Ausgabe 
22.5.1903
 
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erleichtert, und hatte ihm dafür für sein ganzes weiteres Leben die schwere Last aufs Herz gelegt, daß sie um seinet­willen gelitten und gehungert habe, bis ihre Kraft ver­sagte. Kein beruhigendes Wort, kein Hinweis auf die Zukunft konnte das wieder gutmachen. In die sonnige, heitere Seele ihres Kindes war ein Schatten gefallen, den hatte sie verschuldet; in seine Freude war der bittere Tropfen der Reue gekommen, der sein Leben vergiftete, den hatte ihr Tun veranlaßt.

Wie soll denn nun aber eine Mutter ihr Kind recht erziehen? Welches sollen die Grundsätze sein, die sie dabei leiten? Was soll sie als die Hauptsache ihrer Erziehung zu erreichen suchen?

Das Handeln jedes Menschen folgt gewissen Regeln, die seinem Charakter entsprechen. Wird er sich dieser Regeln bewußt, so nennt er sie seine Grundsätze. Aller­dings haben diese Grundsätze in der Praxis nicht ganz so großen Wert, wie es im ersten Augenblicke scheinen möchte. Denn sowohl im Leben, wie in der Erziehung gestalten sich. die Ereignisse oft sehr verschieden von dem, was menschliche Berechnung erwarten ließ. Die Welt ist kein Marionettentheaetr auch nicht die Welt in der Kin­derstube, auf dem ftcfi die Figuren nach einem be­stimmten Schema hin und her bewegen lassen. Jeder Fall ist ein besonderer Fall, jede Persönlichkeit hat ihre eigene Art. Unter mehreren Geschwistern giebt es nicht zwei, die in gleicher Weise zu behandeln sind; jedes Kind ist eine eigene, in sich abgeschlossene Individualität, die man wohl leiten, aber nicht wandeln kann. Und je tiefer und reicher eine Natur ist, desto wunderlicher ist oft ihre Entfaltung. Daher giebt es auch bei der Erziehung nicht eine Regel, fte maßgebend ist fiir alle Verhältnisse. Nur in den äußersten, weit umfassendsten Zügen läßt sich! ihr Wesen in Lehren und Formeln bannen, und auchGrundsätze" dürften nur mit der Einschränkung zu empfehlen sein, daß sie jederzeit, den Verhältnissen entsprechend, eine Aenderung gestatten.

Die Hauptaufgabe jeder Erziehung ist die hohe sitt­liche Forderung, Wahrheit und Pflichttreue als die Grund­pfeiler alles Guten in dem Kinde zu pflegen und zur schönen Entfaltung zu bringen.

Stur eines kurzen Hinweises bedarf es, nur eines aufmerksamen Blickes in die bestehenden Zustände, urn zu sehen, wie wenige Mütter noch dieser höchsten Forder­ung sich bewußt sind. Sie wollen planlos bald dieses und bald jenes erreichen oder mühen sich um Nebensäch­lichkeiten.

Woran liegt das? Wird sich nicht jederzeit die Mehrzahl der Mütter bemühen, ihre Kinder so gut zu erziehen, wie es in ihrer Kraft liegt?

In dieser Frage liegt gleichzeitig die Antwort. Auf die Kraft, auf die sittliche Kraft der Mutter kommt es an, auf ihre eigene Persönlichkeit. Bewußt und unbewußt wirkt das Vorbild des Erziehers als stärkster Faktor, ungleich einflußreicher, als alle seine Worte. Wer wenig hat, kann auch nur wenig geben; der innere Wert bestimmt das äußere Tun. Eine Frau, deren Charakter nicht in sitt­licher Reinheit entwickelt ist, wird kaum zu sittlicher Rein­heit erziehen können. Nur eine Mutter, die nicht aufhört, an der Veredelung ihres eigenen Selbst zu arbeiten, wird verständnisvoll auch! der Entwickelung rhres Kindes gegen­überstehen.

Damit kommen wir auf die Worte Ellen Keys zurück, aus die Forderung, die Frau solle zur selbständigen Per­sönlichkeit ausgebildet werden. Je vertiefter diese Aus­bildung der Frau ist, desto reicher wird ihr Seelenleben sein, desto zuverlässiger ihr Charakter, desto vollkommener auch der Ausdruck des Gewonnenen in dem Wirken ihrer erzieherischen Liebestätigkeit. Nach der Eigenart ihrer Person wird sie sich die Ziele für die Erziehung ihres Kindes stecken, und wird mit liebevoller Weisheit sich! be­mühen, sie zu erreichen. (AusDeutschland", herausgegeb. von Graf v. Hoensbroech.)

Vermischtes.

