Ausgabe 
21.11.1903
 
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ich kann Dir den Verlorenen zwar nie ersetzen, aber selbst er könnte es nicht treuer meinen als ich."

W ist kein Opfer meinerseits. Ich bin heimatlos und freundlvs; Du kannst mir Obdach und Freunde geben den Preis dafür zahle ich willigt"

Tu sollst Deinen Freund nicht verlieren", erwiderte er dumpf.Tein Preis ist jedoch zu hoch, Jane! Hast L.u bedacht, was es heißt, Dein Leben einem Mann an­zuvertrauen, welchen Tu gern hast? Daß eben dieses /gern haben' jede Hoffnung auf Liebe ausschließt? Du wurdest ein elendes Leben führen, ich ebenfalls. Hältst Tu mich", fuhr er mit plötzlich ausbrechender Heftigkeit fort, für einen herz- und gefühllosen Mann, daß Du nur dies zumutest? Nein, ich werde Dich sicher nicht heiraten, nicht uns beide unglücklich machen, nicht langsam Teui und mein Herz brechen! doch jetzt laß mich, gehen, ich habe heute genug ertragen ich bin zu Ende mit meiner Kraft." Rasch wandte er sich zur Tür, dort an­gelangt, kehrte er zu Jane zurück und reichte ihr die Hand.Leb' wohl für heute, Jane, ich komme morgen wieder."

Ohne ihn anzublicken, legte das Mädchen ihre kalte Hand in die [einige.Bist Tu mir böse?" fragte sie furtchsam. 1

Böse?" wiederholte er schmerzlich;nein, Jane, ich bm Dir nicht böse!" Langsam ließ er ihre Hand los und ging; Jane war allein.

7. Kapitel.

"Natürlich ist er nur hierher gekommen, um in Deiner Nahe zu fern. Er weiß, wie befreundet wir mit War­wicks sind; und er weiß auch, daß Du während der Jagdzeit hier bist, Du hast es ihm ja selbst gesagt, Alice." ,So, habe ich?" fragte Alice Durham lächelnd,viel­leicht tat ich es."

Natürlich tatest Du es, ich habe es selbst gehört, als Du ihm sagtest. Tu kämest zum September hierher. Es Ware eine ausgezeichnete Partie für Dich, Alice", sagte Mrs. James Thornton, sich von ihrem Schreibtisch er­hebend, tvo sie einige Korrespondenzen erledigt batte, zu chrer Schwester:Sir Harry ist sehr reich, ein' schöner Mann, em ausgezeichneter Gesellschafter, Yates-Hall ist ein herrliches, altes Schloß, und Du findest ja soviel Geschmack an diesen alten Wohnsitzen."

Ja, das ist alles wahr", stimmte Alice bei:aber dann, Hanna, siehst Du"

Sie machte eine Pause, verließ ihren Platz a'm Fenster, trat zu der Schwester, legte ihren Arm um deren Taille und betrachtete ihr Gesicht und ihre Gestalt prüfend im Spiegel.

Tie Schwestern befanden sich im Boudoir von Mrs. Thronton in Thornton-Hall, einem zierlichen Gemach, in dem alles mit rosa Atlas und weißen Spitzen bekleidet war Es war ein modernes, lauschiges Nest in dem alten, stattlichen Gebäude, in welchem Mrs. Thornton sich manch­mal aufhielt, welches sie in der Regel aber bald wieder vertauschte mit einem andern moderneren Hause mit großen Spiegelscheiben und vergoldeten Decken. Sie be­hauptete, sie sei hier nicht an ihrem Platze, Pariser Toiletten wollten nicht in diese düsteren Zimmer passen.

Thornton war eine schöne Frau, eine herrschende Schönheit selbst in London. Alice Durham sagte immer, daß die Schönheit der Schwester ihre eigene Hoffnung auf Verheiratung, stets vereitelt hätte.Die Leute verlangen Juwel von Mrs. Thorntons Schwester!"-setzte sie lachend

Miß Turham war keine Schönheit, eine graziöse, vlonde Tochter Englands, mit frischer, zarter Gesichts­farbe und freundlichen graublauen Augen.

.."Obgleich nicht schön, hat Alice das Benehmen einer Schönheit", sagte ihre Schwester zuweilen,sie schlug ver­schiedene gute Partien aus, als ob die Tochter eines ^rmvgenslosen, englischen Offiziers das Recht hätte, so buhlerisch zu fein. Selbst ich habe nie soviel Anträge gehabt." °

Und Alice entgegnete ihr, daß sie schon mit 19 Jahren geheiratet, wahrend sie selbst, immer noch ledig, ihr t4- W bereits vollendet hatte, trotz aller Mühe, welche die Schwester sich gegeben hatte, ihr einen Erfolg in der Gesellschaft zu verschaffen.

