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Endlich beschloß er, zu Killarney zu gehen, obwohl es ! ihm einige Ueberwindung kostete.
„Denn", sagte er sich, „welches Recht hat Killarney, unser Verhältnis in dieser Weise zu läsen? Er sollte doch wissen, daß ich kein Verräter bin, daß irgend etwas Außergewöhnliches hier stattgefundeu hat."
Aber Killarney hatte mit dem ersten Zuge schon Brighton verlassen. James war mit Packen beschäftigt und konnte keine andere Auskunft geben, als daß fein Herr nach London gefahren sei, um die gnädige Frau Mutter zu besuchen, und daß er Befehl gegeben habe, zu folgen, sobald alles geordnet sei.
Mattersteig ging nach Hause und legte sich zu Bett. Er fieberte stark und hatte das Gefühl, daß eine schwere Krankheit im Anzuge sei; er war unfähig, irgend etwas zu unternehmen.
Durch ein heftiges Klopfen wurde er aus dem Schlummer geschreckt, mtb wie er die Augen öffnete, sah er, daß es heller Tag war.
Er rief „Herein!" und es ivurde ihm ein Telegramm übergeben, das er hastig aufriß uttb mit beit Augen überflog.
Aus Lonbon. Von Ralphs Mutter. Es lautete:
„Kommen Sie sofort. Ralph schwer erkrankt."
Er wußte es sofort, es durchzuckte ihn wie eilt Blitz, daß Ralph tot war. Das Telegramm entfiel seiner Hand, und er saiik schwer ins Bett zurück. Es erschien ihm auf einmal alles so gleichgültig. Erst nach einer Weile konnte er sich den Begriff „tot" klar machen, und damit kam ihm ein Anfall von Verzweiflung, die ihn bis ins tiefste aufrüttelte. Er biß die Zähne zusammen, um nicht laut aufzuschreien. Er selbst, er lebte noch! Er hätte sterben sollen und war den Tod geflohen ivie ein elender Feigling! Also Ralph, Ralph hatte das tun können, wovor er, der so viel ältere, zurückgeschreckt war.
Selbstmord! Was ist denn Selbstmord? Eine heroische Tat?
„Selbstmord ist eine Feigheit, die zu begehen man Mut haben muß!" philosophierte Mattersteig. Gleich darauf dachte er: „Also auch setzt noch bin ich imstande, Theorien schön zu formulieren, sie in glänzende Worte zu kleiden! Auch jetzt bilde ich noch Philosopheme und stelle Lehrsätze auf! Wie schade, daß niemand sie an greift, auf daß ich sie verteidigen könnte!"
Er lachte laut auf und schreckte heftig empor.
Mit einem Ruck erhob er sich.
„Werde ich wahnsinnig? Bin ich es schon?"
Er versuchte sich anzukleideit, kant aber nur langsam damit zustande. Wie er beinahe fertig war, fiel sein Blick aus das Telegramm, das am Boden lag. Er hob es auf.
„Welch ein Tor ich doch bin!" sagte er. „Warum soll Ralph nicht krank sein? Die Erregung hat ihn krank gemacht. Vielleicht, ja wahrscheinlich hat er nach mir verlangt, und ich —!"
Er machte eine Haiidbewegung, als wollte er die Schreck- gespenste verjagen, die sein Hirn verwirrten. Er fühlte sich sehr schwach, aber in seinem Kopse wurde es langsam wieder klar.
„Es kann noch gut werden", murmelte er; „noch gut! Er ist nicht tot. Das weiß ich jetzt."
Er fuhr mit demselben Zuge, bett er vor zwei Tagen in Marys Begleitung benutzt hatte.
Als bas Tor bes Killarneyschen Hanfes ihm geöffnet wurde, wußte er, baß ein Toter bar in tag.
Ja, er wußte es sofort; es brauchte bies ihm uiemanb zu sagen.
Oy, diese Häuser, in betten ein Toter ruht!
Mattersteig versuchte, sich zusammenzuraffen, während er die Treppe hinauf stieg. „Nur endlich einmal diesem schrecklichen Zustande der Unklarheit entfliehen!" sagte er sich, „diesem Wirrsal von Gefühlen und Gedanken, die mich erdrücken. Wieviel Schuld habe ich an dem Geschehenen? Ich will es wissen!"
Daun, während der Diener die Tür öffnete, dachte er: „Wird jetzt das Gericht kommen?"
Fran Killarney saß in der Nähe des Fensters. Sie wandte den Kopf, als Mattersteig eintrat, aber sie erhob sich nicht.
„Oh", sagte sie, indem sie thm die Hand entgegenstreckte und in sein Gesicht sah, „so wissen Sie es schon?"
