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„Nein, gar nichts", antwortete Nelly.
Vielleicht war es nicht ganz zufällig, daß der Baron Chauxville am nächsten Tage von Thors herüberkam, um seinen Besuch zu machen, und ganz unglücklich schien, als er hörte, daß der Fürst mit Herrn Steinmetz fortgefahren sei, um einen entfernten Teil des Gutes zu besichtigen.
„Meine Pferde müssen ruhen", sagte der Baron, indem er seine Pelzhandschuhe auszog. „Vielleicht empfängt mich die Fürstin."
Ein paar Minuten später wurde er in ihr Boudoir geführt.
„War das uicht Fräulein Delafield, die ich unterwegs auf Schneeschuhen im Walde sah?" fragte der Baron in tadellosem Russisch den Bedienten.
„Gewiß, Excellenz, sie ging vor einer halben Stunde mit ihren Schneeschuhen fort."
„Dann ist alles in Ordnung", dachte der Baron bei sich, als die Tür sich hinter dem Diener schloß.
Er trat ans Feuer und wärmte seine schmalen, weißen Finger. Ein böses, lauerndes Lächeln schwebte unter fein eint Schnurrbart.
Als Etta eine Minute daraus die Tür öffnete, verbeugte er sich tief und wortlos, aber seine Haltung verriet etwas lute Triumph.
„Nun?" sagte die Fürstin, ohge seinen Gruß zu erwidern.
Ter Baron zog mit der resignierten Ueberraschung eines Mannes, dem keine Frauenlaune neu ist, die Augenbrauen in die Höhe.
„Wollen Sie nicht Platz nehmen?" fragte er mit übertriebener Höflichkeit, indem er einen Stuhl heranrücktei „Ich habe Ihnen viel zu sagen. Uebrigens haben wir Zeit genug; e>hr Gemahl und sein Freund sind meilenweit entfernt, und Fräulein Delafield bin ich im Walde begegnet; sie ist auf ihren Schneeschuhen noch nicht ganz sicher und wird schwerlich vor einer halben Stunde zurück sein."
Etta blickte den Stuhl an und biß sich auf die Lippen; dann ließ fte sich langsam nieder und zog die Falten ihres kostbaren Kleides an sich.
//3ch^ habe das Glück, Sie allein zu treffen."
„Tas weiß ich bereits", antwortete sie kalt.
(Fortsetzung folgt.)
Ei» kriminalistisches Museum.
Tie Kriminalabteilung der Dresdener Polizeibehörde hat sich seit dem letzten Winter ein eigenes kriminalistisches Museum angelegt, das in erster Linie auf Dresdener „Falle" Bezug nimmt, auf sächsische aber doch insoweit, daß z. B. alle Münzfälschungen aus ganz Sachsen dahin abge- lrefert werden. Bedauerlicherweise bleibt diese Sammlung einer größeren Oeffentlichkeit vorenthalten, wohl aus einem 'uechen doppelten Grunde. Denn erstens muß sie natürlich alles Einschlagrge, z. B. alle Instrumente der Spitzbuben und Mordgesellen enthalten. Wenn diese jedermann zu Gesicht kämen, bestände die Gefahr, daß sie Schule machten. Außerdem könute daduru, allzu leicht einem unerfreu- uchen Sensationsbedürfnis Vorschub geleistet werden. Dies zeigte sich in einem Falle, in dem ein Teil der Schaustücke ausgestellt wurde. Er betraf die bizarren Mordwaffen der Jahnel. Diese hatte vor wohl zwei Jahren, nach der letzten Bungertpremiere im Opernhaufe den dort beschäftigten Kammervirtuosen Gunkel in der elektrischen Straßenbahn eoram publioo, erschossen. Sie bediente sich dabei zweier Revolver, die sie, mit künstlichen Blumen umwunden, schon auf ihrem Platze in der ersten Parkett- 5/chb >wihrend der Vorstellung mit hatte. Auf diese gefähr- IJ’ ” ^"monbundel konzentrierte sich damals das Jn- teresie der Besucher, namentlich der Damenwelt so sehr,
sts bald wieder entfernt wurden. Gleichwohl, - wie Kriminalpolizei sich am Kampfe mit den Verbrechern
, verbrecherischer Täten immer mehr der Oeffentlichkeit bediente, namentlich der Presse — hielt fie es doch für angezeigt, diese bei geeigneter Gelegen- W aud); einmal genauer über ihr sonst geheimnisvolles Walten zu unterrichten. Ein solcher Anlaß hat sich dieses ^ahr m der deutschen Städteausstellung in Dresden gefuu- tut' Ä bLef rF9*§fte<SU"r8 ^len andern Gebieten dar- g«-nnrUstoietoter^er ^et,e bie Stadtverwaltungen auf das Wohl der Bewohner der Städte bedacht sind, — so kenn
