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Monsieur le cur6, und werde Ihre Güte so wenig als möglich mißbrauchen. Zwei oder drei Sitzungen genügen vollkommen für meinen Zweck. Ich habe nämlich neuerdings daran gedacht, Sie als Johannes den Täufer zu verwerten. Es ließe sich allerdings noch darüber sprechen —" sein Mick glitt wohlgefällig und prüfend über die dunkle, mächtige Gestalt vor ihm — „aber doch: die Stimme eines Predigers in der Wüste, hm, hm —" er murmelte nur Noch undeutliche Worte, während seine Künstlerblicke begierig auf der Erscheinung oes Pfarrers weilten und die schaffende Phantasie ihm tausend neue Entwürfe vormalte.
Thymert hörte ihn nur mit halbem Ohr. Ihm war der ganze Plan verhaßt. Aber Guenn hatte ja gesagt, daß der Maler ihn ebenso gut haben müsse, wie sie selbst. Guenn wollte es so, das war Grund genug.
„War denn Johannes der Täufer uns Bretagnern ähnlich?" fragte das junge Mädchen neugierig.
(Fortsetzung folgt.)
Kriegserleönisse aus dem Aeldzuge 1870/71.
Fortsetzung.
Am Abend bezogen die Truppen wiederum Biwacks auf dem Schlachtfelde. In der Nacht entstand plötzlich ein blinder Alarm. Man hörte Pserdegetrappel und Soldaten Und befürchtete eine Ueberrumpelung. Es waren jedoch Teile der Armee des Kronprinzen, die nach Chalons an der Marne abmarschierten. Noch lange hörte man das Singen der vorbeiziehenden Truppen.
Am 20. August marschierte das Regiment nach St. Marie aux Chönes. Hier lagen noch überall die Leichen der gefallenen Garden. Bon jeder Kompagnie wurde eine Abteilung zu der traurigen Arbeit bestimmt, die Toten zu beerdigen. In der Nähe des Dorfes wurden Biwacks bezogen. Am 23. August marschierte das Regiment wieder nördlich bis in die Gegend von Pierre Villers, wo es Biwak bezog. Hier gab es große Mirabellenanlagen, und da die Soldaten vielfach das unreife Obst genossen, so brach unter den Mannschaften bald die Ruhr aus. Bei und in Pierevillers blieb das Regiment bis Ende August. Am 28. fand ein Feldgottesdienst statt, wobei das Abendinahl gereicht wurde. Am 31. August versuchten die Franzosen aus dem rechten Mvseluser im Norden von Metz einen Ausfall. Um diesen ochzuweisen, wurde auch die hessische Division von dem linken Moselufer herangezogen. Den Franzosen gelang es am 31., Noisseville und einige andere Dörfer den Deutschen abzunehmen und sie zurückzudrängen, doch! wurden sie am folgenden Tage aus diesen Stellungen wieder vertrieben. Die hessische Artillerie beteiligte sich dabei hervorragend an dem großen Artilleriekampf und bald stand das Dorf Noisseville in Flammen. Noisseville selbst wurde dann von dem hiesigen Regiment besetzt. Auf beiden Setten war mit großer Erbitterung gekämpft worden. Noisseville war ganz angesüllt mit toten Franzosen und Deutschen. Sogar auf der Kirchhofsmauer lagen gefallene Franzosen und Deutsche in großer Zahl neben- und übereinander. In den Gärten sah man Mele verwundete Turkos liegen, die sehr grimmige Gesichter schnitten, als unsere Soldaten vorbeikamen. Unsere Soldaten fanden am Abend einen französischen Kapitän der Garde, dem der Schädel abgeschossen war, der aber immer noch lebte. Man versuchte ihm Wein und Wasser einzuflößen, was er jedoch mit ablehnenden Handbewegungen abzuwetsen schien. Stabsarzt Dr. Weichel untersuchte ihn, fand aber, daß eine Rettung hier nicht mehr möglich sei. Am folgenden Morgen lebte der Kapitän immer üoch
Da die Franzosen am 2. September ihren Angriff nicht erneuerten, konnten die Truppen wieder zurückmarschieren. General von Manteuffel, der die Schlacht geleitet hatte, dankte den hessischen Truppen für die energische Unterstützung und sprach sich sehr lobend über ihre Haltung aus. An demselben Tage kam das 2. Bataillon des Gießener Regiments nach Rosselange, wo es bis zum 5. verblieb. Hier trafen die ersten Ersatzmannschaften des Regiments und Herr I. Homberger aus Gießen mit Liebesgaben für die Soldaten ein. Am 4. September fand ein Feldgottesdienst statt, und nach dessen Beendigung teilte General von Rantzau den Sieg bei Sedan mit. Er fügte hinzu: „Man sagt sogar, der Kaiser sei gefangen." Am Nachmittag wurde dieses Gerücht zur Gewißheit und die Gefangennahme des
