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„Warum?" fragte Paul, indem er etwas Karbol über Charpie goß, in gleichgültigem Tone.
„Weil die Edelleute —" begann der Mann, — aber jemand stieß ihn von hinten an und gebot ihm Schweigen.
„Ihr braucht Euch vor mir nicht zu fürchten", sagte Paul, „ich klatsche nicht und nehme kein Geld."
_ „Warum kommt Ihr denu zu uns?" fragte eine Stimme aus dem Hintergründe. „Irgend jemand bezahlt Euch. Wer ist das?"
„Ah, Tula", sagte Paul, ohne aufzublicken. „Du bist auch da? Ja, Väterchen, das ist ein fleißiger, nüchterner Mann, der sein Weib nie schlägt, nie trinkt und sich nie Geld leiht. Ein nützliches Mitglied des Dorfes! Was fehlt Dir, Tula? Du bist wohl zu sparsam mit dem Branntwein nmgegangen; ich muß Dir ein Gläschen jede Stunde verschreiben."
Die Bauern lachten ein wenig, aber Paul, der sie kannte, fühlte ihre veränderte Stimmung gegen sich. Sie nahmen seine Hilfe, seine Arzneien noch immer an, aber sie begannen, an ihm zu zweifeln.
„Ihr habt ja auch Euren eigenen Fürsten", fuhr er furchtlos fort, während er die Wunde verband. „Er wird Euch schon helfen, wenn Ihr wirklich in Not seid."
Ein unheilvolles Schweigen begleitete diese Bemerkung. Paul hob den Kopf und sah sich um. In dein trüben Lichte der zwei rauchigen Lampen erblickte er einen Kreis wilder Gesichter, lind für diese Menschen arbeitet er seit Jahren. Der Anblick hätte ihm das Herz brechssn können, wäre er einer von denen gewesen, die an die Möglichkeit eines gebrochenen Herzens glauben.
„Nun, habt Ihr darauf gar keine Antwort?" fragte er.
„Ihr kennt ihn", antwortete der Mann, der früher aus dem sicheren Hintergründe gesprochen hatte: „wir Hrauchen Euch nichts zu sagen."
„Ja", antwortete Paul, „ich kenne ihn."
Er wollte sich nicht verteidigen.
„So, das wäre jetzt in Ordnung", fuhr er fort. „Sei reinlich und nüchtern, dann wird die Münde heilen; betrinkst Du Dich und gehst im Schmutz herum, so wirst Tu sterben. Verstehst Du mich, Iwan?"
Der Mann brummte etwas vor sich hin und trat ab, um einer Frau, die ein Kind ans dem Arme trug, Platz zu machen.
Paul blickte sie au. Er hatte sie vor eiu paar Jahren als ein glückliches Kind gekannt, das lnstig vor der Hütte der Mutter spielte.
Sie schlug das Tuch zurück, mit dem das Kind bedeckt war, und in ihren Augen leuchtete ein schwacher Glanz auf. Es ivar ein furchtbares, seltsam rührendes Bild: die kindliche Mutter mit dem derben, reizlosen Gesichte, das einen Augenblick von jenem Schimmer des Paradieses durch^- leuchtet ivar, das die Männer nie kennen lernen; der riesige Mann, der sich über sie beugte, und zwischen ihnen das zusammengeschrumpfte, kranke, kleine Menschenkind.
„Als es zur Welt kam, war es ein sehr schönes Kind" sagte die Mutter.
Paul blickte sie an. Sie sprach ganz ernsthaft und sah ihn nut einem seltsam stolzen Ausdruck an. Er nickte und schlug das Tuch ganz beiseite. Das Kind starrte mit klugen, ernsten Augen auf ihn, und Paul erkannte den Blick: er bedeutete Hunger.
Er schrieb etwas in sein Notizbuch, dann riß er das Blatt heraus und gab es ihr.
„Dies hier ist für Dich selbst, verstehst Du? Geh damit täglich zum Starost, und der wird Dir geben, was ich hier ausgeschrieben habe. Wenn Du nicht alles aufißt, was er Dir gibt, und trinkst, was in der Flasche ist, so wird das Kind sterben, verstehst Du? Du darfst nichts davon weggeben, nicht einmal Deinem Männe."
Der nächste Patient war der Mann, dessen Stimme aus dem sicheren Hintergrund ertönt war. Seine Krankheit lag klar am Tage; die zitternden Hände, das unsichere Auge, die fleckige Haut spracheu für sich selbst. Aber er besaß noch andere, mehr oder Weniger entwickelte Krankheiten.
"?u weißt also von Eurem Fürsten nicht viel Gutes zu erzählen?" sagte Paul, indem er das Gesicht des Mannes betrachtete.
