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„Sie können vergessen", sagte et, „aber ich denke daran."
Sie antwortete nicht, sondern wandte sich ab, um Paul lächelnd zu begrüßen.
„Ich glaube, die Herren kennen einander?" sagte sie anmutig, nachdem sie ihm die Hand gereicht hatte, und die beiden Männer verbeugten sich. Sie gehörten verschiedenen Nationen an, aber es gab drei Sprachen, in denen sie sich mit gleicher Leichtigkeit verständigen konnten.
„Wo bleibt eigentlich Nelly?" rief Frau Etta. „Sie konimt immer so spät."
„Wenn ich da bin", dachte Herr von Chauxville bei sich, aber er sagte es nicht.
Bei Tisch wurde die Konversation hauptsächlich von Etta und Herrn von Chauxville geführt, der einen großen Vorrat von Epigrammen und glänzenden Nichtigkeiten befaß, die er in einer Weise von sich gab, daß sie wirklich wie Weisheit klangen. Etta war ihm ebenbürtig, indem sie seinen scharfen Witz manchmal übertraf, manchmal sich mit einem silberhellen Lachen begnügte.
Nelly war abwechselnd sehr schweigsam und sehr gesprächig. Wenn Paul und Etta miteinander sprachen, sah sie die beiden nie an, sondern blickte starr auf ihren Teller, ein Glas oder das Salzfaß. Wenn sie sprach, so richtete sie ihre an und für sich recht unbedeutenden Bemerkungen ausschließlich an den Mann, den sie nicht leiden konnte, an Claude von Chauxville. Das Mädchen versprach, eine jener Frauen zu iverden, die sich spät entwickeln und wie die besten Früchte langsam reifen.
Während der Fahrt ins Opernhaus verhielten sich die beiden Frauen in Ettas zierlicher, kleiner Equipage schweigsam. Etta hatte ihre Gedanken im Kopfe; sie befand sich auf dem entscheidenden Punkte eines schwierigen Spieles und konnte die Karten, die sie in der Hand hatte, selbst eine Freundin nicht sehen lassen.
In der Loge ivar das Arrangement bald getroffen. Etta und Paul saßen zusammen im Fond, Herr von Chauxville und Nelly in der Ecke der Loge.
„Ich habe meinen Freund Karl Steinmetz gebeten, heute herzukommen", sagte Panl zu Etta, als er sich gesetzt hatte. „Er sehnt sich, Ihre Bekanntschaft zu machen. Er ist mein — Premierminister drüben in Rußland."
Etta lächelte anmutig.
„Es ist sehr freundlich von ihm, daß er mich kennen lernen will", antwortete sie.
Sie lauschte scheinbar der Musik, in Wirklichkeit eilte »sie im Geiste sechs Jahre zurück.
Sie hatte mit dem dicken deutschen Philosophen nie viel zu tun gehabt, aber sie kannte ihn zu gut, um sich auch nur einen Augenblick mit der Hoffnung zu schmeicheln, daß er ihren Namen und ihre Person vergessen haben könne. Etta Beaumont war in ihrem Leben noch nie außer Fassung geraten. Dieser kleine Zwischenfalb hätte es beinahe zu stände gebracht.
„Wann kommt er?" fragte sie.
„Gegen halb Zehn."
Etta hatte auf ihrem Armband eine Nhr. Solche Frauen kennen immer die Stunde. Es war ein Wettrennen, und Etta gewann es. Sie hatte nur eine halbe Stunde vor sich, Herr von Chauxville war anwesend, und auch Nelly mit ihren stillen, ehrlichen Augen war da; trotzdem brachte die Witwe Robert Beaumonts Paul dahin, ihr einen Antrag zu machen, und sie gab! ihm ihr Jawort. Das brachte sie trotz tausend Schwierigkeiten und mehr als einer Gefahr zuwege, ehe der Logenschließer die Tür hinter ihnen öffnete, und Steinmetz breit, humoristisch und undurchdringlich, mit einem ernsten Lächeln auf der Schivelle erschien. Er sah Claude von Chauxville, und ehe der Franzose sich umwandte, veränderte sich der Ausdruck, der aus Steinmetz breiten, ruhigen Zügen lag.
„Ich glaube bereits das Vergnügen gehabt zu haben, die gnädige Frau irgendwo kennen zu lernen. War es nicht in Petersburg?"
Gelassen und lächelnd bejahte Etta und stellte ihn Nelly vor. Herr von Chauxville benützte die Gelegenheit, die junge Dame zu verlassen und sich Paul und Etta zu nähern, um alle weiteren Versuche zu vertraulichen Gesprächen vollständig zu vereiteln.
Einen Augenblick blieben Steinmetz und Paul nebem emander allein.
