634
in an muß sie hören. Selbst wenn alle Matrosen ans dem Torfplatz sich heiser schreien, klingt sie durch."
Thymert schien jetzt dem Klange ihrer jungen Stimme, die ihn immer an das muntere Plätschern eines kristallklaren Waldbachs erinnerte, ein willigeres Ohr zu leihen. Er wandte sich nach Hamor um, zog den Hut und sagte: „Pardon, monsieur, ich war ganz mit meinen eigenen Gedanken beschäftigt."
„Er möchte, daß Sie ihm Modell ständen", erklärte Guenn ungeduldig, jeder Augenblick des Zögerns schien ihr verlorene Zeit.
„Es würde mir zur größten Ehre gereichen, wollten Sie mir gestatten, Sie zu malen, monsieur le eure", begann Hamor sehr höflich, dann setzte er hinzu, während ihn: die Begeisterung aus den Augen leuchtete: „Ich habe auf diese Gelegenheit gehofft und gewartet, seitdem ich Sie in jener Nacht zum erstenmal zu Gesicht bekam."
„Nun, was sagen Sie?" drängte Guenn hastig.
„Ich glaube, ich bin nicht die geeignete Persönlichkeit dazu", erwiderte der Priester langsam, während sein Blick stolz an seiner alten, abgetragenen Soutane herabglitt; int stillen überlegte er, ob er wohl dasjenige besitze, was die Künstler damals an seinem Frühstiickstisch „Linien" genannt hatten. Er fühlte ein wahres Entsetzen vor diesem liebenswürdigen, tadellosen jungen Manne, dem er eigentlich nichts Stichhaltiges Vorwersen konnte. Noch vor wenig Augenblicken war er sich deutlich bewußt gewesen, daß er den Fremden hasse; der wilde Gedanke, ihn mitsamt seiner Künstlerhabe die Felsen hinabzustürzen, hatte sich seiner bemächtigt. „Vater, vergieb mir, wenn ich Mordgedanken in der Seele barg!" hatte er vorhin auf dem kleinen Friedhof gebetet. Sich auf der Leinwand dieses Mannes für ewig sestgebannt zu wissen, überstieg seine Kräfte. Hundertmal lieber wirklich im Käfig schmachten, niemals mehr frei umherschweifen, niemals mehr fühlen wie das warme Sonnenlicht auf der Wange glüht und die Haare im Seewind flattern. ... . „ ,
„Sie glauben gar nicht, was für euren interessanten Studienkopf Sie für mich abgebeu würden", fuhr Hamor dringender fort. , „ ,
Ter Priester starrte ihn ohne dre gerrngste Teilnahme verständnislos an, daun erwiderte er eisig: „Es wäre mir wirklich nicht angenehm, — ich hätte auch nicht die nötige Geduld dazu."
,O!" rief Guenn entrüstet aus. Beide Manner blickten nach ihr um, sie hatte ihre Stellung verlassen und schonte nun mit gerunzelter Stirn nach dem Pfarrer. ,
„Wie unfreundlich von Ihnen, monsieur le eure", brach sie heftig los. „Es ist eine solche Kleinigkeit. Ihnen macht's keine Mühe und Monsieur Hamor wünscht es so sehnlich. Es sieht Ihnen wahrlich nicht ähnlich, eine so geringsügige Bitte abzuschlagen."
Thymert schaute sie sprachlos an. Unter seinem trau- rigen Blick legte sich ihre Erregung.
„Ah monsieur le eure", bat sie schmeichelnd, „Sie tun es doch gewiß, wenn ich! Sie darum bitte. Monsieur wäre so glücklich darüber, ihm liegt nur an uns beiden etwas. Er malt Ihnen ja das schöne Bild für die Kapelle, warum sollten Sie ihm da nicht auch einen Gefallen tun? Er hat mich, warum sollte er Sie nicht auch haben? Er will nur uns beide! Gewiß, Sie können nicht nein sagen.
„Guenn, Guenn!" wehrte Hamor ihrenl Er;er lächelnd ab.
„Er will nur uns beide", tönte es seltsam im Herzen des Pfarrers nach. , . , . .
„Jetzt wird er einwilligen!" rief Guenn freudestrahlend, die bejahende Antwort aus seinen Mienen lesend.