„Unser Fürst, Euer Gnaden? — Er ist nicht unser Fürst. Seine Vorväter nahmen das Kind in Besitz, das ist alles."
„Wer hat Dir das gesagt?"
„Niemand", brummte der Manu. „Aber wir wissen es." „Ihr wäret die Leibeigenen seines Vaters vor der Emanzipation. Zeig' Deine Zunge. Ja, Du hast getrunken, — den ganzen Winter. — Wie sieht denn dieser Fürst aus? Hast Du ihn schon einmal gesehen?"
„Nein, noch nie; wenn er mir in den Weg käme, würde ich ihn niederschlagen."
„Ah! Mach' Deinen Mund ein bißchen weiter auf. Ja, der Hals sieht böse aus ;Du hast Diphteritis gehabt. Tu würdest ihn also niederschlagen. — Warum?"
„Er saugt uns aus, er lebt von unseren Steuern, —, aber das wird nicht mehr lange dauern, — es kommt eine Zeit —"
„Ah, was für eine Zeit? Geh' damit zum Starost, er wird Drr eine Flasche geben, aber es ist nicht zum Trinken, sondern zum Ausgurgelu. Vergiß das nicht und gib nicht so wie neulich Deiner Frau davon zu trinken. Es kommt also eine neue Zeit?"
Der Mann lachte geheimnisvoll.
„Kommt sie bald?" fragte Paul kaltblütig.
Aber es erfolgte keine Antwort, denn jemand hatte den geschwätzigen Wirtshausredner gepackt und in aller Stille zur Tür hinausgeworfeu.
Daraus erfolgte ein trotziges Schweigen, das Paul nicht fortzaubern konnte.
Als der letzte Patient sich entfernt hatte, zündete er sich eine Zigarette an und ging nachdenklich zum Schlosse zurück.
Es lag Gefahr in der Luft, und er gehörte zu den Männern, auf die Gefahr wie eilt angenehmes Reizmittel wirkt.
31. Kapitel.
Das Netz wird zugezogen.
Während der nächsten Tage sahen die Damen die Herren nicht viel. Paul und Steinmetz verließen das Schloß gewöhnlich nach dem Frühstück und kehrten erst mit Anbruch der Nacht zurück.
„Geht etwas vor?" fragte Nelly Steinmetz am Abend des zweiten Tages.
Steinmetz war soeben in voller Dinertoilette, dich ruhig und sehr sauber i.n den großen Speisesaal getreten. Sie waren allein.
„Nichts, mein gnädiges Fräulein — vorläufig", antwortete er, indem er näher trat und sich langsam die breiten Hände rieb.
Nelly blätterte in einer Zeitung.
'„Sie brauchten sich nämlich nicht zu fürchten, es mir zu sagen, wenn etwas vorgeht", setzte sie nach einer Weile hinzu.
„Solche Befürchtung wäre eine Beleidigung gegen Sie", antwortete Steinmetz. „Die volle Wahrheit, mein gnädiges Fräulein, ist, daß ivir selbst nicht wissen, was vorgeht. Wir wissen nur, daß etwas im Gange ist. Sie sind eine vortreffliche Reiterin, Sie kennen also ein stätiges Pferds Man fühlt, daß es nur auf einen Vorwand wartet, um zu scheuen, auszuschlagen, oder durchzubrennen; man fühlt, wie es in ihm zuckt. Paul und ich haben solch ein Gefühl bei den Bauern; wir machen in aller Ruhe die Runde durch die Dörfer und suchen die Fliege auf dem Pferde, — verstehen Sie?"
„Ja, ich verstehe", sagte sie.
Sie hatte die Farbe nicht gewechselt, aber ein ängstlicher Ausdruck lag in ihren Augen.
„Andere würden nach Twer um Soldaten geschickt haben", fuhr Steinmetz fort. „Aber Paul gehört nicht zu diesen Menschen; er will es noch nicht tun. Erinnern Sie sich unseres Gesprächs auf dem Balle in London?"
„Ja."
„Es war mir damals nicht recht, daß Sie hierher kamen. Jetzt tut es mir sehr leid."
Nelly legte mit leisem Lachen die Zeitung auf den Tisch nieder..
„Aber, Herr Steinmetz, was fällt Ihnen ein, ich fürchte mich ja tgar nicht! Vergessen Sie nicht, ich setze festes Vertrauen in Sie — und in Paul."
Steinmetz nahm diese Versicherung mit seinem ernsten Lächeln entgegen.
„Eins möchte ich empfehlen, — das ist strenges Schweigen", sagte er. „Sprechen Sie über diese Dinge mit niemand, besonders mit keinem der Diener. Aber ich glaube, ich höre die Fürstin kommen. Ja. Es steht also gar nichts neues in den Zeitungen, sagen Sie?"


