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Wie groß auch Guenns Fatalismus und Werglauben ,-in mochte, so war sie doch durchaus abgeneigt, der landläufigen Erklärung für die Bedeutung der kleinen blauen Ader beizustimmen. Ihre überschäumende Lebenskraft widersetzte sich dem Gedanken, um einer solchen Kleinigkeit willen rns Nichts versinken zu sollen. „Was heißt jung," was heißt alt?" sagte sie, trotzig die Achseln zuckend. „Seht doch die alte Josephe! Die hat auch die blaue Ader!"
„Ja, aber die betete ohne Unterlaß. Saint Divy wird Dir auch helfen, wenn Du fleißig betest", belehrte Jeanne. „Wenn Du nur weniger singen und mehr beten wolltest, Nannic, so könntest Du wohl alles mit Saint Divy in Ordnung bringen. Er ist gar nicht ungefällig und Du hast weit mehr Zett dazu als Guenn, von ihr kann man ja mcht verlangen, daß sie gar so viel betet."
„Ein früher Tod, ein früher Tod", wiederholte der Knabe eigensinnig.
„Ach geh' Nannic", begütigte SDiunor, „sei nicht so wunderlich, Du wirst uns noch ganz krank machen mit Deinem Unkengeschrei! Mir scheint „Divy" überhaupt ein recht unpassender Name für einen Heiligen; wenn er aber die kleinen blauen Linien um Guenns Augen gemalt hat, muß ich ihm für seinen guten Geschmack meine volle Anerkennung aussprechen. Wir wollen ihn von ganzem Herzen bitten, daß er uns Guenn und ihre schönen Augen noch viele lange Jahre läßt. Was würden wir auch ohne Guenn anfangen? Was sollte aus dem Bilde werden?" setzte er mit freundlicher Stimme und einem warmen Blick auf das Mädchen hinzu.
Noch vor einer Minute hatte sie jenes seltsame, schmerzliche Gefühl der Hoffnungslosigkeit beschlichen, das sie 1,16 gekannt, ehe Monsieur in ihr Leven getreten war, und das er mit einem einzigen Scherzwort so plötzlich und so grausam heraufzubeschwören vermochte. Hochzeitskleid und Bräutigam! Nun ja, warunr sollte er auch nicht davon sprechen? Und doch schnitt ihr sein sorgloses Ge- plauder rn's Herz. Der Gedanke an eine andere Be- ziehnng, als die, in welcher sie jetzt zu ihm stand, ihm dienend uiid ihn vergötternd, war ihr noch niemals in den Linn gekommen — wie wäre das auch möglich gewesen! Aber sie lebte und webte so mit allen Fasern ihrer Natur in, ihm und für ihn, daß ein Dasein, an welchem er kernen Beil hätte, ihr undenkbar schien. Sie ahnte es wohl als eine ferne Möglichkeit, daß er einst fortgehen müsse, aber sie gab dieser Vorstellung keinen Raum, außer in einzelnen, unglücklichen Momenten wie vorhin, als er vom Hochzeitskleide sprach. *
, top1' aber nicht nur die Anspielung auf eine bevorstehende Trennung, die sie zu übermannen drohte, vielmehr em dunkles Bewußtsein von der tiefen Kluft, die zwischen ihnen lag, über die hinweg er ihr zulächelte und scherzend seme Gaben und, freundlichen Worte verteilte. Eine tolle auf die unbekannte Zukunft, auf die fremden die sich zwischen sie drängen würden, ein echt weibliches Verlangen, ihm mehr zu sein, mehr für ihn tun su können, das immer wieder auf seine unnahbare Gleich? giltigkeit stieß, die,auch wohl eine Frau seiner eigenen Kreise hatte^ zur Berzweiflmlg treiben können — das waren die Enipfnidungen, die wilder Gewalt ihr Herz erbeben machten. JJiit einem einzigen Wort vermochte er den Sturm ihres Innern zu stillen. ,Ito)er Bild!' Wie sie es liebte! Lächelnd und hold errötend unter Hamors Blick, führte sie das Ruder und schaute so selig auf die bemalte Leinwand, wie ff”§e ^Eter auf ihr Kindlein, — so zärtlich, so voll schlitzender Sorge, und rührender Hingebung. —
to schon der Mühe wert, sie ein wenig zu reizen, sie sieht noch einmal so schön aus, trenn der Zorn dann verfliegt", dachte Hamor bei sich „Es ist wahr, ich vergesse allznleikht ihre Schwäche: sie will nun einmal' nichts von meinem Fortgehen hören. Sie möchte sich am liebsten ent r eben, ich bliebe für immer hier. Nun, wenn sie denn durchaus dem Vogel Strauß gleich den Kops verstecken will, so ist das ihre Sache und schließlich macheu's die Frauen ja alle fo"
Er Pfiff leise weiter und warf einen prüfenden Blick ttuf sein Werk. Nannic schwatzte unterdessen allerlei wirres Zeug, auf das Hamor nur mit halbem Ohr hinhörte, endlich wurde er jedoch tone, daß die Erzählung des Knaben kaum etwas anderes sein könne, als etne bretonische Lesart der Geschichte von Wälard und Hölöise.
