Ausgabe 
21.11.1903
 
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.Nein, ihr Benehmen ist musterhaft, sie hat ausge­zeichnete Manieren, darum habe ich sie engagiert. Sie besitzt eine natürliche Grazie und eine gesellschaftliche Bildung, welche immer seltener werden, und welche, wenn sie sie den Mädchen beibringen kann, besser und nützlicher sind, als Hroße Gelehrsamkeit."

Wer ist sie? gehört sie zu der großen Zahl derer, die ernst bessere Tage sahen und durch Unglück gezwungen sind zu , solcher Stellung?"

Nein, sie ist nur die Tochter eines Landarztes, aber sie wurde in Brüssel erzogen, spielt und singt ausgezeichnet. Sre ist eigentlich viel zu hübsch für ihre Stellung; keine Haushaltung, wo erwachsene Söhne sind, würde sie enga­gieren."

Tas glaube ich auch', gab Alice gedankenvoll zur Antwort;ich fürchte, ihr Leben ist sehr traurig."

Erstaunt erwiderte Mrs. Thornton:Aber was willst Tu, liebe Alice, erwartest Du, daß ich sie mit auf Bälle und Gesellschaften nehmen soll? Ich gehe jetzt zu Jo­sephine,, sie muß die Knöpfe an meinem grünen Sammet­kleide ändern, das will ich nachmittag anziehen. Mache Dich auch recht schön, Warwicks mit ihren Gästen werden ebenfalls dort sein", schloß sie lächelnd.

Sie verließ das Zimmer, die langen Falten des hell­blauen Morgenkleides umflossen weich die schöne Gestalt und berührten in langer Schleppe den Boden, während em Sonnenstrahl ihr goldenes Haar und zugleich den silber­nen Gürtel um ihre schlanke Taille streifte. Mit zärtlicher Bewunderung blickte Alice der Schwester nach; langsam kamen ihre sanften, grauen Augen von der Tür zurück und starrten in das Feuer des Kamins; der ernste Blick vertiefte sich zu einem traurigen, und Traurigkeit war ein seltener Gast in Alice Durhams sonniger Natur.

Es kann nicht recht sein", sprach sie zu sich selber, dm weichen Falten ihres Morgenkleides mit unruhigen Händen nervös streifend,es kann nicht recht sein, einen Mann zu heiraten, welchen man nicht liebt, und doch rch weiß, wenn er mich fragt, werde ich nicht nein sagen. Außerdem denkt der andere sicherlich nie an mich er mochte mich als Freundin, weiter war es nichts"

Die roten Lippen zitterten einen Augenblick, als ob der Gedanke anden andern" ihr Schmerz verursachte, dann warf sie mit einer energischen Bewegung den Kopf »w tud und schüttelte die Bedrückung von sich ab.Lady Yates klmgt sehr hübsch Lady Yates von Yates-Hall noch besser", lächelte sre,und welch ein Spaß, eine höhere Stellung ernzunehmen als Hanna, welche mich all die Jahre hindurch bemuttert und Mtadelt hat, und welche, trotzdem sie es gut meint, manchmal so verletzend wird. Nun will ich aber N den Krndern gehen und sie glücklich machen. Die kleine blasse Gouvernante sieht aus, als ob auch ihr ein Feier­tag recht erwünscht und nötig wäre; ob sie Wohl gern mitgeht?"

Mit leichten Schritten lies sie die beiden Treppen hinauf zu der zweiten Etage. Dort befand sich die Bildergalerie«, welche rund um das Haus lief und ihr Licht von oben durch eme Glasdecke erhielt. Hier hatte Jane Gratton manche Stunde verbracht zwischen den gemalten Damen in ihren bunten, steifen Kostümen und den stattlichen Kava- lreren nnt hohen Halskrausen und wallenden Federn auf den Hüten, und oft hatte sie hier die bezaubernde Schönheit der jetzigen Mrs. Thornton aus dem Porträt bewundert.

Bon den zahlreichen Türen, welche sich auf die Galerie iM und welche sämtlich mit schweren Sammetportiereü verhrillt waren, führte die eine zu einer Reihe von Zimmern, welche für die Kinder und ihre Gouvernante vorbehalteh Diese bestanden aus einem Borzimmer, welches in dre Schulftube führte, dann kam Miß Grattons Schlafzimmer und das der Kinder. Mr. Thorton war reiche, alle Einricht- ^®3fn rm Hause waren großartig und bequem. Miß Grat­tons Stelle konnte rn dieser Beziehung eine beneidenswerte genannt werden, ^hr Gehalt war gut, ihre Pflichten nicht allzu schwer, denn sie hatte manche freie Stunde und ./Over bedrückten, so war das nicht Ltz Schuld der Famrlie. Die Ankunft von Tante Alice in Thornton-Hall brachte eine angenehme Abwechslung in ^anes eintöniges Leben. Sie und die Kinder waren das g'W Frühjahr, den ganzen Sommer hindurch allein in der Hall gewesen, erst zur Jagdzeit waren Mr. und Mrs. Thornton gekommen und hatten Alice mitgebracht, und seit­dem waren täglich neue Gäste angelangt. Diese hatten mit

dem Leben der Erzieherin nichts zu tun; aber Tante Mce war^ ern häufiger Gast im Schulzimmer, ihr freundliches, höfliches Wesen war Jane sehr wohltuend. Ihr blasses Ge­sicht leuchtete auf, und die Kinder jubelten, als die Tante die Tür öffnete.

