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das Bataillon Zeuge des Ausmarsches der französischen Garde aus Metz. Die Offiziere begleiteten ihre Mannschaften und nahmen dann zum Teil rührenden Abschied von ihnen. Es war ein herrlicher Anblick, als die langen Züge der Kaiserlichen Garde auf der Straße vorbeidefilierten. Cie waren zum größten Teil in ernster Haltung und trugen ganz neue Uniformen.
Am Abend kam das Bataillon nach Ars in Quartiere. Den ersten Teil des Feldzuges hatte es jetzt hinter sich.
(Fortsetzung folgt.)
Maudereien aus der KaiserstadL.
(Nachdruck verboten.)
Ein Wunderkind im Konzertsaal. — Ter Umzug einer Zwei- hnndertiiihrigen. — Fortschritte in Dahlem. — Schreibstuben für Arbeitslose.
Zwar: „es ist alles schon da gewesen" wie der alte Ben Akiba in Gutzkows Uriel Akosta sagt; aber verblüffend bleibt manches darum doch wenn es wiederkehrt. Die Reihe der genial zu nennenden Geigerknaben, die mit dein Altmeister Joachim eingesetzt und neben.manch kleineren: Stern vor allem den Polen Bronislav Hubermann aufweist, hat ein neues Glied erhalten, das sich in der letzten Woche dem Berliner Publikum im Oberlichtsaal der Philharmonie vorstellte. Es ist der zehnjährige Franz von Verseh, der mit seinem großen Don, seiner erstaunlichen Technik und der Frühreife seines Vortrags das sonst so kühle Berliner Konzertpublikum zu wahren Stürmen der Begeisterung verleitete. Der Zehnjährige spielte ein T-moll-Konzert von Wiemawski, außerdem Bach, Paganini usw., und Joachim, der anwesend war, küßte den Kleinen mit den Zeichen tiefer Rührung und Heller Freude. Die alte Frage mochte auch ihm durch den Kopf gehen, die uns bei den Vorführungen allzufrüh Reifer peinigt, ob . der zarte Körper den unkindlichen nervenerschütternden Anstrengungen Widerstand genug leisten kann, ob die lichte Blüte nicht ein tückischer Todesfrost allzufrüh zum Welken bringt! Denn so Mele dieser Wunderkinder siechen dahin und erreichen nicht einmal das Alter Mozarts; an Joachims Jahrs kommt ganz selten eines! Es geht ihnen wie den Palmen in unserem nordischen Klima,' die auch nur in Ausnahmefällen zu einer vollen Entfaltung ihrer Kräfte bei uns gelangen. Um so wunderbarer erscheint uns daher die Zähigkeit der sogenannten Kur für st en Palme des Berliner Botanischen Gartens, über deren Schicksal ich früher schon einmal berichtet habe. Noch als Kurprinz brachte sie der Große Kurfürst vor 264 Jahren aus den Generalstaaten mit nach Berlin, wo sie ftn „Lustgarten", damals kaum mehr als-ein Küchengarten der Hofhaltung, eingepflanzt wurde. Als dann ipäter der Soldatenkönig kam und Exerzierplätze brauchte, hatte die Stunde des „Lustgartens" geschlagen. Derbe Soldatenfüße stampften den Grund fest, hier wie auf dem heutigen Königsplatz, wo am Sonntag die auch nicht grade hervorragenden Denkmäler Friedrichs des Edlen und seiner Gemahlin enthüllt worden sind. Es gibt überhaupt im Müchbilde Berlins nicht viel Boden, der nicht einmal Exerzierplatz. gewesen ist. Damals also — anno 1751 — mußte die Palme als Fünfundsiebzigjährige umziehen nach Schöneberg, wo sie 1820 ihrer Höhe wegen zum zweitenmale versetzt werden mußte und dem frühen Froste dabei fast zun: Opfer gefallen wäre. Und nun hat man ihr abermals gekündigt, und die Greisin — sie ist wirkliche ein weibliches Exemplar — bezieht jetzt das große Gewächshaus im neuen Botanischen Garten hinter Steglitz. Hoffen wir, daß ihr auch dieser Domizilwechsel gut bekommt, damit sie noch manchem Geschlechte Zeugnis ablegen kann von den guten und schlechten Zeiten, die sie einst gesehen! Der neueBotanischeGarten verspricht übrigens eine Sehenswürdigkeit allerersten Ranges zu werden. Wenn man die Potsdamer Chaussee, die über Friedenau und Steglitz führt, über den alten Herrensitz des Feldmarschalls Mrangel — heute Schloßpark-Restaurant — hinaus verfolgt, taucht hinter Strauchwerk und Chausseebäumen plötzlich auf einer mäßigen Anhöhe rechts ein langgestreckter, architektonisch sehr angenehm wirkender Glasbau auf. Das ist das neue Palmenhaus und um dieses her erstrecken
