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(Nachdruck verboten.)
Kin MädBenschicksak.
Frei nach dem Englischen von A. Wendt, r' |'l
(Fortsetzung.)
Zwölf Monate waren beinahe vergangen, seitdem Jane zuletzt auf den toten Bruder geblickt, seitdem sie den Bräutigam fortgeschtckt hatte, und diese Monate waren hart zu durchleben gewesen. Jane hatte in dieser Zeit kennen ge- lernt, daß Armut, die sie so sehr fürchtete, nicht das größte Uebel rst. Sie war fetzt so allein, so verlassen und auf sich angewiesen in dem großen Hause. Zwar die Schülerinnen liebten sie, waren folgsam und gut und machten ihr keine Mühe, aber dennoch fühlte sie das Verlassensein immer mehr und mehr. Von der Zukunft hatte sie nichts zu hoffen — der Rückblick in die Vergangenheit brachte ihr tiefes Leid — mitunter kam eine törichte, wilde Hoffnung über sie, Sir Harry würde sie finden, ihr verzeihen und ihr all ihr verlorenes Glück wiedergeben — aber die Zeit rollte unaufhaltsam dahin, die Hoffnung erstarb und machte einer kalten, ruhigen Ergebung Platz.
Alice Durhams scharfe Augen sahen den freudigen Schimmer, der in den herrlichen, dunklen Augen Janes aufblitzte, als sie eintrat, und lächelte dem blassen, schwarzgekleideten Mädchen freundlich ermunternd zu.
„Wenn Ihr mir genug Atein zum Sprechen lassen wollt und mich nicht ganz erdrückt, habe ich eine gute Nachricht fiir Euchi", sagte Alice lachend, als die Kinder sich an sie hängten und sie jubelnd umarmten; „aber wenn Ihr mein Kleid verderbt, bleibe ich stumm."
Die Kinder jauchzten, zogen sich ein wenig zurück, aber blickten mit großen, erwartungsvollen Augen auf die Tante, welche die munteren, jungen Gesichter, die leider beide wenig von der Mutter Schönheit besaßen, freundlich anlächelte.
„Meine Schwester würde es gern sehen, wenn Sie und die Kinder mit zum Tennis-Tournier fahren wollten. Miß Gratton. Sie müssen wissen, es kommt heute zu Ende, und ich bin überzeugt. Sie werden ein gutes Spiel sehen. Kommen Sie gern? Es ist heute ein schöner Tag zur Spazierfahrt", setzte sie liebenswürdig hinzu.
„Mrs. Thornton ist sehr gütig", entgegnete Jane, „ich brn überzeugt, wir werden alle gern gehen, nicht wahr?"
„O, wie gern wir wollen!" rief die kleine Miß Thornton lustig. .
„Wir können nun unsere Bücher fortlegen, nicht wahr, Mrß Gratton? Es ist schon lange 12 Uhr vorüber!"
,,Ja, Ihr könnt gehen", sagte Jane, auch ihre Bücher berserte legend und Alice liebevoll betrachtend. Sie hatte ern treses, fast mütterliches Interesse für dieses Mädchen, welches doch vier oder fünf Jahre älter war, als sie selber;
ein Interesse, welches den, der es verstand und Begriff, tief gerührt hätte.
„Meine Schwester hat mir erzählt, daß Lady Smith so gütig war. Sie zu empfehlen", sagte Alice nach einer kleinen Pause, während die Kinder mit ihren Büchern beschäftigt waren, „Sind die Smiths alte Freunde von Ihnen, kennen Sie sie genauer?"
„Nicht sehr genau", sagte Jane langsam, indem sie sich zwang, ruhig zu erscheinen. „Mr. Smith war ein Freund meines Bruders."
„Ah ! Sie kennen also Mr. Smith?"
„Ich kannte ihn früher", antwortete die junge Gouvernante, während ein dunkles Rot ihr Gesicht- übergoß. Alice erblaßte merkliche als sie dies gewahrte, auch die Farbe war noch nicht in ihr Gesicht zurückgekehrt, als sie nach wenigen Minuten das Schulzimmer verließ und langsamen Schrittes ihr Zimmer aussuchte.
8. Kapitel.
Tas Spiel war in vollem Gange. Der Platz des Lawri- tennis-Klubs leuchtete förmlich und zeigte sich sehr vorteilhaft an dem schönen, sonnigen September-NachmittcA Tie Äuserwählten der Nachbarschaft waren vollzählig erschienen; die Gegenwart von Mrs. James Thornton besaß allein schon große Anziehungskraft, und viele junge Herren drängten sich danach, einen Blick, ein Lächeln aus den blauen Augen der gepriesenen Schönheit zu erlangen. Es war ein hübsches, munteres, buntes Bild, welches sich den Augen bot, als Jane mit ihren Schülerinnen in die Anlagen kam. Viele Wagen waren in dem Schatten der schönen Birken aufgefahren. Einige der Insassen hatten sich zu den Gruppen der Spielenden gesellt, andere hatten ihre Plätze innebehalten und beobachteten von dort das Spiel. In einiger Entfernung war ein Podium errichtet, und eine Musikkapelle ließ muntere Weisen von dort erschallen; ein rot und weiß gestreiftes Zelt für Tee und andere Erfrischungen, ein kleineres zur Seite mit dem dichten, grünen Laub der Bäume im Hintergründe; die leichten, hellen Toiletten der Tamen auf dem grünen Rasen — alles dies gab ein schönes, lebeuK- v olles Bild.
„Jst's nicht hübsch hier, Miß Gratton?" fragte Janes jüngste Schülerin, die Hand der jungen Gouvernante fest umschließend, als sie den Wagen verlassen hatten und sich den Plätzen der spielenden Tamen näherten.
Jane stimmte bei; die ganze lebhafte Szene war etwas neues für sie nach dem einförmigen Leben in der Schulstube und den einfachen Spaziergängen im Park von Thorn- ton-Hall. Es machte ihr Vergnügen, aber es mischte sich auch Trauer darein. Keins von allen diesen Gesichtern erhellte sich, als sie kam, kein Mensch erwartete sie oder beachtete auch nur das schlanke, schwarzgekleidete Mädchen, das mit den beiden blonden, kleinen Kindern in dunklert Sammetkleidern mit bunten Schärpen näher kam.
Tart stand ein leerer Stuhl, den Jane sich nahm, et.