Fortsetzung folgt.

Mattdereien aus der Kaiserstadt.

(Nachdruck verboten.)

Berliner Krauzwoche. Verbrauchszissrrn in der Blumenborse. Auf den Kirchhöfe« der Weltstadt stillster Port.

Feste, die die Massen feiern, ziehn geradezu riesige Kreise m der Weltstadt und geben ihr auf Wochen hinaus emen bestimmten Charakter. So ist's Ostern und Weih­nachten; auch Pfingsten, wenn die lichtgrünen Maien ihren Einzug in Berlin halten; am ausgeprägtesten jedoch in der Woche vor dem stillen Feste, das wir den lieben Ab­geschiedenen gewidmet haben, die draußen auf einem der Fmedhöse ausruhen von dem Wirren nnd Hasten des brandenden Lebens, das seine Wellenschläge immer weiter ausdehnte, und rings um die Begräbnisstätten, die in Vatertagen draußen einsam zwischen den märkischen Fel­dern und Wiesen lagen, Straßen und Plätze erstehen läßt! Wie viele unserer Kirchhöfe liegen schon mitten im Ge­triebe der Großstadt! Mietskasernen ragen rings um sie aus, Kirchen und Schulen bilden ihre nächste Nachbar­schaft, das Fauchen und Stampfen aus den Werkstätten großer Fabriken tönt über sie hin, die Straßenbahnwagen sausen vorüber! Das ist der Frieden eines Weltstadtkirch- Hoss!... Man verhandelt augenblicklich um neue große Terrarns auf Teltower Gebiet, einer Gegend, die durch ihre schlechten Fahrverbindungen für Berlin noch nahezu unentdeckt ist. Aber werden dort dann erst die Beisetz­ungen beginnen, so wird es nicht lange dauern, und durch die verbesserten Fahrgelegenheiten entwickelt sich auch

hierhin einer jener Polypenarme, der den magern Boden der Mark zu dem wertvollen Baugrund von Groß- berlm umwandelt. Aus der Straße wird nach und nach ern Stadtteil, der über kurz oder lang mehr und Mehr mit den benachbarten Häuserkolonien zusammenwächst, bis dann auch , dieser Kirchhof, der uns heute nochweit draußen" liegend erscheint, dem riesigen Komplex der Millionenstadt einverleibt ist. Als erste Ansiedler an diesen neuen Kirchhöfen erscheinen gewöhnlich Steinmetze mit Grabkreuzgeschäften und KranMndler. Ftir die letz­teren lohnt es sich besonders draußen an den Pforten den Blumenschmuck feil zu halten, den an Tageii stillen Gedenkens der Großstädter seinen Toten spendet. Und wenn der Nvveniberhimnlel nur ein erträglich gutes Gesicht zeigt wie in diesem Jahre, so bringt die berliner Kranz» Woche manch einem die Miete für das Minze Jahr zu­sammen. Denn es ist schier unglaublich, was die Blumen­industrie in diesen Tagen an Kranzmengen auf den Markt chafft. Ganz Berlin scheint ein einziges großes Kranz- lager zu sein. Frauen und Kinder werden in großen Sälen bis in die Nachtstunden hinein beschäftigt, um Kränze zu binden. Große Geschäfte beziehen die Lorbeerblätter und das Tannenreisig waggonweise und liefern mit ihren Ge- pannen schon seit Wochen Tag ftir Tag Dausende von den billigen Sorten in die Geschäfte der Borstädte, die sie vor ihren Schaufenstern aufgestapelt liegen haben oder die Wand des Hauses bis an den ersten Stock hinauf damit behängen. Für 40 Pfennig schon kann der wenig Bemittelte sich o ein Kränzlein erstehn, um es dem Unvergesseuen aufs Grab zu legen. Aber von dieser untersten Stufe geht es hinauf bis zu Preisen, die den ganzen Wochenlohn eines Arbeiters verschlingen würden und darüber. Unter den Markthallen Berlins erfreut sich jene zwischen Fried­rich- und Lindenstraße des Rufes, die Berliner Blumen- börse zu sein. Und es ist interessant, einen Gang durch diese Kranzauslagen zu machen. Der betäubende Duft gibt den Gedanken gleich von vornherein eine melancholische Richtung und die Augen, die von Blumenkreuzen zu Pal­menwedeln und dann eine Reihe von - Tausenden von Kränzen hinunter irren, umschleiern sich leise. Welch' ein Luxus, der sich auch hier entfaltet! Kränze mit den kost­barsten Blüten, deren jede allein einen exorbitanten Preis kostet, kann man hier bewundern. Eine reiche Finanz- bavonin hat den einen bestellt, die am Samstag das Grab!