>«O1
DM
Ml
1903. — Nr. Öl.
MiiiiH .'“"Ul
(Nachdruck verboten.)
Die Namensschwestern.
Tret nach dem Englischen von Clara Rheinau.
. sts (Fortsetzung.)
xj ; Midgeham, 28. März.
Mein lieber Richard!
Deinen sehr ,offiziell gehaltenen Neujahrsbrief von Müsset aus habe ich länge unbeantwortet gelassen, wenn auch nicht gerade aus Mair geb an Stoff. Die Wahrheit ist, ich wünschte meinen Weg erst ganz klar vor mir zu sehen, ehe ich Dir folgenden Borschlag mache."
„Sehr richtig", bemerkte Frl. Osborne hörbar.
„Also zur Sache. Natürlich erinnerst Du Dich noch, baß wir an einem kleinen Musse wohnen, den Du stets einen Bach zu nennen beliebtest. Mn aus der Südseite dieses Wassers gelegenes Besitztum, uns gerade gegenüber, ist vor einigen Monaten in andere Hände übergegangen, und es scheint, daß man nun endlich mit den biHer ausgeschobenen Verbesserungen beginnen wolle. Unmöglich kann ich alles schriftlich erklären. Aber ich will doch beifügen, daß mein Mann, der erste Ratgeber in Westfield, bereits von Dir gesprochen und Dich als durchaus geeignet zur Aus- fifhrung der geplanten Drainagen re. geschildert hat. An Dir ist es nun, herüber zu kommen und die Sache, die hoffentlich nach Deinem Geschmacke ist, in Angriff zu nehmen. Noch eine zweite Aussicht: Herr Ingenieur Barker in Norwich, der Ches einer hochangesehenen Firma, sagte ganz kürzlich zu Robert, daß er eine tätige und erfahrene Kraft, keinen Anfänger, als Teilhaber suche. Uns beiden taut gleichzeitig der Gedanke, Tu wärest der rechte Manu hierfür. So fragten wir jhn denn näher über seine Pläne aus und ließen ein paar Worte fallen, um die Sache für Dich in Gang zu bringen. Er erwartet vielleicht eine größere Einkaufssumme, als Tu besitzest, aber das ließe sich leicht machen. Wenn nötig, würde Tir mein Mann.gern etwas vorstrecken, Tu standest ja stets in besonderer Gunst bet ihm. Aus Deinem letzten Briefe entnahm ich, daß Du nur zeitweilig in Brüssel beschäftigt bist; sv hoffe ich, Tu wirst keine Zeit verlieren, herüber zu kommen. Wenn Tu immer noch den Wunsch hast, Dich dauernd in England niederzulassen, könntest Tu keine bessere Gelegenheit finden. Es sind tausend Vorteile damit verknüpft, die ich Tir aber Nur mündlich auseinandersetze,t kann. Gieb uns bald Nach- • richt, wann wir Dich erwarten dürfen. Deine treueSchwester
„Jessie Wilson."
„Aber dieser ganze Plan klingt ja vortrefflich!" rief Frl. Osborne erfreut. „Ich würde keinen Augenblick zögern" und da die zunächst Beteiligten der gleichen Ansicht waren, beschloß man, anzunehmen, und danach zu handeln.
„Nur eine Schattenseite ist dabei", sagte Herr Morgan,
„aber diese ist, —" er zögerte mit einem viejsagenden MA auf Aimees gesenktes Köpfchen.
„Aimee", schaltete Fräulein Osborne ein, „es ist ueutt Uhr vorüber. Wollen Sie nicht für mich im Schulzimmeü „gute Nacht" sagen? Ich weiß, was Sie meinen, Morgan" — fuhr sie fort, als das jung« Mädchen sich entfernt hatte — „Sie müßten Aimee zurücklassen."
„So' ist es. Diese Sachen in England können Wochen, ja Monate in Anspruch nehmen. In meiner jetzigen unsicheren Lgge mich zu verheiraten, wäre unrecht; ich kanü aber auch meine zukünftige Frau nicht ohne genügendem Mittel hier lassen, und doch fühlen wir beide, daß sie teilt Recht habe. Ihnen zur Last zu fallen. Darf ich also —"
„Nein, Sie dürfen nicht", unterbrach ihn Fräulein 08'* borne mit Wärme. „Bedenken Sie, ich war AimeeA Freundin lange, ehe Sie dieselbe kannten, Herr Morgan, Von der ersten Stunde an, da ihr Vater Jte mir brachte^ ein schüchternes kleines Kind von neun fahren, und mich bat, ihr eine gute englische Erziehung zu geben, ist fiel mir immer mehr ans Herz gewachsen. Wenn ich nicht eitt halbes Dutzend Nichten in England hätte, die mich alle beerben wollen, so hätte ich Aimee adoptiert, damals als das Unglück über sie hereinbrach und ich ihren vollen Wert so recht kennen lernte. Also darf von Bezahlung zwischen uns keine Rede sein. Aimees kleines Vermögen ist auf, ihren und meinen Namen auf der belgischen Bank hinterlegt, bis zu ihrer Volljährigkeit nächsten August. Ihr bescheidenes Taschengeld braucht sie nicht anzugreifen, s» lange sie bei mir ist. Sie entschädigt mich reichlich, Herr Morgan, durch ihre Hilfe in diesem schwierigen Haushalt/ dessen ich so müde bin.; sie begütigt meine Lehrerinnen, hilft den Zöglingen und wirkt Wunder mit meinen Dienstmädchen, die mein Französisch nicht verstehen können. Also vertrauen Sie mir das Kind an bis August, und ich werdei Ihnen dankbar dafür sein. Tann fetze ich mich zur Ruh«, nach fünfundzwanzigjähriger Tätigkeit, gebe meine Schulei auf und kehre nach England zurück."
„Aber vorher werde ich natürlich Aimee abgeholt haben", sagte Richard Morgan zuversichtlich. „Ta ich sie also für jetzt zurücklasscu muß, danke ich Ihnen von ganzem! Herzen für Ihr Anerbieten." Noch während er mit der T arne einen warmen Händedruck "wechselte, kehrte Aime« zurück.
„Alles in schönster Ordnung, meine Liebe", sagte Fräulein Osborne lebhaft. „Sie bleiben hier unter meinen.Fittichen, bis Herr Morgan sich die Sache drüben einmal äuge* sehen haben wird. Tann stacken wir alle ein und.schiffen zusammen nach England hinüber."
Nach England! endlich !" rief Aimee, während Schatten und Sonnenschein auf ihren: ausdrucksvollen Gesichtchen wechselten. „Ich möchte' wissen, ob wir einmal dieselbe! Szenerie vor Augen bekommen, die.Papa so oft für mich malte."
Richard« Blick folgte alsbald dem ihrigen zu zwei


