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die schäumenden Fluten ihr aufgelöstes Haar erfaßt hatten und daran zerrten, als wollten sie den schönen, leblosen Körper hineinziehen in ihre kalte Umarmung. Aus einer Wunde auf der Stirn floß Blut, und zuweilen rieselte ein Tropfen langsam in die brausenden Wellen, gierig von ihnen aufgefangen und fortgetragen in wildem Taumel.

Nur einen Moment stand Rauchmann, von Schrecken gelähmt. Dann gewann er alle Sicherheit und Energie zurück und prüfte mit scharfen Augen die Möglichkeit, zu Edith zu gelangen. Hier an dieser Stelle war das Bemühen vergeblich; sie selbst hatte offenbar ihren kühnen Versuch, noch weiter vorzudringen, mit dem Sturz in die Tiefe gesühnt. Jäh und senkrecht fiel hier die Felswand ab; kein Menschenfuß vermochte an ihr zu hasten. Ein einziger Weg war vorhanden, und der Sänger wählte ihn ohne Besinnen. Er ging etwa zwanzig Schritte zurück auf den: engen Pfade bis z-w einer Stelle, wo dieser, sich senkend, nahe über dem Wasser dahinführte. Dort schritt er ohne Zaudern in den aufbrausenden Schaum hinein und mit ihm abwärts, der Strömung folgend. Das Wasser war nicht sehr tief, wenn auch voin Regen angeschwollen, aber wild, reißend und gefährlich durch den steinigen, un­gleichen Untergrund, der den Füßen nur mühevollen Hält bot. Und doch, es gab kein Ueberlegen und Prüfen mehr für den Säuger. Alle Kraft zusammenfassend, trotzte er dem Andrang der Wellen, die gegen seinen Tritt sich aufzu­bäumen schienen, und ging langsam, mit ruhiger Sicher­heit, vorwärts bis zu der Stelle, wo Edith lag.

Jetzt toar er neben ihr, konnte sich zu ihr niederbeugen, ihren Kopf in die Höhe heben und in das Toben der Wasser hinein ihren Namen rufen. Aber kein Blick und kein Ton gab ihm Antwort. Regungslos lag sie in seinen Armen, und in dem grauen Lichte des wiisten Tages, der vor der Zeit erlöschen zu wollen schien, war ihr' Gesicht so leichenblaß, daß Rauchmann zum erstenmal dem Ge­danken an der: Tod erlag, den er unbewußt während all der letzten Stunden weit von sich hinweggescheucht hatte. Nun bekam dieser Gedanke Gewalt über ihn, wollte die Kraft aus seinen Muskeln saugen und den heißen Schlag des Herzens unterbrechen. Aber mit einem stolzen Zurück­werfen des Kopfes machte sich Rauchmann zum Sieger über den unsichtbaren Feind. Wenn es noch Hilfe gab, dann war Schnelligkeit ihre sicherste Dienerin/ und so beugte er sich nieder zu der leblosen Frauengestalt, hob sie auf seine Arme, drückte einen einzigen Kuß auf ihren schmerzlich geöffneten Mund und schickte sich an, sie hiriweg- zutrageu aus dem Bereiche der drohende» Fluten.

Wieder mußte er eine Strecke weit unter Felsenklippen einher im Wasser gehen, die teuere Last an seiner Brust. Nur Schritt für Schritt konnte er vorwärts dringen, den festen Grund zwischen Steingeröll msit den FKßen suchend, vom Wasserschaum umstäubt und in unablässigem Kampfe mit den gierigen Wellen. Er keuchte unter der Last des Mädchenkörpers; der Hut war ihm vom Kopse gefallen und von den Wellen sortgetragen worden, von der Stirn aber glitt ihm der Schweiß, während von oben der Regen in mächtigen Tropfen aus ihn niederfiel.

Jetzt konnte er das Ufer gewinnen und zwischen Fels­trümmern hinweg einen Weg sich suchen. Einmal mußte er Ediths Körper sanft niederlegen, um Kraft «ru gewinnen für die erneute Anstrengung, aber nach krirzer Rast nahm er die furchtbare Wanderung von neuem auf. Er kam wieder mehr in den Bereich des Sturmes, und ringsum ihn her tobte es so furchtbar zwischen den widerhallenden helfen, daß er denken konnte, er wandere als verdammter Geist auf dem Grrinde der Hölle und trage die Last seiner Sünden, mit sich in der Gestalt des geliebten Mädchens, ^lc$i nichts so sehr gestraft wie durch den Gedanken an die Moglrchkert chres Todes. Wirre Vorstellungen und Bil- oer zogen durch sein Gehirn, in dem er das Toben des aufgeregten Blutes fühlte. Bald war es mit seinen Kräften zu Ende. Taumelnd nur kam er vorwärts, keuchend, stöh- nksw^zürneird zugleich über die Schwäche des menschlichen

Und noch einmal mußte er hinein in die Wellen. Ein Haus schob sich vor, eine alte, halbverfallene Mühle, die er wieder erkannte, jueil er schon einmal, in der Schlucht aufwärts wandernd, vis zu ihr vorgedrungen war. Das graue Gemäuer fügte sich so eng zwischen Fels und Wasser, daß kein Fuß zwischen den beiden Raum und Stütze sand.

