befand sich nahe an der (Steife, wo Alice Durham und ein hübsches, dunkeläugiges Mädchen in einem grau und roten Tenniskleid im eifrigen Spiel begriffen waren. Alices Gegenüber, als der besten Spielerin, gehörte das meiste Interesse, doch auch Alice spielte gut; es war sehr frag­lich wer gewinnen würde, und alle Umstehenden waren höchst gespannt.

Ich hoffe, daß Tante gewinnen wird", sagte Weg Thornton.

Das hoffe ich ebenfalls", erwiderte Jane leise.

Ach seht, da ist Mama!" rief Lilly Thornton eifrig. Miß Gratton, nicht wahr, sie ist wunderschön?"

Jane blickte nach der anderen Seite, dort hielt Mrs. Thornton förinlich Hof, so umdrängte man sie, eifrig be­müht, ein Wort oder einen Mick von ihr Zu erhaschen. Ganz in kostbaren, dunkelgrünen Sammet gekleidet, welcher ihr goldenes Haar und ihren Teint aufs vorteilhafteste hob, sah sie in der Tat blendend schön aus. Sie saß zurück­gelehnt in einem Rohrsessel und hörte träumerisch der Unterhaltung einiger junger Männer aus ihrer Umgeb­ung zu.

Ganz voll Bewunderung für ihre schöne Mutter, fuhr die kleine Lilly eifrig fort:Ist sie nicht schön. Miß Gratton? Und dies reizende Kleid, möchten Sie nicht auch ein solches haben? Ich möchte es wohl! Wer Sie tragen immer nur schwarz; waruin tun Sie dies nur?"

Ohne zu beachten, daß es auf sein Geplauder keine Entgegnung bekam, fuhr das Kind fort:Tante Alice hat nie io schöne Kleider !vie Mama, und nicht halb io viel; ich glaube, Mama könnte das ganze Jahr hin­durch jeden Tag ein anderes Kleid anziehen. Doch Miß Gratton, was ist Ihnen, sind Sie krank?" fragte sie, ängstlich die Erzieherin ansehend, in kindlich besorgtem Tone.

Nein", antwortete Jane mühsam mit gepreßter Stimme.Sieh, ich glaube. Miß Durham hat das Spiel gewonnen", fügte sie hinzu, um die Aufmerksamkeit der Kleinen von sich abznlenken. Dies gelang ihr auch, das Kind wendete seine Augen von dem blerchen Gesicht ab und verfolgte lebhaft das Spiel.

Jane kämpfte mit aller Kraft gegen die sie über­kommende Ohnmacht;' vor ihren Ohren rauschte es gleich mächtig brausendem Wasser, welches über sie hereinzu- brechen schien; bald heiß, bald kalt, zitterte sie an allen Gliedern und behauptete mit Mühe ihren Sih; ihre Lippen waren trocken, ihre Augen trübe und naß; die Zelte, die frohen Gesichter, die bunten Gewänder, die Felder und grünen Bäume, alles war verworren und in steter Bewegung, die Musik erklang dumpf und fern. Nur eines sah sie klar und deutlich vor sich das schöne etwas blasierte Gesicht eines jungen Mar ies, welcher an Mrs. Thorntons Seite stand und mit einem müden Lächeln den Spielenden zusah. Sie hatte ihn sofort er­kannt. Es war das Gesicht desjenigen, welcher sie vor mehr als Jahresfrist von der Station abgeholt, welcher sie dann in dem matt erleuchteten Zimmer in seine Arme geschlossen und ihr zugeflüstert hatte, daß er sie heiß und innig liebe, und welcher so bald danach, an jenem Abend auf der mondscheinbeschienenen Terrasse ihr er­klärte, er wünsche sie nie mehr wieder zu >ehen.

Er sah sie jext nicht, und sie dankte Gott dafür und hoffte, daß es nicht geschehen werde. Und wenn er sie dennoch bemerken sollte, würde er sie sicher nicht erkennen, sie hatte sich ja so verändert! O, ganz sicher, er würde nicht erraten, daß das kleine, blasse, fchwarz- gekleidete Mädchen Jane wäre einst seine Jane.

Als einige Zeit vergangen war, und Janes Nerven sich etwas beruhigt hatten, ließ sie ihre Augen aus seinem Antlitz haften und sah, daß auch er verändert war. Er war mager geworden und sah abgespannt, lebensmüde aus; sein Gesicht war dunkel gebräunt, wie vom Aufenthalt in heißen Zonen; aber dennoch, so wie er war, sah er schön aus, schöner als all die andern ihn umgebenden Herren, stattlicher, edler, reifer. Er beobachtete das Spiel sehr aufmerksam und verfolgte die graziösen Bewegungen Alice Durhams fast unausgesetzt, und Jane bemerkte, tote Alices Augen den seinen mit einem freundlichen Mick be­gegneten.

Ta ertönte in ihrer Nähe die Frage:Wer ist der große, grau gekleidete Herr mit der gelben Rose im Knopf- koch? Ich meine den eleganten, jungen Mann, welcher «eben Mrs. Thorntons Stuhl steht."

