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der heiligen Nacht auf dem Felde bei Bethlehem, damit auch diese Armen dankbar und freudig mit einstimmen in den Lobgesang der Engel: —
„Ehre sei Gott in der Höhe!
Und Friede auf Erden!"
Friede aus Erden? Ach ist es denn nicht ein eitler Wahn, von einem Frieden zu träumen, der doch so fern zu sein scheint? Wo ist der Friede? Hat ihn jemals die Welt gesehen, den Frieden, den wir ersehnen, und der uns doch verheißen ist in der Heilsbotschaft der heiligen Nacht? Hat er jemals auf der Erde gewohnt, und wird er jemals bei uns einkehren? Ich höre die Spötter und Zweifler sagen: „Aus dem Kirchhofe ist der Frieden, dort, wo der Kampf endet und das Leben erlischt. Das Leben kennt keinen Frieden, das packt uns mit seiner rohen Gewalt und schlägt uns Wunden und verursacht uns Schmerzen, daß wir aufschreien in unserer Not, aus der uns weder Beten noch Fluchen hilft. Daß wir die Zähne zusammenbeißen in stummer Wut und uns vergeblich ausbäumen gegen ein Geschick, von dem wir keine Ruhe uno keinen Frieden zu erwarten haben in dem harten Kampfe ums Dasein. Die Menschen befehden und bekriegen sich. Sie hassen sich tödlich- und einer sucht den andern von seinen: Platze zu verdrängen. Tie Völker stehen in blutigen Kämpfen einander gegenüber und verderben die Früchte langjährigen Fleißes, indem sie die fruchtbaren Fluren verwüsten und die Stätten stillen Glückes zerstören. Wo also ist der Friede auf Erden?"
Ja, wäre denn das Wort der Engel nur leerer Schall? Ist denn wirklich das Heil nicht in die Welt gekommen, uns zu besreien von allem Bösen? Wohl tobt der Kampf, denn kämpfen heißt ringen und streben, und ohne Kampf kein Leben. Aber kämpfen wir denn nur ums Dasein, nur ums tägliche Brot? Nein, damit begnügen wir uns nicht. Wir jagen vielfach den Genüssen nach, die uns nicht glücklich machen, wir halten der Erde Güter für die höchsten und wertvollsten Schätze, weil wir die Güter des Herzens gering achten oder verloren haben. Die hieraus hervorgehenden Kämpfe sind uns nicht aufgezwungen, wir haben sie gesucht und sollen uns nicht dariiber beklagen. Tas ist es auch, was unsere Herzen so hart und unsere Augen so blind macht gegen die Not anderer. Aber gerade das Weihnachtsfest lrhrt uns, für das Wohl der Mitmenschen zu sorgen. Wir sehen ja auch welcher Segen uns aus der Sorge für fremdes Wohl erblüht, wenn uns Freude, Dank und Liebe aus den Augen unseres Nächsten entgegenstrahlen. Sollten wir daraus nicht erkennen, ivas ur.S not tut, und wie wir es anzufangen haben, daß der Friede auch bei uns einkehre?
Aber wie uns der Friede nicht von außen kommen, nicht durch irdische Gaben in die Welt gebracht werden kann, so dürfen wir auch nicht einen äußeren Frieden erhoffen, solange der innere Friede fehlt. Aber der allein ist es, der uns das Weihnachtsfest bringt, der Friede, der sich aus der Liebe in unsere Herzen eingießt, jener Friede, den die Welt nicht geben kann. Möge draußen der Kampf toben: den Frieden der Seele kann uns keine Wucht nehmen.- Wenn ihn jeder sich errungen und erkämpft haben wird, dann wird er auch in der Welt zu spüren sein, und in Wahrheit werden wir dann ausrusen können:
„Friede auf Erden!"
„Und den Menschen ein Wohlgefallen!"
