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ein Fabrikschornstein in oen Wellen am Ufer. Fern am Horizont tauchten grüne Inseln auf. Da — auf einmal konnte ich nicht mehr weiter. Langsam ruderte ich in das raschelnde Schilf, und von der Anstrengung der drückenden Hitze, die der blendende Wasserspiegel in lichten Strahlenbündeln zurückwarf, zu Tode erschöpft, ließ der Seebär den Kopf hängen, und hatte stundenlanges Nasenbluten. — Das war das gewöhnliche Ende meiner Wasserfahrten. Aber — schön war's doch!
Bei der Heimkehr gab es neue Schrecknisse. Ich mochte mich noch so sehr beeilen, ich kam doch immer zu spät, lauge, lange nach Schluß der Schule. Die beginnende Dämmerung, die ersten Gaslichter im aufsteigenden Dunste, der Zapfenstreich machten mir Angst und bange. Wie beneidete ich die Leute, die ich so sorglos und ruhig dahingehen sah! Mir aber war's im Kopf noch wüst von «sonne und Wasser, es sauste mir in den Ohren, und dunkle Röte stieg mir ins Gesicht, wenn ich an die Lüge dachte, die ich zu Hause anbringen wollte.
Denn mit einer Lüge mußte ich jedesmal das fürchterliche „Wo warst Du?" erwidern, das mich auf der Schwelle empfing. Dieses Verhör bei meiner Ankunft war das schrecklichste für mich. Ich sah mich gezwungen, schon auf dem Flure zu antworten und, bevor ich mich hinsetzen konnte, eine Nachricht bereit zu halten, die so unerwartet, so niederschmetternd sein mußte, daß die Ueberraschung alle weiteren Fragen abschnitt. Dann erst durste ich eintreten und Atem schöpfen; aber bis ich dazu kam, welche Schwierigkeit! Ich erfand Mordgeschichten, Revolutionen, entsetzliche Katastrophen; die halbe Stadt stand in Flammen, die Eisenbähnbrücke war in den Fluß gestürzt! Das Tollste aber war folgendes: Eines Abends kam ich sehr spät heim. Meine Mutter, die wohl schon eine gute Stunde in banger Sorge gewartet hatte, eilte mir entgegen.
„Wo warst Du?" hörte ich sie stagen.
Es ist unglaublich, was für Teufeleien einem Kinde durch den Kopf gehen können. Im schnellen Laufen hatte ich vergessen, eine Lüge zu ersinnen. Da siel mir etwas ein. Ich wußte, daß meine Mutter sehr fromm, so katholisch wie eine geborene Römerin war, und gab ganz atemlos zur Antwort: „O Mama — wenn Du wüßtest!"
„Was denn? Was gibt's schon wieder?"
„Ter Papst ist gestorben."
„Der Papst ist gestorben!" — wiederholte die Mutter und lehnte sich totenblaß an die Wand. Ich schlüpfte hurtig in mein Zimmer, doch ein wenig erschrocken über den Erfolg und die Ungeheuerlichkeit meiner Lüge. Aber ich hatte den Mut, an ihr festzuhalten. Eine wahre Begräbnisstimmung senkte sich über meine Familie Der Vater war sehr ernst, die'Mutter wie vernichtet. — Bei Tisch wurde nur ganz leise gesprochen. Ich schlug die Augen nieder. Angesichts dieses großen Ereignisses war mein Ausbleiben so bedeutungslos, daß mich niemand darnach fragte.
Jeder wußte nun irgend einen schönen Charakterzug aus dem Leben Pius IX. zu berichten, bis sich das Gespräch in die Geschichte der Päpste verlor. Tante Lina erzählte nun zum hundertsten Male von Pius VII., den sie einmal im südlichen Frankreich zwischen zwei Gendarmen in einem Postwagen gesehen hatte.*)
Ich hörte das alles mit heuchlerischem Seufzen au und stellte mich sehr teilnahmsvoll während ich dachte: Menn sie morgen früh erfahren, daß der Papst gar nicht gestorben ist, werden sie sich darüber freue», daß sie vergessen, mich zu schelten.
Und dabei kämpfte ich mit dem Schlaf, die Augenlider fielen mir zu. Ich sah vor mir auf den sonnendurchglühten stillen Buchten der Saone schmale blaue Kähne und eine große Wasserspinne, die einem blitzenden Diamant glich und langsam über die Wellen flog . . .
*) Pius VII. wurde bekanntlich im Jahre 1808 als Gefangener Napoleons I. nach Frankreich gebracht. Anm. d. Uebers.
Annft.