Es ist einer von Warwicks Gästen", war die Antwort. Sieht er nicht schön und vornehm aus? Ich glaube, bemerkt stu haben, daß Mrs. Thornton sehr liebenswürdig zu ihm rst. Er soll reich sein und wäre sicher eine gute Partie für die niedliche Miß Durham, welche selbst kein Vermögen hat."

Ein mattes Lächeln glitt über die Lippen der bleichen, kleinen Gouvernante. Als ob das Geld Einfluß hätte auf Harry Yales' Gesinnung! Wenn Alice nur wahr und treu ist! Hub sie schien ja beides zu sein, treu und gut. Dazu war sie niedlich, sanft und graziös; wenn er sie heiratete, würde sie glücklich sein und auch ihn glücklich machen. Aber wie sollte sie, Jane, es ertragen, das Glück der, beiden mit anzusehen! Jane, die ihn immer noch so innig, liebte, die ihn lieben würde, so lange eine Spur, von Leben in ihr wäre.

All diese langen Monate hindurch hatte sie nichts von ihm gehört. Bald nach dem Tode ihres Bruders hatte sie eineu kurzen, sehr freundlichen Brief von Lady Yates erhalten, in welchem diese ihr Beileid bezeigte und ihre Unterstützung anbot. Aber Jane bebte zurück vor dem Gedanken, irgend welche Hilfe von Sir Harrys Mutter- an­zunehmen. Sie beantwortete den Brief sehr höflich und schrieb, daß sie sich entschlossen habe, eine ihr von Freun­den angetragene Stelle anzuuehmen. Lady Yales' Interesse an Jane war nicht groß genug, um wieder zu schreiben, so war jede weitere Mitteilung abgebrochen.

Als das tödliche Ohnmachtsgefühl vorüberging, ver­suchte Jane, den neuen, ihr bevorstehenden Kampf ins Auge zu fassen, sie wollte tapfer und mutig ringen und kämpfen. Sre konnte sehr gut eine Begegnung mit Sir Harry vermeiden, selbst wenn er nach Thornton-Hall kam; denn es bestand eine breite Kluft zwischen Mrs. Thorn­tons Gästen und der Gouvernante. Aber wie hart war das Geschick gegen sie, daß es ihr von neuem solche Kämpfe auferlegte!

Jane konnte sich später nicht erinnern, wie die Stun­den dieses Nachmittags vergangen waren, sie wußte, daß sie die Fragen der Kinder beantwortete, ab und zu ein applaudierendes Klatschen und heitere Musik hörte, daß sie hellen Sonnenschein aus der blumigen Wiese sah und grüne Felder, über welcbe die Damen in ihren hellen, leichten Sommerkleidern lustig dahin flatterten, aber alles war verworren, in weite Ferne gerückt. Nur eins war ihr klar und scharf im Gedächtnis, der Blick Sir Harrys, als er aus Alice zutrat, ihr zu dem gewonnenen Spiel gratulierte und sie dann nach dem Teezelt führte.

Einige Augenblicke nachher erhob sich Mrs. Thornton, trat hinzu und stand einige Minuten bei der Erzieherin.

Sie sehen nicht gut aus, Miß Gratton", sagte sie freundlich!.Ihnen ist sicher kalt, lassen Sie sich Tee geben, die Kinder werden gewiß auch froh sein, welchen zu bekommen. "

Sie nickte ihr beiter zu und schritt mit den ihr fol­genden Verehrern davon; Jane saß bewegungslos, sie hatte die Worte geh rt, aber kaum begriffen. Die Kinder aber sprangen lebhaft herzu und stimmten eifrig den Meinung der Mutter bei.

Jane stand auf, und alle drei schritten auf das Tee­zelt zu, wo sich viele kleine, runde Tische befanden und ein großer, auf welchem Kannen und Tassen standen.

Es war ein munteres, lebhaftes Bild; junge Männer in hellem Tennis-Kostüm vertraten die Kellner, indem sie Tee zu den älteren Herrschaften trugen und den jungen Damen Biskuits und Kucken brachten. Die Gäste waren alle froh und heiter, sie besprachen das Spiel und die Preise, während die Musik draußen spielte.

Sir Harry und Alice hatten einen kleinen Tisch für sich allein, Jane bemerkte das, als sie mit ihren Schüle­rinnen an das Ende des großen Tisches trat. Alice sah rosig und erregt aus, sie plauderte munter, und ihr Be­gleiter, den Kopf in die Hand gestützt, beobachtete sie mit einem Mick voll Güte und Vergnügen. Tie beiden sahen hübsch und glücklich aus,wie Liebende", dachte Jane bei sich, und selbst die Furcht, daß Harry sie sehen könnte, verhinderte sie nicht, das Paar mit großen, träumerrschen Augen zu betrachten.

Besorgt Ihnen jenmnd, was Sie wünschend ftagte eine freundliche Stimme an ihrer Seite, und einer der Vorsteher brachte eine Tasse Tee, welche Jane stehend leerte. Für sie war kein besonderer Tisch hergerichtet, kern