Montag den 25. Mak,
Nr. 77.
1903.
W
'Wüiiml
(Nachdruck verboten.)
Die Annonce.
Novelle von Thomas Glahn.
(Fortsetzung.)
Beide lasen weiter. Draußen rumorte die Wirtin, durch hie offenen Fenster scholl das Lärmen der Kinder, die aus der Schule kamen.
„Hast Du was?" fragte Kurt.
„Nix!" grunzte Fred. „Eine Schneiderin mit Büldung, eine höhere Tochter mit dem Motto: „Drum prüfe, wer sich ewig bindet", und einiges minder Harmlose. Und Du?" „Dasselbe in Grün. Bei dem Humbug kommt nichts 'raus. Ich les' jetzt nur noch die gut geschriebenen Briefe." Wieder war es still.
Plötzlich sagte Kurt Unruh: „Mensch — ich glaube —" Und als Fred aufblickte, ging er mit großen Schritten durchs Zimmer und murmelte: „Einsame Seele — reine Begeisterung — Mitempfindung —"
„Hast Tu Gehirnschwund?" fragte sein ärztlicher Detter teilnehmend.
„Ja!" schrie Kurt auf, „ich hab' sie! Junge, hör' zu — Tein Einfall ist Geld wert. Hier'"
Er las:
„Mein Herr!
Ich weiß sehr wohl, daß eine junge Dame derjenigen Kreise, die man mit Recht oder Unrecht die besseren nennst, auf ein Inserat, wie es das Ihre ist, nicht antworten darf, Vielleicht haben Sie selbst es auch nicht erwartet, vielleicht nicht einmal gewünscht. Tann erledigen sich diese Zeilen ja von selbst.
Aber es wäre doch auch nicht unmöglich, daß ein Körnchen Ernst, ein Fünkchen Sehnsucht nach einer geistigen ^Gefährtin sich in Ihrer Anzeige ausspricht. Es gibt manche einsame Seele im lauten Berlin — eine einsame Seele redet hier. Sie möchte gern teilnehmen und teilnehmen lassen, möchte gern einem Mitempsindenden sagen, was sie bewegt, und seine reine Begeisterung rein nachfühlen. Wenn dies und nichts anderes der Grund Ihrer Annonce war, würde ich mich herzlich freuen. Tann bitte ich, mir unter „Viola" nach Postamt siebenundachtzig zu schreiben. Ob ich schön und jung bin, tut ja dann wenig zur Sache. Jung bin ich jedenfalls. Ich sage allerdings im voraus, daß ein persönliches Zusammentreffen, zu dem ich mich an sich nur außerordentlich schwer entschließen könnte, nur dann erfolgen würde, wenn mich eine längere Korrespondenz gleiches Streben und gleiche Interessen in uns erkennen ließe.
Ich schließe diesen Brief mit der stillen Hoffnung, daß er in die Hände eines Menschen kommt, der sich genug Herzensreinheit bewahrt hat, um ihn ganz zu verstehen.
Mola."
Kurt Unruh hatte immer schneller gelesen. Man merkte es ihm an, daß jeder Satz ihn freute. Als er zu Ende war, drückte er den Kneifer fester und sagte: „So, das wäre der Brief! Ich weiß ja allerdings, daß Du mich wieder anulkst. Aber beim neuen Bürgerlichen Gesetzbuch: das, das ist ein Weib! Die lass' ich mir nicht nehmen!''
„Sollst sie auch behalten, Sänstling!" brummte Fred Richter. „Viola — das sagt schon genug. Das Blaueste an Himmelblau näid Idealismus was es gibt."
„Bist nur neidisch! Im ganzen Brief kommt von Idealismus nichts vor. Das ist eben echte Vornehmheit, die ohne große Worte alles erraten läßt. So diskret ist der ganze Brief geschrieben, so sein und sicher > Junge, wenn Tu einen Kuß willst —" ~ .
„Allmächtiger, mach mich nicht unglücklich! Ser zufrieden, daß Tu für Deinen Geschmack was entdeckt hast. Ich find' den Bries ja gräßlich." ,
Kurt Unruh zuckte verächtlich die Schultern.
„Geschmackssache. Ihr Mediziner seid ein rohes Pack, ohne Sinn für Höheres. Der Kadaver blerbt Euch dre Hauptsache. Gut, daß Viola nicht in Deine Hände gefallen ist. Tas Seelische bannt mich — hier dieser Passus: Es gibt manche einsame Seele im lauten Berlin eine em- fönte —u
„Blonder!" schrie Fred, „wenn Du weiter liest, gibt"A ein Unglück. Nicht ein Tropfen bleibt von Deinem Kognak
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Seufzend entschloß der Blonde sich also, den Brief zum drittenmale ganz für sich zu genießen, während Fred Richter eifrig zur weiteren Sichtung seines Briefpakets überging.
Plötzlich erscholl ein wohlgefälliges Grunzen. Eist zweites folgte nach einer Pause.
„Habemus papam!" lachte er dann und schlug mit der Faust auf den Tisch, „zu deutsch: ich hab' die Kröte, die ich will. Mensch, Sänstling, patz auf und halt' Dem Gemüt fest. Tas ist ein anderer Brief als Deiner. Das ist — das ist überhaupt kein Bries, das ist 'ne Wonne - mit einem Wort! Basta!"
Er goß sich einen Kognak ein und füllte ein zweites' Glas daneben. .
„Darauf müssen wir anstoßen, Kurt. Bor Freude möcht' ich Dich niederboxen und mich dann an Demem Bart aufspießen. Begreifst Tu das? Du wirst es begreifen, wenn Tu das hörst. Also zunächst: überhaupt keme lieber- schrift! Tas ist mir schon sympathisch. Es geht gleich forsch los:
Ein lustiges Mädel im blühenden Alter von zwanzig. Jahren hat das gefühlvolle Ins rat der beiden Freunde gelesen und sich schändlich darüber gefreut. Es ist je b tja grade Frühling und die Töchterschülerinnen laufen um den Goldfischteich — da läuft auch mein narrisches Herz und, da's keinen anderen Weg im Augenblick weiß, geht s auf diesem Schleigweg einer Annonce nach. ,Mrtrauen hat»