Thymert trat zögernd näher. „Wenn Sie mich viel- leicht mit im Boote malen wollten?" bat er mit der rührenden Einfalt eines Kindes. Hier bot sich ja ein unverhoffter Ausweg. Wie hatte er daran auch nicht gleich denken können! Wenn er, ein Bretagner, noch dazu aus ihrer Verwandtschaft, mit dem kleinen Mädchen nach Paris gehen könnte, dann mochten die fremden Leute immerhin neugierig in ihr glühendes, strahlendes Antlitz starren, und ihre lieblosen, kecken Urteile über sie „wenigstens stand sie dann nicht mehr allein und unbeschutzt vor der
können wir uns ja noch überlegen", weinte Ha^ mor, mühsam ein Lächeln zu verbergen trachtend. ,,«ner£ muß ich einen Studienkopf von Ihnen entwerfen. Ich bm Ihnen außerordentlich dankbar für »chre Bereitwillig ,
bas feine, energische Näschen; die dunkelblauen Augen, aus denen Treue, Einfalt und Keckheit sprach, blickten gerade in die seinen; unverzagt stand sie da und führte das mächtige Ruder durch die weißschäumenden Wogen; es war eben Guenn, wie sie leibte und lebte. So stark, so schön — arme kleine Guenn! Nun würden alle fremden Herren und Damen auf der Ausstellung sie anstarren, sie würde in aller Munde sein, wie an jenem Morgen auf den Lannious; sie aber würde die Beschauer ruhig anblicken und weder furchtsam noch scheu werden. Wann hätte sich Guenn Rodellec auch jemals gefürchtet? Aber ach — war es nicht eine Schmach und Schande! — Dreitausend Franken! — „Louis Mvrot hat Geld im Ueberfluß", flüsterte die Stimme des Versuchers in seinem Innern. „Weiche von mir, Satan", erwiderte das Gewissen, „für meine Armen darf ich seine Hilfe annehmen, für mich nun und nimmermehr. Und dies wäre nur für mich! Es ist der Wunsch meines eigenen selbstsüchtigen Herzens; und doch — versprach ich nicht Barba für ihre Kinder zu sorgen?"
„Uns Malern läßt die Welt wenig Gerechtigkeit widerfahren", bemerkte Hamor in heiterem Tone. „Wvr von allen, die dies Bild zu sehen bekommen, denkt wohl daran, daß mich's monatelang schwere Arbeit gekostet hat und ich währenddem meinen Unterhalt bestreiten, meine Schulden bezahlen mußte, daß auch Farbe und Leinwand nicht auf den Bäumen wachsen? Ein Bild ist wahrlich kein Traum — der Maler ruft es nicht durch einen Zauberspruch ins Leben, es fordert harte Mühe und erwirbt ihm fein täglich S310t„©eui täglich Brot", dachte der Priester, dessen dunkle Augen blitzten, „und jch möchte das Bild in Stücke reißen und ins Meer werfen, damit die Leute in Paris es nicht anstarren." „ t T
„Tas Gute, das die Welt dem Künstler verdankt", fuhr Hamor in seiner Rede fort, „erkennt fie nicht, nur für seine Fehler und Schwächen, die doch nicht schlimmer sind als die anderer Leute, hat sie scharfen Tadel. Was weiß sie aber von Künftlerart! ■— — Stelle das rechte Bein vor, Guenn, wirf die Brust zurück!"
Mit hastigen Schritten eilte Thymert die Fel;en hinan. Sein Gesicht glühte wie nach einer starken körperlichen Anstrengung. ,
„Wollen Sie schon gehen, monsieur le eure", ries Hamor ihm freundlich nach. „Er hört mi.ch nicht mehr, er ist gänzlich in feine Gedanken versunken. Was kümmern ihn auch unsere kleinlichen Höflichkeitsrücksichten", dachte er bewundernd. „Er ist hoch darüber erhaben."
Thymert stand zwischen den armen, hölzernen Kreuzen des Friedhofs, aber heute dachte er nicht an die ertrunkenen Seeleute. Seine Augen sprühten Zorn, seine kräftigen Hände waren geballt. Der Seewind spielte in dem langen Haar seines stolz zurückgeworfenen Kopfes. „Mein Gott, mein Gott", rang es sich aus der gequälten Seele des jungen Priesters.
„Da kann ich nicht widerstehen", sagte Hamor zu sich selbst; „es ist eine zu prächtige Stellung; warte einmal, Guenn, ruh' Dich aus!" Mit wenigen charakteristischen Strichen ward Thymert dem Skizzenbuch einverleibt.
„Monsieur le eure", rief der Maler plötzlich heiter und unbefangen, „was würden Sie dazu sagen, wenn ich die Kühnheit hätte, Sie zu bitten, mir eine Sitzung zu erlauben? Wäre es nicht allzuviel verlangt? Hoffentlich erscheint Ihnen mein Wunsch ganz begreiflich!"
Seine Bewunderung für den Pfarrer der Lannious ivar eine so wahr und tief empfundene, daß er mit bescheidenster Zurückhaltung sprach, um Thymerts Stolz und Zartgefühl so viel wie möglich zu schonen.
Hamor, der lächelnd ans die Antwort wartete, schaute nicht von der Arbeit auf. Der Priester stand einen Augenblick mit geschlossenen Augen, langsam wich der Zorn aus seinen Zügen, ein Ausdruck düsterster Hoffnungslosigkeit, gepaart mit dem Mut der Verzweiflung, brach sich Bahn, — er schwieg noch immer.
„Monsieur le eure, warum antworten Sie Monsieur Hamor nicht?" rief Guenn mit sichtlichem Mißvergnügen."
„Störe ihn nicht", bat Hamor leise, „fei rücksichtsvoll gegen ihn. Ein Mann wie Thymert hat vielerlei zu be- benken."
„Nun, er kann doch auf eine höfliche Frage antworten", beharrte Guenn mit unzufriedener Miene; „er ist ja nicht taub. Und Ihre Stimme ist so leicht vernehmbar, Monsieur,


