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Und hätte der Liebe nicht!"

Eine Szene aus dem gleichnamigen Roman*) von Felix Hübel.

(Nachdruck verboten.)

Dem Rausche folgt die Ernüchterung, dem Traume das Erwachen.

Das Erwachen ist entsetzlich. Ein graues, kaltes, frösteln­des Gefühl, das langsam heranschleicht; mit feuchten, eisigen ? fingern über die Menschenkörper streicht, sodaß sie auf- chauern und erschrocken die Augen öffnen.

So war das Erwachen der beiden, die sich fest um­schlungen hielten, als ob keine Macht der Erde sie trennen könne. Und doch kroch in ihnen etwas empor, das die beiden Leiber auseinanderdrängte, das keine Gemeinschaft mehr zu dulden schien, das sich feindlich zwischen sie stellen wollte.

Beide fühlten, wie es an sie herantrat, wie es näher kam, wie ein Tier, das die Beute beschleicht, und ein leises Grauen ließ ihre Körper erschauern. Aber noch trennten sie sich nicht. Eine große Müdigkeit füllte Mattersteigs Seele, eine öde, farblose Müdigkeit, die sich verdichtete und verdeutlichte, je mehr er erwachte; zu einem einzigen Be­griff, zu dem Begriff: Sterben!

Er flüsterte dieses Wort in Marys Ohr. Sie nickte mit dem Kopfe.

Bor Tagesanbruch!" flüsterte er.

Ehe die Sonne scheint!" raunte sie.

Die Nacht war im Schwinden. Der Himmel hatte eine milchige Farbe angenommen, in der das Licht der Sterne ertrank. Der Hauch, der vom Meere die Straße herauf­wehte, war kühler geworden. Ringsum war kein Laut. Auch das Lied der Nacht war verstummt. Ganz aus der Ferne schien es noch einmal zitternd aufzuklingen; aber vielleicht war es das Rauschen der See.

Die beiden eilten die Straße hinab, die nach derPa- reibe" führte. Welch eine Ruhe zwischen den Häusern, die so still und verschlafen dalagen, mit den herabg^vgenen Borhängen, als ob sie die Augen geschlossen hätten. Die beiden sprachen kein Wort. Sie hielten sich bei den Händen und schienen von ein und derselben Absicht beseelt, deren Ausführung keinen Augenblick Aufschub erduldete.

Dann gingen sie dieParade" entlang, mit hastenden, unruhigen Schritten, die von dem monotonen rhytmischen Rauschen des Meeres übertönt wurden.

An einer Stelle führt eine gewaltige, breite, aus Stein­quadern gebaute Treppe mitten ins Meer hinein. Diese Treppe schritten sie hinab, einige Stufen nur; dann standen sie wie auf Verabredung still. Es war die Zeit der heran­kommenden Flut. Das Meer hatte eine graugrüne Farbe, nur der Gischt der Wellenkämme schimmerte weiß in dem Dunkel der hinsterbenden Nacht.

Langsam rollten die Wellen heran, eine nach der an­deren. In der Ferne leuchtete ihr weißer Kamm kaum sichtbar. Näher kommend wuchsen sie in die Höhe und ver­breiteten sich, bis sie einer rollenden Mauer glichen, einem beweglichen Walle. An der stachen Küste, die sich nach rechts und links dehnte, brach sich die erste, zerrann und verzischte in dem Gestein, das den Strand bedeckte. Aber der Strand verschwand nach und nach; stückweise schienen die gierigen Wellen ihn wegzufressen. Endlich brandeten die ersten Wogen bis an die Quaimauer. Gischt spritzte auf und zerstiebte; salziger Wasserstaub sprühte den beiden ins Gesicht.

Mattersteig erwachte wie aus einem Baun. Er faßte Marys Hand und sah ihr ins Gesicht.

Sie hatte ein seidenes Tuch um ihr .Haupt geschlungen. Das nur flüchtig aufgesteckte Haar hatte sich wieder gelöst, und einzelne Strähnen hingen herab. In ihren Augen war ein unruhig flackerndes Feuer, und die Hand, die Mattersteig hielt, zuckte fieberisch.

Jetzt hatte sich ein Wind aufgemacht, der kalt über das Wasser kam. Die Wellen flohen vor ihm. Sie folgten einander im raschen Lauf. Die weißen Schaumkämme schwollen, flatterten empor, zerbrachen und zerstäubten, und wenn eine Welle an der Quaimauer zerschellte, kam schon die andere hinter ihr. Ein schwellendes Brausen, das wie das Gemurmel Tausender ferner Stimmen klang, tönte über das Wasser, ein leise pfeifender Ton schrillte dazwischen

*) Soeben erschienen im Verlage von Hermann See­mann Nachfolger zu Leipzig. Preis Mk. 4..

wie ein hüstelndes Lachen. Neber den Wellen lag auf einmal ein fahler Glanz, ein ganz mattes, metallisches Glitzern, der Reflex eines Lichtes, das von irgendwo kam.