„Ich habe eben ein Telegramm bekommen", sagte
Steinmetz ans russisch. „Wir müssen nach Twer zurück; schon wieder Cholera. Wann können Sie kommen?"
Paul biß sich unter dem starken Schnurrbart die Lippen.
„In drei Tagen", antwortete er.
„Wirklich, Sie begleiten mich?" fragte Steinmetz unter dem Schutze der lärmenden Musik.
„Natürlich!"
Steinmetz blickte ihn neugierig an, dann warf er einen Blick auf Etta, sprach aber kein Wort.
Es sah beinahe so aus, als gewähre die plötzliche Abreise des Geliebten Etta eine gewisse Erleichterung; denn während er in den übrigen wenigen Stunden des Abends ernst und still blieb, war sie munter und fröhlich. Das Letzte, was er von ihr sah, war ihr lachendes Gesicht, das zum Wagenfenster herausschaute, während die Equipage davonrollte.
Als Nelly und Etta zu Hause angelangt waren, begaben sie sich in den Salon, wo Biskuit und Wein auf dem Tische standen. Die Kammerjungfern nahmen ihnen die Mäntel ab und ließen sie dann allein.
„Ich habe mich mit Paul verlobt", sagte Etta plötzlich. Sie war dabei, die verivelkten Blumen von ihrem Kleide herunterzureißen, und sie nachlässig auf den Tisch zu werfen.
Nelly stand, ihr den Rücken zukehrend, vor dem Kamin, auf dessen Sims sie beide Hände gelegt hatte. Sie war im Begriffe, sia) umzuwenden, als sie ihr eigenes! Gesicht im Spiegel erblickte, und das, was sie dort sah, bewog sie, von ihrer Absicht abzustehen.
„Es überrascht mich nicht", sprach sie mit gleichmäßiger Stimme, in der Haltung einer Statue. „Ich gratuliere Dir. Ich glaube, er ist — nett."
„Du glaubst auch, daß er zu gut für mich ist", sagte Etta mit einem leisen Lachen. Aus diesem Lachen klang etwas Eigenes heraus — etwas, wie verletzte Eitelkeit, die verletzte Eitelkeit einer Frau, die weiß, daß eine bessere vor ihr steht.
„Nein", antwortete Nelly langsam, indem sie mit dem Finger eine Ader des Marmors auf dem Kaminsims nachzog. „Nein, das nicht."
Etta blickte zu ihr auf. Es war etwas sonderbar- daß sie nicht fragte, was Nelly sich dachte; vielleicht! fürchtete sie sich vor jener Ehrlichkeit, die alle Gedanken und Worte des Mädchens charakterisierte. Statt dessen erhob! sie sich und gähnte.
„Möchtest Du etwas Wein trinken?" fragte sie.
„Danke, nein."
„Dann wollen wir also zu Bette gehen." „Ja."
8. Kapitel.
Der Fürst,
Das Dorf Osterno, das am Ufer des Flusses Oster liegt, ist zu keiner Zeit ein angenehmer Ort. Es ist aus Holz gebaut, allein die Straße, die ans jeder Seite von niedrigen Häusern begrenzt wird, ist seltsamer Weise gut gepflastert. Dies hat der Tyrann Fürst Pawel getan, der die Straße bauen ließ, weil er nicht gern durch Pfützen und ausgefahrene Geleise fuhr, — nicht weil er den Bauern Arbeit geben, nicht weil er sie vor dem Verhungern retten wollte, durchaus nicht, obwohl er ihnen durch die Befriedigung seiner Laune zufällig diese kleinen Dienste erwies; sondern bloß weil er ein großer ,Barin' war, ein Fürst, der alles haben konnte, was er wollte. Hatte nicht der andere Bärin, der Steinmetz, die Arbeit beaufsichtigt? Steinmetz, der Verhaßte, der Verabscheute, das Werkzeug des Tyrannen, den sie nie zu Gesicht bekamen? Fragt nur den Starost, den Dorfschulzen, der kennt die Barins und haßt sie gehörig!
Es war spät int Herbst, an einem Abend, dessen viele wegen seiner langen Totenliste gedächten, als Michael Ruhn, der Starost oder Dorfälteste, erste Kaufmann, Bürgermeister und einzige verüünftige Mensch von Osterno, auf der Türschwelle seines kleinen Ladens stand. Es war ein sehr! heißer Abend. Die Sonne war in einem Nebel untergegangen, der sich jetzt in ein ungesundes Grau ver-^ wandelte und sich über den westlichen Himmel verbreitete- wie der Schatten des Todes über ein Menschenantlitz.
Es war das richtige Cholerawetter, und die Cholera war in Osterno eingezogen; sie hatte sich hier häuslich