^/'Nnn, was soll ich sehen?" fragte Mrs. Thornton, nachdem beide eine Weile geschwiegen. I

Etwas sehr Hübsches!" entgegnete Alice lächelnd, ihren blonden Kopf auf die Schulter' der Schwester legend und das schöne Gesicht derselben mit liebenden, bewundernden Micken betrachtend.

Natiirlich", lachte die Schönheit,was weiter?"

Einen Augenblick schwieg Alice und ein träumerischer Mrck trat in ihre Augen.Siehst Tu, ich denke mir, daß es schon sein muß, wenn Mann und Frau sich lieben- aber ich weiß ganz genau, daß Sir Harry mich nicht liebt, und ich ihn auch nicht."

.Woher willst Du das wissen?" fuhr Mrs. Thornton in scharfem Don auf.Glaubst Du, er wird Dich Deiner Mitgift halber heiraten?"

Kaum", entgegnete Alice lachend.Diese Genug­tuung hat man, wenn man ein armes Mädchen ist. WeL mich heiratet, ist gewiß nicht von meinem großen Beutel! .angezogen."

Also, wenn Ergebung auf der einen Seite und Ver­ehrung auf der andern ist, sehe ich keinen vernünftigen Grund, warum Du und Sir Harry nicht ein glückliches Paar werden sollt."

.Ich weiß nicht, mir ist, als ob viel Liebe auf beiden Seiten vorhanden sein müßte, um den Klippen und Ge­fahren im ehelichen Leben zu entgehen."

Unsinn, Alice, das ist eine von den fixen Ideen. Ter größere Teil der Liebesheiraten bringt Unzufrieden­heit, Enttäuschung, und endet mit Scheidung! Sieh auf mein Leben! Gibt es etwas Besseres, Befriedigenderes? Weder James noch ich waren je sehr ineinander verliebt, und wir sind beide glücklich und zufrieden."

Ter sinnende Ausdruck in Alice Turhams grauen Augen vertiefte sich das Leben, welches die Schwester so befriedigte, erschien ihr einsam und freudlos. Die ge­sellschaftlichen Triumphe, die wunderbaren Pariser Toi­letten, die immerwährenden Vergnügungen hatten keinen Reiz für sie, ihr wäre die Gesellschaft ihres Gatten und der drei niedlichen Mädchen, die zu der schönen Mutier bewundernd und etwas scheu aufblickten, Tante Alice aber vergötterten, lieber gewesen.

James muß die Gäste von Warwickhouse herbitteri", sagte Hanna Thornton gähnend, ihre kleinen, in schwarzen Atlasschuhen steckenden Füße betrachtend.Du mußt Dich von Deiner besten Seite zeigen, Alice, es ist wirklich die höchste Zeit, daß Du heiratest."

Ja, ich müßte heiraten und damit Papa und Dich endlich von großen Unkosten Befreien! Doch beiläufig: gehen die Kinder heute nachmittag mit zum lawn-tenriis? Sie möchten so gern der Verteilung der Preise durch Dich beiwohnen und mich spielen sehen."

.Ja, ich denke, sie können mit", sagte Mrs. Thornton gleichgiltig,Jackson kann sie im kleinen Wagen hinüb er­fahr en, Miß Gratton kann die Aufsicht übernehmen."

O, danke, das wünsche ich gerade", erwiderte Alice munter, leicht die Wange der Schwester küssend.Sag', wo hast Du Miß Gratton herbekommen, ist sie schon lange in Deinem Hanse?"

Wie lange, weiß ich nicht genau, wohl beinahe ein Jahr, oder ungefähr so lange. Lady Smith hatte sie mir empfohlen.!"

Ah, Lady Smith", rief Alice aus, sich abwendend, um die lebhafte Röte, welche ihre Wangen überzog, zu verdecken.

Ja! Du kennst sie? Es ist eine Kaufmannsfamilie sehr reich Du weißt ja, massenhaft Geld und wenig Manieren, so etwas gewöhnlich/''

Gewöhnlich, Hanna?" fragte Alice erstaunt =ich dächte nicht, ich fand"

Tie jüngeren Familienglieder sind ganz leidlich, doch auch sie haben so etwas Plebejisches; es sind zwei Töchter und ein Sohu."

Ten Sohn traf ich im Sommer int Seebade, ich fand ihn aber durchaus nicht gewöhnlich."

Er natürlich nicht; er ist das Haupt der Familie, hat Anwartschaft auf den Baronstitel mit einigen tausend Pfund Einkommen jährlich", antwortete Mrs. Thornton; dann das Gespräch ändernd, fragte sie:

Welches Kleid wirst Tn heute nachmittag tragen, Alice?" ,

M ein gelbes Tennis kleid", antwortete diese.Wer sind Miß Grattons Verwandte, Hanna? Sie hat nichts Plebejisches in ihren Manieren."