sich die neuen, reichgegliederten Anlagen des nun beinah fertigen Botanischen Gartens. Natürlich mangelt ihm noch das Mächtige, Schattenspendende der ehrwürdigen Baum- aruppen seines Vorgängers in Schöneberg; aber sein Charakter ist vielseitiger, seine Einrichtungen modern und anschaulich. Und wenn sicy seine Pforten Sonntag nachmittags zu freiem Eintritt öffnen, so sind die Steglitzer Bahnen voll bis auf den letzten Platz von neugterrgert Berlinern und schnellgewonnenen guten Freunden der Anlagen. Neben den Veranschaulichungen der Höhenflora, die ich im vorigen Jahre schilderte, interessiert besonders das Kolonialpflanzenhaus. Man sieht in dieser verhältnismäßig noch Keinen, aber entwicklungsfähigen Anlage die Gewächse des tropischen und subtropischen Gebietes der Erde vereinigt, und der Kolonialpolitiker von der Bierbank wie der wissensdurstige Schüler erhält dadurch eine ganz vorzügliche Ueberficht im Kleinen über die Erträgnisse der Kolonialkultur. Da tauchen die bei der Jugend so beliebten Kokospalmen neben den Oelspendern und Gummi liefernden Pflanzen auf; da prangt der Kaffeestrauch und der Kakaobaum, in winzigen Exemplaren nur, aber doch echt und lebendig, da sieht man die Bananen und Me- lonenaewächse, die Reisträger, Flaschenkürbisse und hundert, andere Nutzpflanzen. Das sind Anschauungswerte von gewaltigem Nutzen, und wenn der Berliner sich gerade in diesen Anlagen besonders zahlreich einfmdet, so beweist das, welch rege Anteilnahme ihm die Kolonien abnötigen,- ob er sie nun für wünschenswert oder überflüssig halt. Der Besuch des alten Botanischen Gartens, über dessen Schicksal noch immer nichts Gewisses verlautet, hat, trotzdem ihm außer der unlängst blühenden Victoria regia nur sein alter Baumbestand geblieben ist, nicht nachgelassen. Allerdings sind es nicht mehr Freunde botanischer Studien, die in seinen Wegen zwischen den geleerten Beeten umherspazieren, sondern Erholung suchende Großstadtmenschen, die den grünen Rasen lieben und die stattlichen Bäume, die noci) von seiner alten Herrlichkeit erzählen; auch Kindervolk, dem der Wechsel nicht unangenehm ist, da man jejt hier manche Freiheit genießt, die vordem ein richtiges kleines Verbrechen war, tollt darin umher. Hier und da sitzt wohl auch em Mensa;-, der mehr Zeit hat als ihm lieb ist, em Beschäftigungsloser,- den des Schicksals Ungunst aus der glatten Bahn des Erwerbs geworfen hat. Wenn er von der erfolglosen ^agd nach einer neuen Stellung müde und abgespannt, zurua.- kommt, bietet ihm die Oase im wirren Gewühl der Weltstadt eine Stunde wehmütiger Rast im Grünen, und er träumt vielleicht von den Baumkronen der Heimat, die vor Jahren über ihm rauschten, als er noch sorglos wie die lustigen Knaben in seiner Nachbarschaft strategisch organisierte Kämpfe miterlebte. Aus der Luit ist bitterer Ernst geworden und im Kampf ums Dasein verlernt auch, ihr noch das Lachen! denkt er;, ehe er sich erhebt und einen neuen Versuch macht. Vielleicht findet er heute Beschäftigung in einer der „Schreibstuben für Arbeits- 'lose", die der nimmer rastende soziale Hilfstrieb des Großstadtkörpers verschiedentlich geschaffen hat- Dort laßen Geschäftsleute, Buchhändler, Musiker, Schriftsteller usw, Adressen, Zirkulare, Musikstücke, Manuskripte usw. abschreiben, und manch Arbeitsloser kommt durch diese Einrichtung wenigstens über die gröbsten Sorgen emer oosen Periode hinweg. Freilich, allen ist auf diesem Wege auch nicht zu helfen! -
Abstrichrätsel.
(Nachdruck verboten.)
Wir wollen, was das Rätsel sagt, Uns, eh' wir uns entschließen.
Und jetzt zunächst das Nätselwort, Doch ohne e genießen.
Und noch ein Zeichen streichen wirr Das soll der liebe Leser hier!
Mög' es ihn nicht verdrießen.
(Auflösung in nächster Nummer.)
Auflösung der Steigerungsscherze m vor, Nr.:
1. frei, Freier. 2. Ritt, Ritter. 3. .Kelle, Keller. 4, hell, Heller, b. Wunde, Wunder.
Nedaltion: August Götz. — Rotationsdruck und $ Erlaß der Brüll'säen Universitäts-Buck.- und Etcindruckerel. N. Lärme. Gießen.