„Es waren Liebesleute, erklärte Nannic plötzlich mit
natürlicher Stimme, „wie Mr.' Staunton und das fremde. Fräulein."
„Wie Mr. Staunton's Liebste möchte ich wohl sein", meinte Jeanne schüchtern.
„Soll das heißen, daß Dil gern Mr. Stauntons Schätzchen wärest?" fragte Hamor lächelnd.
„Mon dien — nein", rief Jeanne beschämt.
„Mr. Staunton ist gar kein übler Mann", bemerkte Guenn ernsthaft.
„Sehr verbunden! Ich werde ihm das wieder sagen." „Ich habe es ihm schon oft selbst gesagt", entgegnete Guenn gleichmütig, „ich'habe ihm gesagt, daß ich ihn ganz gut leiden mag, Mr. Douglas dagegen gar nicht."
„Warum denn nicht?"
„Ich weiß nicht, aber es ist einmal so. Daß man jemand gern hat, weiß man gleich, es ist aber sehr schwer zu sagen warum?"
„Aber Douglas ist doch immer freundlich zu Dir, Guenn!"
„Gewiß, ich habe ihn aber trotzdem nicht gern. Man hat doch die Leute nicht deswegen gern, weil sie freundlich zu einem sind."
„Einige Leute denken aber doch so."
„Zu denen gehöre ich nicht."
„Aber Jeanne z. B. sicherlich." Hamor blickte lächelnd in das sanfte Gesicht, auf dem sich kein stärkeres Gefühl spiegelte.
„Gewiß, Monsieur, ich habe alle Leute gern, die gut zu mir sind", erwiderte sie ernsthaft.
„Und wenn ich- jemand nicht leiden kann", rief Guenn ta aufwallendem Ungestüm bett Kopf zurückwerfetto, mit funkelnben Augen, „so kann er mich mit Gold überschütten, er mag flehenb zu meinen Füßen liegen, unb trenn er lächelte wie ein Engel Gottes, wenn er mir zu Gefallen die Welt umsegelte, mir die Sterne vom Himmel herunterholte, unb wenn er gut zu mir wäre, — so gut wie keiner auf Erben, ich würbe ihn deshalb doch nicht lieben, wenn ich ihn nicht liebte!"
„Und wenn Du ihn liebst, Guenn?" fragte Hamor leise, und versuchte in ihren Augen zu lesen.
„Wenn ich ihn liebe?" — ihre Stimme, noch eben so keck und herausfordernd, sank zu einem leisen, leidenschaftlichen Flüstern herab, — „wenn ich ihn liebe — dann mag er mich quälen, mich schlagen, mich hassen, mich hungern lassen und töten — ich werde ihn dennoch lieben — wenn ich ihn liebe!"
„Wen hast Du denn wohl auf diese Weise lieb, Guenn?" fragte der Maler. Er glaubte kein Unrecht zu begehen, wenn er der Laune des Augenblicks Folge leistete. Wo so das innerste Gefühl aus freien Stücken zum Ausdruck kommt, welcher Mann könnte der Versuchung widerstehen, sein Spiel damit zu treiben?
Guenn zitterte. Seine Augen suchten die ihren. Seine Worte klangen ihr wie süße, berauschende Musik in die Seele. Der Zauber seiner milden Freundlichkeit ivar unwiderstehlich, und wie er so zärtlich zu ihr sprach, hätte sie ihm zu Füßen fallen unb den Boden mit Küssen bebecken mögen, den er betrat. Wer dicht neben ihr, den klugen, fragenden Blick wie gebietend auf sie gerichtet, stand die Gestalt des blassen, kleinen Krüppels. Auch für ihn schlug ihr großes Herz voll warmer, innigster Zärtlichkeit. In mädchenhafter Scheu hocherrötend wandte sie sich mit einem fast rührenden Blick würdevoll von Hamor ab unb streckte bieHanb nach ihretoiBruber aus: „Meinen!Nannic!" klang die Antwort leise von ihren Lippen.
Hamor batte wohl etwas anbereS erwartet, blickte aber voll Bewunderung auf fie.
„Mann wirb denn Monsieur Staunton seinen Schatz heiraten?" fragte die praktische Jeanne mit ruhiger Stimme.'
„Ich glaube schon nächsten Monat", erwiderte Hamor.
„Werden die dann nach der Hochzeit alle* beide Bilder malen?" erkundigte sich Jeanne lachend; für fie lag in dieser Vorstellung etwas unendlich Komisches.
„Versteht sich."
„Ja, wer wirb aber bann kochen und die Kinder warten?"
Hamor lachte. „Jeanne, über diesen Punkt hoben sich chon weisere Leute als Du den Kopf zerbrochen. Wenn ie mich um Rat gefragt hätten —" er sprach mehr zu ich selbst, als zu seinen jugendlichen Hörern r— „ich hätte hnen gesagt: tut's nicht, und abermals: iut’i nicht.


