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ja nicht titel, aber das braucht's gar nicht. Und die Diskretion schenk' ich Euch auch, weil Ihr ja doch nicht wißt, Wer ich bin.
Weshalb ich eigentlich schrieb, weiß ich selbst kaum. Vielleicht um die Zeit bis zum Mittag zu verkürzen, den ich nicht erwarten kann, denn heut gibt's jungen Spargel, messieurs, und den ess' ich heidenmäßig gern. "Im übrigen bin ich natürlich hübsch und lustig wie der Spatz im Kirschbaum. Der Netteste von Euch soll an mich schreiben. Am besten unter der Marke „Taugenichts", postlagernd natürlich, nach der Genthinerstraße. Tut er's nicht, so geht uns beiden nicht viel verloren!
Ach Gott, wenn der Spargel erst fertig wär'!
Mit vielen fröhlichen Grüßen
Ter „Taugenichts"."
Fred Richter ließ das Blatt noch nicht sinken. Er schnalzte mit der Zunge und starrte wie verklärt darauf hin.
„Junger Spargel — Taugenichts — ein närrisches Mädel von zwanzig Jahren — Hurra, Kurt, wenn Tu nicht mitschreibst, box ich doch!"
„Na, hör' mal Fred, grade bedeutend kann ich den Brief wirklich nicht finden. Wenn Du meinen dagegen hältst — —"
»Ist er wie Wassersuppe gegen Spargel, verstanden? Ach, Mensch, Mensch, so ein liebes Göhr, lustig, praktisch, ohne Kunstphrasen — heiliger Virchow, die hat das Herz auf dem rechten Fleck! Weißt Tu, wir pirschen uns 'ran, und Sonntag geht's dann ins Grüne wie früher, als ich hrer zu studieren anfing. Boot fahren, Walzer tanzen, durch den Wald marschieren und sich dann für den kräftigen Hunger einen Happenpappen bestellen — Sänftling, das bleibt doch das Schönste!"
Der Sänftling packte die geöffneten Briefe zusammen und sagte: „Jeder nach seiner Art. Ich glaube nicht, daß Viola dabei sein wird. Es ist merkwürdig, wie der Charakter sich schon in der Schrift zeigt. Der Taugenichts schreibt deutsche und Viola lateinische Buchstaben; der Taugenichts kritzelt und Viola hat mehr eine stille, feine, ruhige Art. Sie hat auch zarteres Papier, Fred — das kannst Tu nicht leugnen."
„Tu' ich auch nicht. Aber sie ist doch ein patentes Mädel. Wenn Resi so wär' — —"
„Mehr Taugenichts als Viola ist sie immer! Hält' sie Verständnis für das Höhere —"
Er seufzte.
„Nanu, Kurt?"
„Ach, ich — meinte nur, wir könnteit jetzt nichts Besseres tun, als an die Erwählten schreiben. Ich habe — der meinen viel zu sagen."
„Schön. Gib mal Papier und Feder her."
Es dauerte nicht lange, so war es in der Jttnqqeiellen- wohnung des Assessors Kurt Unruh wieder sehr stillt Nur ine Feder kritzelte.
Und als die beiden Vettern in ein nahegelegenes Hotel gingen, um geineinsam die Mittagsmahlzeit einzunehmen, wurden zwei Briefe deut ttächsten Kasten übergeben, deren Adressen lauteten:
„Taugenichts" „Viola"
Berlitt Berlin
Postamt Genthinerstr. Postamt 87.
Postlagernd. Postlagernd.
Trittes Kapitel.
„Tie Leute haben Unrecht, lieber Konsul", sagte der Rittmeister a. D. Heinrich von Wersen, „der militärische Wert der Kavallerie wird stetig mehr erkannt werden. Es handelt sich nicht nur um den Ausklärungsdienst, sondern auch die großen Reiterattacken, über die so viel geschimpft wird, haben ihre gute Berechtigung. Man -übersieht ewig den moralischen Faktor! Lassen Sie Infanterie avancieren — gut. Ta steht Mann gegen Mann. Aber selbst den tapfersten befällt ein Zittern, wenn plötzlich die Erde dröhnit und die Reitermassen wie der Sturmwind anfegen."
Ter Konstrl, Resi Bergmattns Vater, lächelte und hob das Glas.
„Ihr Wohl, lieber Rittmeister — gegen Ihre Erfahrung will ich nicht mit. Heda, Fred — Tu kannst der Resi ruhig noch ein Glas einschenken!"
Fred Richter sah etwas verdutzt hinüber.
„Natürlich, natürlich! Tas HM ich wabrhaftig über
sehen — soll mich Gott strafen. Na, es war nicht böse gemeint, Resi."
