Ausgabe 
24.12.1903
 
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1903. Htt. 192.

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Weiönachten.

Ehre sei Gott in der Höhe, Friede auf Erden

Und den Menschen ein Wohlgefallen!"

Es begab sich aber zu der Zeit, daß ein Gebot ansging vom Kaiser Angustns, daß alle Welt geschähet würde. Und diese Schätzung war die allererste und geschah zu der Zeit, da Cyrenius Landpfleger in Syrien war. Und jederinann ging, daß er sich schätzen ließe, ein jeglicher in seiner Stadt.

So beginnt die Erzählung von der Geburt Jesu. So lernen es die Kinder in den Schulen Jahr für Jahr. So hören wir es heute, und in unserem Innern klang es so, seitdem der erste Duft der Weihnachtstanne uns daran mahnte, daß das Weihnachtssest wieder vor der Tür stehe. Es ist die Erinnerung unserer frühesten Kiichhcit, die die Worte des Evangeliums in unser Gedächtnis znrück- ruft und lange verhallte Klänge wieder weckt. Klänge, so schön, so süß, so heimatlich! Sie führt uns zurück in das Elternhaus und gibt uns alles wieder, was wir einst be­sessen, vielleicht abvr verloren haben auf dem weiten Weg des Lebens.

Wie ist es doch möglich, daß die schlichte Erzählung von der Geburt des Heilandes solche Macht über uns hat? Ist es fast nicht wie ein Wunder, wie ein liebliches Mär­chen, dem wir lauschen, still, andächtig, aber fröhlichen Herzens? Ach, welch eine Welt tut sich doch wieder vor uns auf, und welch eine Welt suchen wir unseren Lieben zu schaffen, eine Welt voll Glanz, Frieden und Liebe! Die Kerzen flammen, die Augen leuchten, die Wangen glühen, und schneller schlagen die Herzen. Von allen Türmen tönen die Glocken so laut und hell, und überall hallt es:

Ehre sei Gott in der Höhe!"

Es ist das Gefühl des Dankes, das sich in diesen Worten ausdrückt, des Dankes für das Glück und die Freude, die der heutige Tag uns spendet. Wie waren wir doch noch vor kurzem so traurig und betrübt, so still und verzagt. ; Und nun erhoben wir unsere Augen und Herzen doch ^^dbr^zum Licht, nun sind wir doch wieder froh mit den Frvhlrchen, denn es ist ja hell geworden um uns und ln uns: es ist ja Weihnachten geworden!

Sp es nicht ein Märchen, das wir erleben, ein Rätsel, vor dem wir stehen? Woher kommt doch der Zauber, dein sich niemand entziehen kann und will?

Sind es die Gaben, die wir spenden und empfangen? Dazu bedürfte es doch nicht des Weihnachtssestes. Und es grbt viele, denen kein Baum angezündet wird, denen nie­mand den Tisch deckt, die aber dennoch die Poesie des Werhnachtsfestes empfinden.

Nein, es ist mehr als alles das: es ist die Liebe, die zu uns spricht, die in uns lebendig geworden ist, die Lrebe, die wie der Stern am Himmel leuchtet, der in

Heiligen Nacht über Bethlehem aufging und seitdem Wählt, hinein in die Welt, in die Häuser, in die Herzen.

Wenn die Lichter flammen am Tannenbaum, wenn die Au geil leuchten, und die Wangen glühen: es ist nichts, alS der Abglanz der göttlichen Liebe, die sich kundgegeben hat in der heiligen Nacht, da sie vom Himmel herabstieg auf die Erde, die Menschheit aus der Finsternis zum Licht, vom Tode zum Leben zu führen.

Es mag ja viele geben, denen das Fest nichts weiter ist als eine vielleicht liebe Gewohnheit. Es gibt vielleicht auch manchen, dessen Herz kühl und leer bleibt, wenn alles sich freut, und der mit überlegenem oder mitleidigem Lächeln auf jene blickt, die mit den Kindern wieder zu Kindern werden und freudig mit einstiinmen können in die Weihnachtslieder. Und auch solche wird es geben, die inißmutig und grollend beiseite stehen, weil die Gaben vielleicht weniger reichlich flössen, als sie erwartet hatten.

Ach die Armen: sie wissen nicht, was sie verloren haben, was sie entbehren! Doch woran liegt das? Weih­nachten ist doch ein Fest, das Von altersher seine Wurzeln hat in dem deutschen Familienleben, im deutschen Gemüt, in der deutschen Fröhlichkeit. Ja, gewiß. Aber wenn es das Fest bleiben soll, dann muß dem deutschen Volke auch das Gemüt, die innige Fröhlichkeit erhalten bleiben., Wer möchte zweifeln, daß es die Eltern gut meinen mit ihren Kindern? Tun sie nicht alles, was in ihren Kräften steht? Sie arbeiten, sorgen, ja entbehren und darben viel­leicht, um ihren Lieblingen den Weihnachtstisch zu decken. Mer nur zu oft übersehen sie dabei, daß sie den Kindern nicht nur die Hände, sondern auch das Herz füllen sollen. Nicht die Freude an den materiellen Gaben und Gütern ip die Hauptsache, sondern die Weihe, die von dem Christ­feste ausgehen soll, das Empfinden jener beglückenden Liebe, die wir empfangen haben aus der Höhe, und von der wir allen spenden, die uns nahe stehen, oder mit denen wir in Berührung kommen. Wie bald verlieren die irdi­schen Gaben ihren Wert, wie vergänglich sind sie doch! Tie Weihe aber, die Empfänglichkeit für das Hohe und wahrhaft Schöne, die wir in die Herzen der Kinder zu pflanzen suchen, das sind Güter, so wertvoll wie kein an­deres Gut der Erde. Sie bringen Segen noch int spätesten Alter und sind Weihnachtsgeschenke für die Ewigkeit. Wer die rechte Liebe schon als Kind empfangen hat, in dem wird sie bleiben, blühen und Früchte tragen, wenn längst die Jahre der Kindheit vorüber sind. Und er wird sich das Herz erwärmen an dem Feuer dieser heiligen Liebe, die ihn hält auf dem rechten Weg, sich und andern zum Heil. Nie wird ihm das Leben reizlos und öde werden, denn die in seinem Herzen entzündeten Weihnachtskerzen leuchten fort und fort, hinein in das dunlle Alter bis zum friedlichen Emde. Wem aber der Glanz der göttlichen Liebe so die Seele erhellt, der wird auch Herz und Hand nicht verschließen dem, der arm und freudlos neben ihm hergeht auf der Bahn des Lebens, sondern er wird gern mitteilen von dem ©einigen und Freude bringen in das Haus der Armen, damit es auch dort hell werde, wie in