Wenn er aber den letzten Ansturm des Wassers überwand, das wußte Rauchmann, dann war er jenseits dieser Mühle auf gebahntem Weg, dann konnte er Menschen erreichen und Herbeirusen, die den geliebten Körper bergen und pflegen mußten. Und während alles um ihn her sich im Kreise zu bewegen schien, wahrend rote Lichter vor seinen Augen zuckten und ftemdartige Töne vor seinen Ohren klangen, einmal meinte er den Feuerzauber aus der Walküre" zu hören, ging er, instinktiv sich aegen die Vernichtung wehrend, die letzte Strecke des drohenden Wasserweges.

Jetzt aber hatte er gewonnen. Jetzt klomm er den niedrigen Abhang hinan, ließ Ediths Körper behutsam zur Erde gleiten, sah wie im Traume die Gestalt eines Menschen srch nähern und taumelte aus die Bank an der Mauer der verfallenen Mühle. Noch einmal die Töne, die Lichter, aber milder, freundlicher als zuvor, dann senkte Bewußtlosig­keit sich auf ihn nieder wie ein sanfter, weicher, nacht- farbiger Schleier.

Fräulein Häseler saß auf ihrem Zimmer und weinte; denn der Oekonomierat Zimmermann war am vorhergehen­den Tage abgereift. Sie hatte das Bauer mit ihrem Polly vor sich aus beut Tisch stehen und machte das Tier zurrt Vertrauten ihres Kummers, w. s vor ihn: durch mehr zu­treffende als höfliche Aeußerungen erwidert wurde. Bevor seine jetzige Herrin ihn gekauft hatte, war der Bogel im Besitz eines offenbar sehr ungebildeten Menschen gewesen, der ihn allerlei schlimme und unanständige Worte gelehrt hatte. Oft schien er sie lauge Zeit vergesse'» zu haben; auf einntal, aber kamen sie wieder an sein Gedächtnis, und er bediente sich ihrer dann um so nachdrücklicher, an­scheinend mit innerem Hachgenuß. Heute war solch ein Tag, und je sentimentaler bte Zitronendame wurde, um so häufiger schrie der Papagei ihr feinVerrücktes Luder! Verrücktes Luder!" oder andere Liebenswürdigkeiten ent­gegen.

Tu Heere, Polly, jetzt mußt Du nämlich ganz besonders lieb zu mir sein. ?lch, ich bin ja so schauderhaft unglück­lich. Nee, nee, daß mir das aber auch hat passieren müssen! Man hätte doch denken können, uitb jeder vernünftige Mensch hätt' es auch gedacht, daß ich nu endlich noch ein­mal, nee, nee! Abgereist is er. Ach Polly, die Männer!"

Lumpenhund!" schnarrte der Papagei.

Fräulein Häseler war ihm so nahe, daß sie ihn verstand. Nee, Tu, das mußt Du aber nu nich sagen. Ein Lumpen­hund is nämlich mein Philipp durchaus nich. Mein Phi­lipp! Ach wie oft hab' ich ihn so genannt in stillen Stunden, wenn mir der Mond auf mein Bett geschienen hat, aber nee abgereift is er. Und er war noch gar nicht einmal liebenswürdig; beim Abschied hat er gebrummt und ge­scholten und mir kaum die Hano gegeben, wo es doch eine Trennung vielleicht fier immer war. Ach, fier immer, Polly, fier immer!"

Bomben und Granaten!" fluchte der Bogel; nachdem! er aber so seinem Mitgefühl Ausdruck verliehen hatte, legte er den Kopf auf die Seite, bettachtete seine Herrin sehr aufmerksam und sagte dann mit Nachdruck:Du best ver­rückt, mein Kind!"

Ohne diesmal auf ihn zu hören, fuhr sie zu klagen fort.Nee, das is aber auch wirklich zu hart. Man kommt da her und will gesund werden, und wenn man auf der» besten Wege dazu is, dann bricht einem so ein grausamer Mensch das Herz. Nee, nee, das iS nämlich nich scheen von ihm gewesen. Und nu werd' ich natierlich and) wieder krank werden und noch viel kränker und werde wahrscheinlich sterben. Ja, Polly, sterben wer' ich und dazu bin ich eigent­lich doch noch gar nicht alt genug, und Du bleibst dann ganz alleene und hast keene Seele, die Dich versteht und sich um Dich kümmert."

Ter Papagei schaute sie wiederum, anscheinend mit Ueberlegung, einen Augenblick an, schüttelte dann seine Federn, wahrscheinlich zum Zeichen, daß er von ihrer Melan­cholie nichts wissen wolle, und gab seiner optimistischen Lebensanschauung durch die Worte Ausdruck:Erdbeeren und Schlagsahne." Vielleicht wollte er damit andeuten, was ihn über den Verlust seiner Herrin trösten würde.

Fräulein Häseler war beleidigt; das hatte sie nicht ver- drent.Du verstehst mich nicht mehr", sagte sie würdevoll, stand auf und trat auf den Balkon hinaus. Hier kam sie gerade in dem Augenblick an. als dar nachmittäglich von