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Ich habe sie sprechen hören."

Wie ungezogen!" entgegnete Raffles lachend.Sie spricht nicht mehr durch die Nase, als Du. Ihre Familie ist deutsch; Miß Werner ist in Dresden auf der Schule gewesen und reist jetzt allein nach Hause."

Geld?" fragte ich.

Geh zum Kuckuck!" erwiderte er, und obgleich er lachte, hatte ich doch den Eindruck, daß es ratsam sei, den Gegenstand des Gesprächs zu wechseln.

Gut", sagte ich,also Miß Werner hatte mit Deinem Wunsche, daß wir uns als Freunde gegenüberftehen sollten, nichts zu schaffen? Führst Du etwas feineres im Schilde?" Das könnte wohl sein."

Willst Du mir nicht lieber sagen, worum es sich handelt?"

Raffles musterte mich wieder mit der alten Vor­sicht, die ich so gut kannte, und gerade, daß ich nach allen diesen Monaten so vertraut damit war, veranlaßte mich, in einer Meise zu lächeln, die ihn hätte beruhigen können, denn eine ungefähre Ahnung, worum es sich handle, war bereits in mir aufgestiegen.

Wirst Du auch nicht im Lotsenboot auskneifen, Bunny?"

Nicht ganz."

Also erinnerst Du Dich noch der Perle, worüber Du so schöne Verse . . ."

Du hast sie!" fiel ich ihm mit feuerrotem Gesicht, wie ich einen Augenblick in dem Kabinenspiegel sah, ins Mort.

Raffles schien überrascht zu sein.

Noch nicht", antwortete er,aber ich gedenke, sie zu bekommen, noch ehe wir Neapel erreichen."

Ist sie an Bord?"

Aber wie wo wer hat sie?"

Ein kleiner Offizier, ein Knirps mit einem senkrecht in die Höhe stehenden Schnurrbart."

Den habe ich im Rauchsalon gesehen."

Ja, das ist er; dort haust er den ganzen Tag. Herr Hauptmann Wilhelm von H., wenn Du in der Liste nach­sehen willst. Er reist in besonderem Auftrage seines obersten Kriegsherrn und überbringt die Perle."

Hast Du das in Bremen ermittelt?"

Nein, in X. von einem Zeitungsmenschen, den ich dort kenne. Ich schäme mich, einzugestehen, Bunny, daß ich deswegen dorthin gereist bin."

Dessen brauchst Du Dich nicht zu schämen", erwiderte ich, in Lachen ausbrechend.Du tust genau das, was ich neulich an der Themse hoffte, Dich Vorschlägen zu hören."

Du hofftest das?" rief Raffles mit weit geöffneten Augen, und in der Tat war jetzt er an der Reihe, über­rascht zu sein, und ich, mich mehr zu schämen, als ich es in Wirklichkeit tat.

Ja", antwortete ich,ich bin von dem Gedanken ganz eingenommen, aber ich hatte nicht die Absicht, ihn vor­zuschlagen."

Und doch würdest Du mir neulich Gehör geschenkt haben?"

Gewiß hätte ich das getan, und gestand das auch rückhaltlos ein, aber selbstverständlich nicht schamlos und auch _ nicht mit dem Wohlbehagen eines Menschen, dem ein solches Abenteuer an sich Vergnügen macht, sondern unwirsch, trotzig, verbissen, wie jemand, der versucht hat, ehrlich zu leben, und dem es nicht gelungen ist. Da ich einmal dabei war, sagte ich ihm auch noch mehr und schilderte ihm beredt meinen hoffnungslosen Kampf und meine unvermeidliche Niederlage, denn hoffnungslos war jener, unvermeidlich diese für einen Menschen mit meiner Vergangenheit, obgleich die Chronik dieser Vergangenheit nur in meiner eigenen Seele geschrieben stand. Es war die alte, alte Geschichte des Diebes, der versucht, ein ehrlicher Mensch zu werden; es geht gegen die Natur, und damit ist alles gesagt.

Raffles war durchaus nicht mit mir einverstanden und schüttelte den Kopf über meine altmodische Ansicht. Die menschliche Natur sei eiu Schachbrett, man müsse sich mit der Abwechselung zwischen schwarzen und weißen Feldern abfinden und dürfe nicht verlangen, sich entweder nur auf schwarzen, oder nur auf weißen zu bewegen, wie unsere Voreltern auf der Bühne oder in altmodischen Romanen. Ihm seinerseits gefalle es auf allen Feldern

des Brettes gleich gut, aber der Schatten der schwarzen lasse die Helligkeit der weißen nur noch mehr hervortreten. Meinen Schluß erklärte er für abgeschmackt.