zeichnet sie dies auch in einer besonderen Art in einem großen kriminalistischen Museum. Zu dessen Zustandekommen haben sich die badischen und hessischeii Ministerien des Innern und die Polizeidirektioneu zu Braunschweig, Bremen, Chemnitz, Dresden, Hamburg, Leipzig, München ■ und Worms in sehr dankenswerter Weise vereinigt. Die Ausstellung füllt zwei große, in mehrere Kojen abgeteilte Räume. Der erste Eindrucr ist bei den Besuchern der, als ob sie ein großes Wachsfigurenkabinett betreten, und schon dies ist geeignet, ein besonders starkes Interesse bei weitern Kreisen zu erregen. Wir erkennen da in erster Linie zwei große Gruppen. Die größere von diesen umfaßt sieben lebensgroße Gestalten, die sich auf einem gemeinsamen Podium befinden. Es ist der Untersuchuugsraum itt einem modernen großstädtischen Polizeigebändei Wir sehen drei Beamte an drei Individuen mit den entsprechenden Apparaten Messungen gemäß dem Bertillonschen System vornehmen, die ein Kommissar an einem Pulte verzeichnet. Tie andere Gruppe, von nur zwei Personen, bezieht sich auf das noch viel einfachere und doch nicht minder zweckdienliche Verfahren der Daktyloskopie. Diese beiden sind die modernsten Blüten des Erkennungsdienstes zur Wieoer- auffindung, oder überhaupt zur genauesten Feststellung bestimmter Personen. Schon die alten Griechen kannten den Steckbrief, wie die Wiedergabe eines solchen, von Hamburg ausgestellt, im Museum beweist. Er wurde im Jähre 146 vor Christi Geburt hinter einem in Alexandria entlaufenen Sklaven erlassen. Seine Abfassung stimmt fast völlig mit den heutigen Steckbriefen überein und zeigt eine Genauigkeit, die jedem Schüler Bertillons Ehre machen würde. Bei diesen Steckbriefen blieb es in der Hauptsache bis ins vorige Jahrhundert — der als Küriosum im Original ausgestellte Steckbrief für Richard Wagner, 1853, ist Beweis dafür, — bis zur Erfindung der Photographie. Noch lange nachher wurde allerdings den „Pässen" eine ziemliche Bedeutung beigelegt. Mit löie geringem Rechte, kennzeichnet indessen eine hier ausgestellte Sammlung von 19 verschiedenen Legitimationspapieren in den verschiedensten Sprachen und von den Konsulaten der verschiedensten Länder, die sich ein Hochstapler zu verschaffen gewußt hatte, und mit denen er sehr erfolgreich agierte, bis man ihn entdeckte. Von größter Bedeutung auch für diesen Bereich der öffentlichen Wohlfahrt wurde aber dann, wie gesagt, die Photographie. Da werden, wie wir weiter in dem Museum sehen, zunächst die Tatorte irgend eines Verbrechens usw. so schnell als möglich ausgenommen, um das Milieu fest vor Augen zu behalten. Aus vielen Einzelheiten können nochmals wichtige Schlüsse gezogen werden. Da werden Ermordete oder Verunglückte von allen Seiten, auch mittels sinnreicher Vorrichtungen noch in ihrer ursprünglichen Lage am Orte ihrer Auffindung aus der Vogelperspektive, photographiert. Solche Aufnahmen sind später in den Gerichtsverhandlungen gewichtige stumme, doch beredte Zeugen! Dann endlich werden die Verbrecher selber, wenn man sie sestgenommen hat, verewigt. Und wenn man sie noch nicht hat, oder frühere Bilder von ihnen besitzt, dann tritt ein anderer höchst leistungsfähiger Apparat in Tätigkeit, der diese Bilder binnen kurzem hundertfach vervielfältigt. Wie wir sehen, tut dabei die Fixigkeit der Güte der Arbeit keinen Abbruch. Diese'Bilder werden dann mit Eilpostschnelligkeit allenthalben hin versandt. Freilich, die Photographie schützt nicht vor Täuschungen. Ein Verbrecher läßt sich die Haare schneiden oder rasiert sich den Bart ab, da ist er ein anderer. Im Laufe der Jahre) oft rasch infolge einer Krankheit, bekommt er ein verändertes Aussehen. Mehrere große Rahmen mit Photographien en faee und en profil belehren uns über die Schwierigkeiten, die so entstehen. Da sehen wir zwei Porträts nebeneinander, unerheblich verschieden, die wir für Bilder derselben Person halten, und sie zeigen doch zwei verschiedene Individuen, die sich nur verblüffend ähneln. Daneben hängen zivei Bilder, die viel weniger Gemeinsames haben, und die Person, auf die sie Bezug haben, ist doch eine und dieselbe. Ta erregte denn das wissenschaftlich durchgebildete „System" des Chefs des Jdentifikations- dienstes an der Polizeipräfektur zu Paris, Alphouse Ber- tillon, das größte Aufsehen. Es ist derselbe, der anläßlich des Treyfushandels viel genannt wurde, in dem er als Sachverständiger fungierte. Sein Verfahren ist in der ganzen Kulturwelt zur allgemeinen Geltung gekommen und erklärt sich kurz in folgendem: Bertillon geht von der


