Ausgabe 
22.8.1903
 
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Erfahrungstatsache au§, daß das Wachstum eines jeden Menschen mit dessen 21. Lebensjahr aufhört, und daß sich alsdann namentlich dessen Knochengerüst nicht mehr ver­ändert. Ferner davon, daß sich nie zwei Individuen in allen Maßen gleichen, daß es aber sehr leicht möglich ist, etwa ihre Körperlänge, Armspanuenbreite, Sitzhöhe, Unter­arm-, Kleinfinger-, Fach-, Ohrlänge genau zu messen. Auf noch feinere Einzelheiten, die noch hinzukommen, können wir hier nicht eingehen. Genug, ein Kärtchen mit Ber- tillouschen Eintragungen, dazu die Photographien eines Individuums en face und en Profil sind ein Ausweis, durch den ein solches für alle Zeiten genau und untrüglich be- stlmmt ist. Solche Messungen muß. sich nun jeder gefallen lassen, es mag dies grausam erscheinen, aber Not kennt kern Gebcck! der irgendwie mit der Polizei in Konflikt kommt. Tiefe Ausweise werden mechanisch vervielfältigt und an alle Fahndungsbureaus abgegeben das Fahnd­ungswesen ist international:, und eine sinnreiche An­ordnung aller Vermerke darauf ermöglicht es, daß man jeden Karton binnen drei Minuten unter Tausenden heraus- fiudet, sobald inan ihn braucht. Weit einfacher, und wie wir sagten, genau so zweckdienlich, ist aber das neue Ver­fahren der Daktyloskopie. Wenn wir im Familienkreise die Fingerspitzen unserer Angehörigen vergleichen gar wenn ioir sie abdrückeu und vergrößern, . werden wir zwar zunächst viel Uebereiustimmcndes erkennen, bald aber auch gewisse Linien, Kurven, Wirbel, Verschlingungen, in denen ste sich unterscheiden. Darauf begründet sich das Ver­fahren der Daktyloskopie (Fingerbetrachtung), das in Eng­land und Indien bereits allgemein eingeführt wurde, in Deutschland vorerst nur in Dresden, außerdem in Wien. Seine Wichtigkeit aber beruht darin, daß sich die Finger- spchenlinien (Papillarlinien), bei einer und derselben Per­son überhaupt niemals verändern, von der frühesten Ju­gend £>18 zum spätesten Alter. Sie sind also fortdauernd unsere untrüglichsten Kennzeichen. Auch wenn sie einmal durch Zufall oder absichtlich abgeschliffen werden, kehren sie in genau der einstigen Form wieder. Sein praktischer eminenter Wert besteht darin, daß jeder beliebige Polizei- beamte oder auch Laie im stände ist, solche Fingerabdrücke einem Individuum abzunehmen. Er braucht nur dessen Fingerspitzen ein wenig mit Ruß zu schwärzen und ein Blättchen weißes Papier dagegen zu halten. Der Abdruck wird dann fixiert, an die Behörde eingeschickt,, hier photo­graphiert, vergrößert um das Studium zu erleichtern, und verglichen. Es nutzt also da z. B. einem Individuum nichts mehr, wenn es seinen Namen verleugnet. Ist schon von früher ein Abdruck seiner sämtlichen Fingerspitzen im Besitz der Fahndungsbehörde, so wird sie sicher und schnell herans- fmden, zu wem die neu eingesandten Aufnahmen gehören, von wem sie stammen. Es ist ein sehr beachtenswerter schöner Erfolg der Dresdener kviminalistischen Ausstellung, daß mehrere Vertreter auswärtiger deutscher und außer­deutscher Polizeibehörden sich ebenfalls für die Einführ- ung dieses praktischen und zuverlässigen Verfahrens ent­schieden, sobald sie seinen Wert hier erkannten. Allen diesen Verfahren steht auch noch die Durchleuchtung mittels der Röntgenstrahlen zur Seite, wie ein an den hiesigen Polizeipräsidenten gerichtetes verdächtiges Paket dartut, das dadurch vor der Eröffnung, die verhängnisvoll werden konnte, als Höllenmaschine erkannt wurde. Außer diesem lehrreichen Inhalt ist das kriminalistische Museum auch reich an vielen interessanten Einzelheiten, die in dieses Fe<ch schlagen. Daß die Dummen nicht alle werden, be­weist der sattsam bekannte spanische Schatzgrubenschwindel. Man sieht hier eine ganze Anzahl aus Spanien nach Dresden gesandter Briefe, die von solchen Leichtgläubigen bei der Polizei zu spät abgegeben wurden, nachdem sie bar» ouf hereingefallen waren. Daneben sehen wir gezeichnete j Karten und falsche Würfel, die Falschspielern abgenommen I wurden, Kassiber, diskrete Zettelchen, die gewisse Sträf- nnge aus der Zelle hinaus ihren Komplizen in die Hände jpEew raffinierte Werkzeuge zu Mord und Einbruch, wiedesfallen usw. Dazu konimen Abdrücke von Fußspuren und andern auf Erdreich, im Schnee, in Mehl, auf Kies, wie Menschenblut sich auf Tapeten, ga l?' etem verändert, andere darauf bezüg- llche, wie Fingerabdrücke auf allerhand Dingen und Schrift- zeichcu auf verkohlten Papieren wieder sichtbar gemacht j