Mattersteig nickte stumm, während er dachte: „Warum weint und kreischt sie nicht? Warum klagt sie dich nicht an und ruft den Fluch des Himmels auf dich herab? Oh, wie ruhig sie ist!"
„Haben Sie schon gewußt, ehe Sie kamen, daß —"
Sie zögerte fortzufahren, und Mattersteig sagte: „Ich ahnte es!"
Sie schwieg eine Weile, indes ihre Gedaitken zu wandern schienen.
Endlich fragte sie, sich langsam erhebend: „Wollen Sie ihn sehen?"
Sie gingen durch einige Zimmer hindurch, bis sie in ein duitkelverhängtes kamen.
Dort lag er auf einem schneeweißen Bett, frische Blumen zwischen beit gefalteten .Händen, Blumen auf der Brust. Sein Gesicht aber war mit einem Tuch verdeckt. Mattersteig faßte das Tuch, um es emporzuheben, doch Frau Killarney hielt ihm den Arm: „Oh, tun Sie das nicht! Sie werben ihn nicht wiedererkenueu!" Mattersteig hob bas Tuch, bennoch mtb blickte in ein wächsernes verzerrtes Gesicht. „Entschuldigen Sie", sagte er, sich abwenbend, mit toter Stimme, „ich mußte es sehen!"
Daun verließen sie das Zimmer. Frau Killarney setzte sich wieder in ihren Stuhl am Fenster und bat Mattersteig, bei ihr Platz zu nehmen. Eine lange Weile schwieg sie und sah zum Fenster hinaus.
„Es muß furchtbar feilt, so zu leiden!" dachte Matter-, steig, während er ihr blasses, lebloses Gesicht betrachtete, „ihre Seele ist wie eine zarte Pflanze, auf der ein schweren Stein wuchtet. Ihre Seele ist taub und fühllos geworden. Sie kann nicht einmal weinen."
Endlich sprach sie leise: „Er hat mir einen Brief hinterlassen. — Es ist auch einer für Sie da. Sie sollen ihn hernach haben. — Er schreibt, daß er in seiner Liebe eine große Enttäuschung erlebt habe. Das Leben sei ihm zur Last geworden und unerträglich. Und er ist nicht zu mir gekommen in seiner Not. Oh, in welcher Zeit leben wir'. Welche Zeit, in der Mutterhände die Schmerzen nicht mehr lindern, die Wunden nicht mehr heilen können, die das Leben ihren Kindern schlägt!" ,
Sie faßte Mattersteigs Hand. „Glauben Sie, daß ich schuld bin daran?" Eine unsägliche Angst sprach aus ihren Augen, die denen Ralphs glichen. „Glauben Sie, daß ich eine Schuld trage?" „
Es war inzwischen dunkler geworden. Die Schatten schlichen herein und standen ivie heimliche Feinde in den Winkeln, bereit, jeden Augenblick hervorzubrechen und unter ihren dunklen Tüchern alles zu erwürgen, was das Licht des Lebens hatte. Der ferne Lärm der Straße klang lute eine schwache Erschütterung; man fühlte ihn mehr, als daß mau ihn hörte.
Mattersteig hatte nicht geantwortet, itub Fran Killarney fuhr nach einer Weile fort: „Sie haben ihn ja auch geliebt, und er — oh, er hat Sie mehr geliebt, als Sie ahnen tönneit! Daß auch Sie ihn nicht retten konnten! Daß auch er zu Ihnen nicht gekommen ist in seiner Not! Daß er so in beit Tob gegangen ist, in dieser großen, großen Ein-, samkeit!" t
Mattersteig erhob sich. Er zog seine Hand aus denen der klagenden Mutter, die ihn streichelten, unbewußt vielleicht. Seine Kraft war zu Ende. Aus den Winkeln kamen die Schattengespenster, die mit würgenden Händen nach seiner Kehle griffen.
Er schöpfte mühsam Luft und stammelte endlich r „Ralph ist durch meine Schuld gestorben. Ich bin ftrn Mörder. . ."
Dann verließ ihn die Besinnung.
D i st i ch o «.
(Nachdruck verboten.)
Ist Beides getrennt, so nahen die finsteren Schatten. Ist Beides vereint, lädt es zu närrischem Spiel.
(Auflösung in nächster Nummer.)
Auflösung des Wortspiels in vor. Nr.: a. Aß, Sau, Ast, Eis, Bier, Stern, Eisen, b. Faß, Esau, Bast, Reis, Ubier, Astern, Reisen.
Februar.
Redaktion: Curt Plato. — Rotationsdruck und Verlag der Brtihl'schen Universitäts-Buch- und Steindruckerei (Pietsch Erben) in Gießen.