Aber Du befindest Dich bei Deinem Irrtum in guter Gesellschaft, Bunny, denn alle billigen Moralisten predi­gen denselben Unsinn, und der alte Virgil war der erste und schlimmste Sünder von euch allen. Ich wette darauf, daß ich jeden Tag, wo es mir gefällt, aus dem Avernus emporsteigen kann, und früher oder später werde ich das auch tun, um nicht wieder in ihn zu versinken. In eine Gesellschaft mit beschränkter Haftpflicht werde ich mich wohl nicht verwandeln können, aber ich kann mich zurückziehen, solide werden und ehrlich leben bis an mein seliges Ende. Ich weiß nicht, ob das nicht schon mittels dieser Perle allein ausführbar wäre."

Dann hälft Du sie nicht mehr für zu auffällig, um sie zu verkaufen?"

Wir könnten eine Perlenfischerei pachten und sie mit anderer geringwertiger Waren finden. Das müßte nach monatelangem erfolglosem Fischen geschehen, gerade wenn wir schon im Begriffe wären, das Geschäft als hoff­nungslos aufzugeben und unfern Schuner wieder zu ver­kaufen. Bei Gott, das wird Lärm im Stillen Ozean machen!"

Nun, jedenfalls müssen wir sie erst haben. Ist dieser Herr von So-und-so ein gefährlicher Kunde?"

Gefährlicher, als er aussieht, und frech ist er, wie der Satan."

Noch während er sprach, flatterte ein weißes Damen­kleid an der offenen Kabinentür vorbei, hinter dem ich einen Schimmer von einem nach oben gedrehten Schnurr­bart erhaschte. ,

Ist das der Mensch, mit dem wir es zu tun haben? Hat er die Perle nicht dem Zahlmeister zu sicherer Auf­bewahrung gegeben?"

Raffles stand an der Tür und schaute nut gerunzelter Stirn über den Solent hinaus, wandte sich aber einen Augenblick später, die Nase rümpfend, nach mir um.

Mein lieber Freund, bildest Du Dir etwa em, bie ganze Schiffsgesellschaft wisse, daß sich ein solches Kleinod an Bord befindet? Du behauptest, es sei hunderttausend Pfund wert; in X. wurde es für geradezu un;chatzbar er­klärt. Ich bezweifle sogar sehr, ob es selbst der Kapitan weiß, daß Herr von H. es bei sich führt."

Ja, hat er es denn auch wirklich?"

Er muß es haben."

Also haben wir es nur nut chm zu tun?

Seine Antwort bestand in einer stummen Gebärde, denn wieder flatterte etwas weißes vorbei. Raffles trat hinaus und machte im Bunde der Spaziergänger den Dritten.

Ein schöneres Dampfboot, als dieSachsen" des Nord­deutschen Lloyd, einen liebenswürdigeren Herrn, als ihren damaligen Kapitän, und bessere Reisegefährten, als ferne Offiziere kann man nicht verlangen. Das zuzugeben, WM ich wenigstens keinen Anstand nehmen. Im übrigen war mir diese Reise widerwärtig, aber daran war niemand schuld- der etwas mit dem Schiffe zu tun hatte, ebensowenig das Wetter, das einförmig ideal war. Selbst rn meinem, Herze war der Grund nicht zu suchen, beim die Ehe zwischen meinem Gewissen und mir ioar längst getrennt, und dieser Urteilsspruch war unwiderruflich. Mit meinen Bedenklich­keiten war auch, alle Furcht geflohen, und ich war vollkommen bereit, mit derselben leichtherzigen Hingabe im Genüsse des strahlenden Himmels und der leuchtenden See zu schwelgen, als Raffles. Dieser selbst war es, der mir die Freude an der Reise verdarb, aber nicht er allein; Raffles und die Heze aus deu Kolonien, die von der Schäle nach Hause zurnü- kehrte, die waren es.

Was er an ihr fand allein das ist eine müßige Frage. Natürlich sand er nicht mehr an ihr, als ich, aber sei es nun, daß er mich ärgern oder für lueme lange Treulofigkeir strafen wollte: genug, er ließ mich von Southampton bw ins Mittelländische Meer ganz links «egen, um sich die em Backfisch zu widmen. Es war wirklich zu abgeschmackt, wie sie immer zusammenhockten. Schon beim Frühstück fing es an, und bis elf oder zwölf Uhr nachts gab es nicht e Stunde, wo man nicht Miß Werners näselndes Lachen und Raffles leise Stimme hörte, womit er ihr seinen Unsinn ins Ohr schwatzte. Unfinn war es selbstverständlich, denn