Sie verzog lustig den Mund, während der Wein glucksend ins Glas rann.
„Ein Galatttuomo wirst Tu nie werden. Bester", antwortete sie, „aber so zerstreut wie heut warst Du selten. Wie geht's Deiner Praxis?"
„Tanke, Cousinchen — gar nicht geht sie. Bon meinen Sprechstunden nimmt tagelang kein Mensch Notiz, und wenn einer kommt, bringt er höchstens eine Rechnung. Ich geschlagener Mann muß derweil bei dem prachtvollen Frühjahrswetter in der Bude sitzen! Schauerlich! Nächstens werd' ich selber krank und verschreib' mir eine Kur in Tirol."
„Berlin ist wohl auch zu laut und zu lärmend", fiel Hedwig von Wersen ein und sah mehr Kurt Unruh als Fred Richter an.
Der Assessor strich langsam die drei Barthaare.
„Lassen Sie gut sein, gnädiges Fräulein — auch im lauten Berlin gibt es so manche einsame Seele, deren stille Reinheit das Lärmen und Treiben nicht berührt."
Resi Berginann bekam plötzlich eilten Schlucken und hielt sich das Taschentuch vor.
„Kurt", lachte sie dann, „hast Tn etwa solche einsame Seele gesunden?"
Er wurde beinahe rot.
„Aber ich bitte Dich — ich meinte nur so. — Na und vielleicht — vielleicht hast Tu auch recht."
„Natürlich ist die Seele weiblich, was? Und Tu mit Deinem Exterieur hast diese einsame Seele in so reine Begeisterung versetzt, daß sie Dir zuliebe ihre Einsamkeit opfern möchte, gelt? O Kurtchen, Kurtchen!"
„Ich versteh' Dich nicht, Resi", erwiderte er nervös. „Was willst Tn eigentlich von mir? Wir haben andere Ideale, das ist natürlich, aber Tu tust gerade so, als hättest Tu alle Weisheit der Welt gepachtet und unsereiner wär" ein grüner Jünge."
„Trink, Kurt, spül' den Aerger 'runter. Ich weiß, daß ich unausstehlich bin. Aber sieh mal, laß Tich nicht von solcher einsamen Seele beschwindeln. Der Kniff ist zu alt."
Er zuckte nur die Achseln.
„Wenn es Dir recht ist", sagte er, „wechseln wir das Thema."
Sie war ihm -ganz entschieden unangenehm, so hübsch, und nett sie sonst war. Aber was tat's, jetzt wußte er, wo er Verständnis und Anregung fand.
Heimlich drückte er die Hand gegen die Brusttasche. Ter zweite Brief von Viola knisterte darin: der Brief aller Briese, ein Brief, von so sanfter Melancholie durchhaucht, daß sein ganzes Herz in Aufruhr geraten war.
Um sich jemand mitzuteilen, ging er zu Fred hinüber, der im Nebenzimmer verschwuttden war. Im Nebenzimmer war das kalte Büffet aufgestellt.
„Krebsschwäuze in Till", sagte er leuchtenden Auges.
„Komm her, Sänftling, und mach den Mund auf."
„Wirklich vortrefflich. Uebrigens Tu — die Resi ist heut wieder mal ganz unleidlich. Findest Du nicht?"
„Meinetwegen. Ist mir ganz egal. Ich hab' den Taugenichts und bin dadurch mit dem ganzen Geschlecht ausgesöhnt."
„Den wievielten Brief hast Du?"
„Ten dritten", antwortete er und kaute mit vollen Backen.
„Alle Achtung! Viola hat mir erst den zweiten geschrieben."
„Wieder so bläulich?"
„Wieder so tief, meinst Tn. Mach mir keine Witze, Fred. Wahrhaftig, wenn eine persönliche Zusammenkunft das Gefühl, das di- beiden Briefe in mir erregen, noch, verstärkt, dann — hm, dann wär' es nicht ausgeschlossen, daß ich sie heirate."
Fred Richter machte große Augen und psiff durch die Zähne.
„Keine Uebereilung, Blonder! Aus der „Viola" entpuppt sich womöglich eine Viola tricolor, das heißt eine alte Jungfer, die Tein „Stiefmütterchen" sein könnte."
„Deshalb möcht' ich ja eben, daß wir uns in einigen Wochen treffen."
„Tausend, Tu gehst mit Eifer an die Sache! Ich glaub' kaum, daß das so schnell geht. Ja, wenn Tu Deiuer Dul- -inea so sicher wärst, wie ich des „Taugenichts" — na, dann


