Mittwoch den 22. Juli.

1903. Nr. 107.

W

I".

MHW

.®JTw

:

WMM

(Nachdruck verboten.)

Schloß Osterno.

Roman von S. M e r r i m a n.

(Fortsetzung.)

7. Kapitel.

Alte Bekannte.

Karl Steinmetz hob die Feder von dem vor ihm liegenden Papier in die Höhe und rieb sich mit dem Zeigefinger die Stirn.

Herrgott! Wieviel Scheffel hat denn eine Tonne?" sagte er laut vor sich hin.Wie soll ich das heraus- rriegen? Diese englischen Gewichte und Maße, dieses eng­lische Geld, wo es doch ein Metersystem gibt!"

Während er noch immer darüber grübelte, trat Paul Alexis ins Zimmer. Der junge Mann war in Soiree­toilette und blickte ziemlich eifrig nach der Uhr.

Werden Sie zu Hause dinieren?" fragte er, als Stein­metz sich in seinem Stuhle umdrehte.Ich speise außer Hause. Ich bin bei Frau Etta Beaumont geladen."

Steinmetz neigte ernst den Kops; er sah nicht Paul, sondern das Muster des Teppichs an. Eine kurze Pause ent­stand, dann sagte Paul mit völliger Einfachheit:

Ich werde sie wahrscheinlich heute fragen, ob sie meine Frau werden will."

Und sie wird wahrscheinlich ,Ja' sagen".

Dessen bin ich nicht gar so gewiß", rief Paul lachend.

Karl Steinmetz blickte ihn an und lächelte.

Sie haben sie wohl nie gesehen?"

Steinmetz schwieg, dann sprach er eine Lüge, eine gut überlegte, entschlossene Lüge aus.

Nein."

Wir gehen in die Oper, Loge II, erster Rang; wenn Sie hinkommen wollen, wird es mir ein Vergnügen sein, Sie vorzustellen. Je früher ihr euch kennen lernt, desto besser."

Sie sollten eine reiche Partie machen."

Warum?"

Steinmetz lächelte.

Weil jeder es tut, der es kann", antwortete er.Da wäre Katharina Lanowitsch; ein Gut, so groß wie das Ihrige, an das Ihrige angrenzend, eine große, russische Fanlilie, ein gutes Mädchen, das zu haben ist."

Paul lachte gutmütig.

Sie sind geneigt, meine zahlreichen guten Eigen­schaften zu überschätzen. Katharina ist ein sehr nettes Mädchen, aber ich glaube nicht, daß sie mich heiraten Wurde, selbst wenn ich es wollte."

Was Sie nicht zu tun gedenken?"

Gewiß nicht."

Dann machen Sie sie sich zum Feind", sprach Stein­metz ruhig.Das kann unangenehm werden, aber es läßt

sich nichts dagegen machen. Sie wissen ja: ein verschmäht tes Weib, Shakespeare oder die Bibel, ich verwechsle! sie immer miteinander. Nein, Paul, Katharina Sano« witsch ist eilte gefährliche Feindin. Sie ist seit vier Jähren' in Sie verliebt, und Sie würden es gesehen haben, wären Sie nicht ein Narr. Mein lieber Paul, ich fürchte wirllich> daß Sie ein Narr sind. Gott segne Sie dafür!"

Ich glaube, Sie irren sich", sagte Paul etwas kurz, nicht bezüglich meiner Narrheit, sondern bezüglich Katha­rina Lanowitsch."

Ein feines Rot zog über seine ehrlichen Züge, und er wandte sich ab', um wieder nach der Uhr zu sehen.

Die Art und Weise, wie Sie von den Frauen sprechen, gefällt mir nicht, Steinmetz; Sie sind wirklich ein cynisches, altes Scheusal! Ich sehe Sie also später noch?"

Ja", sagte Stzinmetz ohne auszublicken.

So machte sich denn Paul Alexis auf den Weg, sich' um die Hand der Dame seines Herzens zu bewerbens und während er sein Haus verließ, empfing jene Dame Herrn Claude von Chauxville in ihrem Salon. Die beiden hatten sich seit Wochen nicht gesehen in der Tat, seit dem Tage, da Etta dem Franzosen gesagt hatte, daß sie ihn nicht heiraten könne. Ihre Einladung zum Diner, in den gewöhnlichen freundlichen Worten abgefaßt, war der erste Zug in dem Spiele gewesen, das gewöhnlich ,Muff' genannt wird. Claude von Chauxvilles Annahme dieser Einladung war der zweite Zug gewesen, und jetzt schüttelt teit diese zwei Personen, die sich vor einander nicht fürchteten, einander mit liebenswürdigem Lächeln die Hände, während Paul durch die belebte» Straßen seinem' Ziele zueilte.

Ist mir verziehen worden, da ich zuni Diner kommen darf?" fragte Claude vou Chauxville unerschütterlich als der Diener sie allein gelassen hatte.

Etta stand in herrlicher Toilette vor dem Kamin. Sie war mit einer Blume auf ihrer Schulter so sehr be­schäftigt, daß sie nicht sogleich antwortete.

Was soll verziehen werden?" fragte sie endlich in abweisendem Tone.

Herr von Chauxville zuckte in ferner anmutigen Weise die Achseln.

Mon Dien! Ein Verbrechen, das keine andere Ent­schuldigung und keine Erklärung fordert, als einen Spiegel."

Sie blickte unschuldig zu ihm auf.

Einen Spiegel?"

Ja, den Ihrigen. Haben Sie mir verziehen, daß ich mich in Sie verliebt habe? Das ist, wie ich höre, ein Verbrechen, das Frauen manchmal verzeihen."

Es war kein Verbrechen", sagte sie. Sie hätte die Räder von Pauls Equipage gehört.Es war ein Unglück; bitte, lassen Sie uns vergessen, daß es geschah"

Herr von Chauxville drehte seinen zierlichen Schnurr«! bart, indem er sie scharf anblickte.