig von Dir", versetzte Staunton spöttisch.

Meurice kam heran, begleitet von zwei fremden Herren, welche die Künstler schon öfters in den Straßen von Plouvenec gesehen hatten, der eine war ein junger elsässi­scher Gelehrter, der im Plouvenecer Aquarium arbeitete^ der andere war Professor der Naturgeschichte an einer höheren Lehranstalt des südlichen Frankreichs. Allzuviel! Gelehrsamkeit hatte den einen zum kleinmütigen Zweifler, den anderen zum farkasttschen Spötter gemacht. Trotzdem ließ sich erwarten, oaß sie für einen Tag gute Gesellschafter abgeben würden, Sie hatten gleichfalls die Absicht gehabt, nach den Lannions hinüber zu segeln, waren aber vor