Kaisers verkündigt. Zur Feier dieses Ereignisses spielte die Regimentsm.usik in einem Garten. Am 5. September wurde das Regiment beim Kochen des Mittagessens alarmiert. Ms die Einwohner des Dorfes die Truppen ausmarschieren sahen, riefen sie ihnen höhnisch zu, der Kaiser sei nicht »gefangen, Mac Mahon werde bald erscheinen. Ein Ausfall fand an diesem Tage zwar nicht statt, doch mußte das Regiment seinen Standort wechseln und kam bei Rezonville in Biwaks. Als es hier ankam, wütete ein furchtbares Gewitter. Die Soldaten konnten sich nicht hinlegen, weil auf dem Boden das Wasser in Strömen floß. Auch kein schützendes Lanbdach oder Zelte waren vorhanden. Man band Reisigbündel zusammen, auf die man sich nieder- setzte, während darunter hin das Wasser floß. Bon Rezonville nach Gravelotte fiihrte eine Pappelallee. Binnen einer Stunde waren von allen Pappeln die Aeste abgehauen, aus denen Hütten gebaut oder Reisigbündel hergestellt wurden. Das Mwak bei Rezonville gehörte zu den unangenehmsten Erlebnissen im ganzen Feldzuge. Beim Durchstreifen der Umliegenden Wälder fand man noch Leichen der am 16. August gefallenen Soldaten des Regiments. Während dieser Zeit kamen auch Transporte der bei Sedan gefangenen französischen Infanterie vorbei. Am 9. Sep»- tember konnte das 2. Bataillon das Biwak verlassen und es wurden in dem Dorfe Rezonville Massenquartiere bezogen. Der Ort war aber so überfüllt, daß auf die 7. Kompagnie nur ein Wohnhaus, eine Scheune und ein Stall kamen. Hier gelang es, für 10 Franken ein Schaflämmchen zu kaufen, das bald geschlachtet und 'gekocht wurde. Die stanzösische Suppe, die man daraus herstellte, war für alle ein ungewohnter Genuß. Am Wend des 9. wurde das Regiment alarmiert, weil die Beschießung der Lager vor Metz versucht werden sollte und man dabei einen Ausfall befürchtete. Es war sehr dunkel und regnete fürchterlich, sodaß die Beschießung bald äufgegeben wurde. Der Feind hatte keinen Ausfall unternommen und die Truppen konnten daher wieder zurückmarschieren.
Am 11. September wurde das Regiment für den Vorpostendienst bestimmt. Vom 11. bis 22. bezog es in Ars an der Mosel Quartiere, und am 23. kam das 2. Bataillon bei Vaux auf Vorposten. Wenn die Truppen in Ars auch nicht mehr so sehr den Unbilden der Witterung ausgesetzt waren, wie bei Rezonville, so kamen jetzt doch viele Typhus- Erkrankungen vor. Auch die Ruhr grassierte noch stark. Feldwebel Brrchhhäuser war ebenfalls an der Ruhr erkrankt und konnte sich nur mit größten Anstrengungen nachschleppen, wenn die 7. Kompagnie auf Vorposten zog. Zum Glück sand er manchmal in dem Eisenwerk bei Ars au den Feuerungsanlagen ein warmes Lager. Die Belästigung der Vorposten erfolgte durch die Franzosen am meisten am Nach- mittag. Vom Fort St. Quentin kamen manchmal riesige Granaten herüber, ohne aber erheblichen Schaden anzurichten. Auf den Feldern sah man zuweilen Frauen mit Kartosfelausmachen beschäftigt. Da dies aber zumeist verkleidete französische Soldaten waren und die Festung auch mit keinen weiteren Lebensmitteln versehen werden sollte, so befahl Prinz Friedrich Karl, der Oberbefehlshaber vor Metz, diese Arbeiten nach Möglichkeit zu stören und stellte hierflir eine Anerkennung in Aussicht. Eines Tages befand sich Sergeant Basel der 7. Kompagnie auf einem weit vorgeschobenen Unteroffizierposten, der wegen der Nähe des Feindes nur nachts abgelöst werden konnte, als sich wieder Arbeiter auf den Feldern zeigten. Durch einen wahlge- zielteu Schutz mit einem Chassepot-Gewehr streckte Basel einen davon nieder, während die anderen sich noch rechtzeitig in Sicherheit bringen konnten. Nach einigen Tagen erhielt Basel zur Belohnung das eiserne Kreuz. Am 28. September verließ Generalmajor von Wittich die 49. Bri- nade und au seine Stelle trat Oberst von Makler vom Infanterieregiment Nr. 84. Am 1. Oktober kam die hessische Division wieder aus dem Vorpostendienst heraus und nach dem Städtchen Gorze in Quartier, wo sie bis zum 29. Oktober verblieb. Auch jetzt traten Ruhr und Thyphus noch zahlreich auf. Die Truppen, die jetzt Reservestellungen ein» nahmen, wurden mehrmals alarmiert, doch fand kein Ausfall statt. Dagegen wurde fleißig im Exerzieren geübt, und auch Felddienstübungen wurden auf dem Schlachtfelde vom 16. August abgehalten. Am 27. Oktober wurde die Kapitulation von Metz abgeschlossen.
Am 29. Oktober besetzte das 2. Bataillon des Gießener Regiments das Fort St. Privat, und am Nachmittag war
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