Fast zwei Jahrtausende sind vergangen, seitdem die frohe Botschaft in der Christnacht verkündet wurde. Die Worte der Engel sind nicht im Winde verhallt, sondern sie ertönen immer wieder und immer wieder. Wie die Christbäumchen stammen und leuchten durch die Nacht, so flammt und leuchtet auch die Kunde von der Menschwerdung des Herrn fort und fort. Wenn es auch oft scheinen will, als ob es vorbei sei mit dem Christbaum, — es scheint doch nur so. Unsere ganze Kultur ist doch durchtränkt und belebt von dem Geiste des Christentums, und christliche Liebe und Barmherzigkeit wirken überall. Der Geist lebt und schafft, und aus den Werken christlicher Liebe erwächst ein Segen, den zumeist die Armen und Schwachen empfinden. Sind es doch auch gerade die Armen, denen das Evangelium gepredigt wird. Doch nicht allein gepredigt wird es ihnen mit Worten, sondern auch mit Taten. Da wirken tausend und abertausend Kräfte in Kirche, Schule und Staat. Doch 'ncbt «mir den Gemeinden und Behörden wollen wir die
Verrichtung der Liebeswerke überlassen, nein, jeder einzelne, der den Hauch der göttlichen Liebe an sich selbst verspürt, und den ein gütiges Geschick gesegnet hat mit den Gütern der Erde, jeder einzelne aber auch, dem sonst ein Gut verliehen ivard, durch das er wirken kann, soll mitbauen und arbeiten an dem großen Werke der Liebe. Und heute ist Weihnachten, heute ist der rechte Tag dazu! Dein Herz ist so reich an Glück, so erfüllt von der Liebe. O, spende nun auch denen, die sich sehnen nach einem Fünkchen dieser Liebe, nach einem Schimmer dieses Glückes! Die Christbäume duften so süß, die Kerzen leuchten so helle, die Freude jauchzt, und dre Meihnachtslieder tönen überall. Wie die Kinder gehofft haben aus den heiliggen Christ, wie wir hoffen mir eine schöne, glückliche Ze.it des Friedens, so hoffen Tausende auf uns und unsere Hilfe. Spenden wir doch von dem Reichtum, der in unseren Händen und in unseren Herzen liegt! Tann wird es ja bald hell werden weit umher, wo jetzt noch die Finsternis herrscht. Endlich wird ja dann der ganzen Menschheit der Weihnachtstag anbrechen, der uns bringt, was uns verheißen ward:
„Ten Menschen ein Wohlgefallen!"
Erich zu Schirfeld.
(Nachdruck verboten.)
Wotans Ierlsöung.
Novelle von Robert Kohlrausch.
(Fortsetzung.)
Ratlos, ohne Plan stand er da; wohin sollte er sich wenden? Ein unerklärliches Gefühl trieb ihn abwärts in die Tiefe der Schlucht; aber dem dunklen Ahnen fehlte der feste Grund, und er überlegte eben, ob es nicht geratener sei, bei den Bewohnern des Dorfes zunächst Erkundigungen einzuziehen, als ein Anblick ihn traf, der ihn mit Schrecken und Freude zugleich erfüllte. Auf einem ganz schmalen, in die Grasnarbe eingefchnittenen Pfade, der unten führte, sah er den Wdruck eines Fußes. Eines feinen, schlanken Fußes, der in den hier weicheren Boden sich deutlich eingeprägt hatte. Die Bergbetoohnerinnen ließen so zierliche Spuren wohl kaum zurück; vielleicht war hier der Weg, der zu der Vermißten führte! Mit verdoppelter Hast begann der Säuger den Abstieg, sorgsam den Pfad im Auge behaltend. Zuerst ging es mäßig, dann steiler berguntcr; der Weg, der nun unmittelbar am tiefen Abgrund entlang führte, wurde glatter, schlüpfriger, und der Sturm versuchte, den einsanien Wanderer von ihm hin- abzustürzen. Sein langer Mantel hinderte den Schreitenden; einmal glitt er aus und hielt sich mühsam am nassen Gestrüpp. Die Lust war schwül trotz des Unwetters, und so entledigte Rauchmanu sich der unbequemen Last, trug den Mantel noch für kurze Zeit über dem Arm, um ihn dann fallen zu lassen und dem Sturm preiszugrben. Ter nahm ihn, packte ihn, hob ihn aus und riß ihn fort, sodaß er für einen Augenblick wie ein großer, schvarzer Bogel in der Lust schwebte, um dann im wuchernden Lorbeer hängen zu bleiben. Erleichtert, aber trotzdem glühend vor Austreygung im Kampfe mit dem Unwetter, schritt der Sänger vorwärts. Noch einmal entdeckte er eine Spur des schlanken Fußes, dann war es damit vorbei. Der felsigere Teil der unteren Schlucht nahm ihn auf, und auch dieser enge, oft kaum mehr sichtbare Psad wurde steinig, fest und rauh.
Jetzt hörte er völlig auf. Er führte zum Gipfel einer Klippe hinan, die unmittelbar aus dem unten brausenden Wasser a ufstieg, hier war er zu Ende, verschlungen von einer öden, steinernen Wildnis. Rauchmann mußte stehen bleiben und Atem schöpfen. Hierher drang der Sturm nicht mit voller Gewalt; es war in der ungeheuren Einsamkeit dieser Felsschlucht verhältuismäßig geschützt und windstill. Der Suchende konnte die Kräfte sammeln und ungehindert umherspähen. Und indem er das tat, indem er noch ein paar Schritte vorwärts machte, um eine Fortsetzung des verlorenen Weges zu erzwingen, entrang sich seiner Brust. plötzlich ein dumpfer Laut des Entsetzens. Tart war sie, dort unten. Gerade zu seinen Füßen lag Ediths wie eine Tote dahingestreckt, auf einem schmalen Erd- Vorsprung zwischen Fels und Wasser, diesem so nahe, daß