i werden. Eine sehr interessante Zusammenstellung führt etwas in die Gaunerzeichen und Gaunersprache ein, eine andere in bw Geheimsprache der Evidenz- und Viailanz- I oehorde Ludwigs XIV. Das war ein gar raffinierter Mecha- | NlvNius. Jemand erhielt da als Paß ein ganz harmloses, I sjste übersichtlich mit allerhand Schnörkelwerk umrahmtes Kärtchen in die Hand gedrückt. Was darauf der schlichte j Znhalt der wenigen Schristzeichen verschwieg, plauderten dem Kündigen jene Schnörkel aus, deneii er anderswo jenen Paß überreichte. Da kennzeichneten schon die verschiedenen I p>arben des Papiers die Nationalität. Eine Kurve deutete an, ob der Mann reich, eine ob adelig oder bürgerlich, eine

I vb verheiratet oder noch ledig, oder schon verwitwet sei. j -öch Grunde alles eine recht kindliche Spielerei um lauter wichtige Tinge, soweit wenigstens die hier ausgestellten Proben erweisen. -Weiter enthält eine Abteilung zahlreiche Hilfsmittel desKriminellen", Verbrecheralbums, eine Handschriftensammlung von Hochstaplern, Mördern und Totschlägern, Falschmünzerii, Denunzianten, Drohbrief­schreibern, Einbrechern und dergleichen. Besonders origi­nell ist eine Brieffälschung auf photographischem Wege.

j Ter Gauner hat hierbei ans einem Originalbriefe gewisse Worte herausgeschnitten, in einer andern Reihenfolge zu­sammengeklebt und photographisch vervielfältigt. Dadurch kam ein völlig anderes Schriftstück zutage, dessen Schrift der Schreiber des Originalbriefes als seine eigene nicht verleugnen konnte. Für Hamburger Verhältnisse ganz be­sonders wichtig sind die Barkassen der Hafenpolizei und die elektrischen Boote der Kriminalpolizei, von denen je ein Modell ausgestellt ist. Ein Bild einer Gruppe von verkleideten Kriminalbeamten, wie sie ständig den Ham­burger Hafenunsicher" machen, zeigt, daß die heilige Hermandad überall ihre Augen hat, und photographische Apparate als Operngucker, zeigen, daß man in Hamburg keinen Moment sicher ist, daß einen vigilante Kriminal­beamte irgendwie knipsen. Mehrere Modelle veranschau­lichen auch die Unterbringung der Sträflinge in den' Ge- fangenenwageii und in den Zellen. Ein Tablean zeigt sogar Polizeihunde, über deren Verivendbarkeit die Mein­ungen freilich noch recht geteilt sind. Tas Polizeiamt Leipzig stellt mehrere interessante Reisepässe aus, dar­unter solche von Lortzing, Robert Schumann. Das Polizei­amt zu Dresden endlich berücksichtigt auch diepraktische" Seite. Man sieht da einen Kriminalbeamten von 1853 ab (wo es deren 301 gab), bis 1903 (wo es deren 1040 gibt) immer größer werden, und dementsprechend immer größer werdende Geldsäcke. In gleicher Weise hat sich aber auch die Kopfzahl der Einwohnerschaft in diesen letzten 50 Jahren rapid geändert. Deren Wachstum entspricht wiederum eine Zunahme der Verbrechen. Das hier geschilderte krimina­listische Museum im Bereich der deutschen Städteausstelluug ist ein hervorragend wertvolles Denkmal dafür, wie sehr die deutschen Städte, Hand in Hand mit den staatlichen Sicherheitsorganen, auf die Behütung der Staatsbürger gegenüber verbrecherischen Anschlägen aller Art bedacht sind.

Gemeinnütziges.

Die Entfernung von Schweißränderii auf Herrenfilzhüten läßt sich durch Abreiben mit Salmiakgeist ermöglichen..

Gleichklangrätsel.

Nachdruck verboten.

Er ist klein zwar, doch gewandt, Hat gelernt schon allerhand; Macht sich nützlich im Geschäfte. Jedem ist er wohlbekannt.

Täglich nehm' ich ihn zur Hand. Seine Spur zeigt sich im Hefte. Es liegt fern vom Lärm der Welt In des Waldes Lanbgezelt. Fromme Lieder hör' ich klingen, Die der Seele Frieden bringen. Jens Holmen. (Anflösung in nächster Nummer.)

Auflösung der Pyramide in vor, Nr.r

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Redaktion: Anaust Götz. - Rotationsdruck und Berlag der Birbl'sürn llnircrstläls-Bnck- und Steindruckerci.-'M. Lange, Gießen,