— Hausschatz älterer Kunst. Von dem Kunst- werke „Hausschatz älterer Kunst", welches die „Gesellschaft für vervielfältigende Kunstst in Wien
herausgtvt, sind soeben die Lieferungen 16 und 17 erschienen, mit denen sich diese auf 20 Lieferungen berechnete Publikation ihrem Abschlüsse nähert. Die in den beiden neuen Lieferungen enthaltenen 10 Blätter schließen sich ihren Vorgängern würdig an. Die Reproduktion in Radierung undj Kupferstich ist auch diesmal wieder ganz vortrefflich. Die Radierungen William Ungers nach Rembrandts „Sitzender Mann", nach Rubens' „Sieg und Tod" aus dem Decius-Mns-Cyklus der Liechtensteinschen Galerie in Wien, und nach dem von einem Schüler Rembrandts, vielleicht von B. Fabritius herrührenden „Christus vor Pilatus" gehören zu den allervorzüglichsten Leistungen der reproduzierenden Graphik. Fast auf der gleichen Höhe halten sich die übrigen Blätter: Garofalos „Heilige Katharina"^ gestochen von G. Eilers, F. van Mieris' „Männliches Bildnis", radiert von W. Hecht, Adriaen van Ostades „Unterbrochenes Spiel", radierr von A. Juppe, S. Ruys- d a e l s „Landschaft", radiert von G. Greux, P. van Slinge- lants „Violinspieler", radiert von L. Kühn, Steens „Heiterkeit im Familienkreise", radiert von C. Rauscher, und Wouwermans „Düne", radiert von W. Krauskopf. — Der Preis dieses wirklichen Kunstwerkes ist außergewöhnlich; mäßig, da die Lieferung mit 5 Blatt Radierungen nur 3 Mark kostet; es kann die Anschaffung jedem Kunstliebhaber wärmstens empfohlen werden.
Literarisches.
— Das Studium der Rechts- und Staats- Wissenschaft von Dr. H. O r t l'o f s, Landgerichtsrat a. $.,■ vormals Professor an der Universität Jena. Halle a. S. 1903.' Verlag der Buchhandlung des Waisenhauses, Preis 1,50 Mk. brosch. Der Verfasser, welcher während seiner akademischen Lehrzeit vor allem Gelegenheit hatte, mit den Mängel»! des Unterrichts und des Studiums der Rechts- und Staats- Wissenschaft bekannt zu werden, ist bereits im Jahre 1887, mit einer sehr bemerkenswerten Schrift über „Die Reform des Studiums der Rechtswissenschaft^ und 1902 mit einer lesenswerten Broschüre über „Zwischenprüfung oder Zwischenzeugnis im Rechts sind tum" hervorgetreten. — Die vorliegende Schrift bringt zwar keine wesentlich neuen Gesichtspunkte, die für die Reformbewegung innerhalb der deutschen Juristenwelt von besonderer Bedeutung wären, aber immerhin ist hervorzuheben, daß sie infolge der erschöpfenden Behandlung in historischer Beziehung und auf rechtsvergleichender Grundlage für jeden Juristen aus das wärmste zu empfehlen ist. — Verfasser hebt besonders die Bedeutung des öffentlrchen Rechts gegenüber dem Privatrecht hervor tmi> verlangt eine Umgestaltung der Studienpläne auf pädagogisch-disziplinarer Grundlage, Einführung einer Zwischenprüfung und des Quad rienni ums für ganz Deutschland. — Auch die Vorbildung auf den höheren Schulen erfährt in der Schrift eine eingehende Besprechung, wobei sich Verfasser als energischer Verfechter der humanistischen Gymnasialvorbildung zeigt. — Besonders künftige Verwaltungsbeamte seien auf das Buch von Ortloff hingewieseu.
H. W.
D. t h e o l. G. C h r. D i e f s e n b a ch (f im I. 1901 i» Schlitz): Geschichte der Patriarchen Abraham, Isaak und Jakob in 103 kurzen erbaulichen Betrachtungen für die Geitteinde. 300 S. Verlag Steffen, Leipzig. Eleg. gebunden 4,50 Mk. 1903. — Aus dem Nachlaß des Verfassers ist diese vortreffliche Gabe bett vielen Verehrern des fleißigen und begabten Autors eben erst dargeboten. Diefsenbach legt in seiner sinnigen Art die Geschichte der Patriarchen s o praktisch in kurzen Abschnitten aus, daß jeder Leser seinen Gedanken zu folgen imstande ist; jede Betrachtung schließt mit einem Gebet. Die ganze Darstellung, einfach und wohl verständlich gehalten, hat Leser im Auge, die, etwa gelegentlich eine^ Familien- und Hausandacht, die Wschnitte 1. Mose 12—28 aufs neue erwägen möchten. Wr freuen ttns, aus de» Verfasser noch einmal nachdrücklich Hinweisen zu können^ dessen oftmalige Gaben — in Poesie wie in Prosa — viele Leser zu hohem Danke verpflichtet haben. ° „
Lindenborn.
R. Lange, Gießen.
Redaktion: Auauki Göb. — Rotationsdruck und Verlag der Brühl'schcn Universitäts-Buch- und Steindruckerei.