Eine der Stufen nach der anderen war von den Wellen verschlungen worden. Jetzt kam eine Welle, deren Gischt sich über die Stufe ergoß, auf der die beiden, Hand in Hand, regungslos standen. Und während das Wasser noch nach allen Seiten sich verlief, brach schon die nächste Welle über die Stufe.

Jetzt ist's an der Zeit!" sagte Mattersteig und schlang seinen Arm um Marys Taille. Seine Worte klangen wie ein Flüstern und waren heiser. Er blickte starr auf die heramageudeu, graugrünen Wellen, deren Schaum Heller und Heller aufleuchtete. Plötzlich dachte er au Sir Johns Bild, und er blickte aus das zitternde Weib herab, das er int Arme hielt.

Welle!" sagte er leise vor sich hin.Welle! konnte ich auch das vergessen?"

Sie hatte die Worte gehört und den Sinn verstanden. Jetzt liebst Du mich!" flüsterte sie, ohne aufzublicken. Er schlang plötzlich beide Arme um sie und neigte sich heffig vor, gerade als eine Woge sie bis an die Kniee durchs näßte und der salzige Gischt über sie hinstob. Mary stieß einen heftigen Schrei aus, befreite sich mit einem heftigen Ruck aus feinen Arm und sprang aus die nächsthöhere Stufe. Wie sie dort stand und mit angstverzerrtem Gesicht in die heranbrausenden Wogen blickte, geschah ein Wunder­bares: Ein flammender Lichtstreifen schoß über das Wasser und ließ es in allen Farben aufglühen. Die Wogen grollten nicht mehr, nein, in jauchzendem Uebermut kamen sie herangeschossen, im tollen ausgelassenen Spiele, sich jagend und sich überstürzend. Das Rauschen und Brausen klang wie der Gesang ferner Chöre, wie ein Hymnus an den Tag, an die Schönheit und an die Sonne. Am Himmel war ein Kamps. Graublaue Nebelfetzen wurden nach allen Rich­tungen gejagt, schossen hierher und dorthin, und eine Licht­slut strömte in hellen Flammen über den Horizont.

Ein berauschender Glanz ergoß sich über das Meer, ein Flattern und Zucken von Lichtern, ein Glühen und Schimmern, das die Augen blendete. Berge von Sonnen­gold und Meeressilber wälzten sich flüssig heran, rollten über- und durcheinander nnd lösten sich in schillernde Farben auf, wenn sie zerschellten.

Bis an die Hüfte stand Mattersteig im Wasser, den Blick starr in die Ferne gerichtet, als Mary ihn rief.

Martin! Komm!" schrie sie verzweifelt mit durch­dringender Stimme;ich kann nicht sterben! Ich kann nicht sterben!"

--Auch er konnte es nicht mehr, als er das Leben

rufen hörte. Er folgte ihr.

Mattersteig hatte den ganzen Tag aus dem Sofa ge­legen, halb bewußtlos und wie zerschlagen, unfähig, irgend einen Gedanken zu fassen. Als er sich gegen abend erhob, fand er auf seinem Schreibtisch einen Brief. An der Auf­schrift erkannte er sofort, daß er von Ralph Killarney kam. Er öffnete ihn und las:

Es ist unmöglich, daß Du das bist, was Du scheinst. Ich will es nicht glauben. Deimoch können wir uns nicht Wiedersehen. Und Mary? Ja, Du hattest recht, Du hattest recht! Ich kamt Dir dennoch nicht verzeihen, daß Du reckt hattest. Ich glaubte Dich zu erkennen, wie ich mich selbst kenne; aber jetzt finde ich, daß ich mich selbst nicht kenne. Wie konnte ich also Dich kennen? Melleicht wirst Du es für eine Phrase halten, wenn ich Dir sage, daß in mir alles tot ist. Du wirst sehen, daß es feine Phrase ist. Du hast mir mit Marys Liebe alles genommen, was ich besaß; alles! Denn auch Du selbst hast Dich mir genommen!

Adieu für immer! Ralph Killarney."

Wie oberflächlich er ist und urteilslos!" dachte Matter­steig, während er den Brief las.Oder verstehe ich nicht, was er meint? Jedenfalls gibt er mir den Abschied. Eine Unterredung scheint er für überflüssig zu halten. Soll ich den Brief beantworten?"

Er warf sich wieder aufs Sofa und dachte nach. Er las den Brief noch einmal, und ein tieferer Sinn schien ihm darin aufzudämmern.

Bin ich es, der oberflächlich ist?" dachte ,er;bin,ich nicht imstande, diese Worte zu deuten? Aber ich bin nicht mehr ich selbst, feit gestern, warum sollte er es sein?"