, * Die Zeitungen der Könige. lieber die Art, wre dre Könrge sich über die Ereignisse des Tages auf dem Laufenden erhalten, macht eine englische Zeitschrift sehr interessante Mitteilungen. Da die Herrscher großer mo­

derner zivilisierter Länder zu den beschäftigten Leuten aus Erden gehören, so hat kauin einer von ihnen die Zeit, die Spalten einer Zeitung gemächlich durchzulesen. Der Kaiser von Oesterreich ist verantwortlich für die Methode, nach der die meisten- europäischen Herrscher die Tägesnachrichten er­halten. Vor mehr als dreißig Jahren gab er den Befehl, daß ihm jeden Morgen eine Privatzeitung geliefert wer­den sollte, die aus Auszügen aller leitenden Morgenblätter Oesterreichs gemacht wird. Jeder wichtige Artikel wird von einem sachverständigen Schriftsteller ausgezogen, auf kleine viereckige Blätter geschrieben, in eine Mappe getan und dem Kaiser auf den Frühstückstisch gelegt. Er hat strengstens befohlen, daß nichts, was ihn'persönlich betrifft, wenn es ihn auch unangenehm berühren sollte, ausgelassen wird, und gelegentlich bestellt er ein Pack neuer Zeitungen, um sich zu vergewissern, daß seine Befehle befolgt werden. In dieser mehr oder weniger veränderten Form lesen fast alle regierenden Herrscher die Zeitungen. Der deutsche Kaiser hat einen Hofbeamten mit einem Stab Mitarbeiter, dessen einzige Pflicht es ist, alle Zeitungsnachrichten, die den Kaiser interessieren könnten, auszuschneiden, in einem Buch aufzukleben und jeden Morgen vorzulegen. Diese Bücher werden aufbewahrt und geordnet und bilden schließ­lich ein wertvolles Archiv der Geschichte seiner Regierung. Bis vor kurzem waren die russischen Herrscher zufrieden, ihre Nachrichten aus zweiter Hand durch offizielle Kanäle zu erhalten, wobei natürlich Kritiken und andere, mög­licherweise unangenehme Artikel fehlten. Das befriedigte den jetzigen Zaren aber nicht. Vor ent oder zwei Jahren ließ er sich privatim russische Zeitungen aller Parteiricht­ungen schicken, ja er schloß sogar Anarchistenblätter nicht aus, wie z. B. die in Genf und Grokow herausgegebene Glocke". Eiftig nahm der Zar alles zur Kenntnis, was sich aus russische soziale Fragen bezog/und dann machte er Auszüge daraus in seinem Tagebuch. Man muß aber daran denken, daß der offizielle Ring in Rußland so allmächtig ist, daß selbst der dem Namen nach allmächtigste Zar nicht allein die von ihm begünstigten Reformen ausführen kann. Der literarischste Herrscher Europas ist zweifellos Viktor Emanuel III. Außer seiner Muttersprache beherrscht er deutsch, englisch und französisch, und er liest russisch. We­nigstens drei Stunden täglich beschäftigt er sich in seinem Arbeitszimmer mit der lauftnden Literatur jeder Art. Er soll die Zeitschriften den Tageszeitungen vorziehen, aber kein Herrscher hält sich gründlicher über alle Tagesfrageck unterrichtet. Er hat z. B. englische Besucher mehr als einmal durch seine genaue Kenntnis der verwickelten Partei­politik und sozialen Fragen in Erstaunen gesetzt, in denen er bewanderter ist als manche Parlamentarier. Auch König Oskar von Schweden gehört zu den belesensten Herrschern. Er findet immer Zeit, die Zeitungen seines Landes ohne andere Hilfe zu lesen; aber für die anderen Länder be­schränkt er sich hauptsächlich auf Ausschnitte. Ferner ist er. selbst Mitarbeiter dreier Stockholmer Zeitungen; aber er schreibt natürlich unter einem Schriftstellernamen. Die Zeitungs-Nachrichtenbureaus, von denen es über 400 geb eck soll und die Tausende beschäftigen, haben auch unter den Fürsten Kunden. Eduard VII. ist, wie man sagt, auf zwei abonniert, und er soll wöchentlich Hunderte von Ausschnitteck erhalten. Außerdem liest der König seine Zeitung aus erster Hand. Königin Viktoria las selten selbst, ließ sich aber von einer ihrer Damen die Zeitung vorlesen. König Christian von Dänemark liest jeden Tag der Woche eine andere Zeitung. Auf diese Weise erfährt er, wie er sagt, was alle denken, und sicherlich steht kein Herrscher in engerer Fühlung Mit seinem Volke. Der König der Belgier liest Ausschnitte. Da er ent tüchtiger Finanzmann ist, inter­essiert er sich besonders für alles, was sich auf den Geldmarkt bezieht. '

Hornony m.

(Nachdruck verboten.)

Man kann es Feste und Feiern, Man kann's auch ein Revier. Man kann es eine Dummheit Und ein Verbrechen hier.

(Auflösung in nächster Nummer.)

Auflösung des Delphischen Spruchs in vor. Nr.: Glieder Lieder.

Redaktion: August Götz. Rotationsdruck und Verlag der Bruhl'schen Universitäts-Buch- und Steindruckerei (Pietsch Erben) in Gießen.