Ausgabe 
21.11.1903
 
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ihres toten Kindes damit schmücken will; ein anderer wird auf den kalten Marmor zu liegen kommen, unter dem eine junge Braut ihren ewigen Schlummer schläft. Arme Lieb­linge! Auch die teuerste Orchisblüte in eurem Prunkkranz wird euch nicht mehr erfreuen können, als das rote Eber- eschenbeerlein zwischen den schlichten Stecheichenzweigen das neben euch ruhende Kind einer armen Witwe-. Ach, vielleicht gedenkt sie in den harten Arbeitswochen ihres Lebens des Verlustes öfter und inniger als die in vor­nehmes Pelzwerk gehüllte Dame, die ein feuriges Jucker- gespann bis dicht an die Pforte des Kirchhofs gebracht hat, und die sich im Trubel der winterlichen Feste dieses Tages vielleicht nicht wieder erinnert. Am Bußtag glichen unsere Kirchhöfe schon beinah Wallfahrtsorten. Ueberall war inan geschäftig, die Hügel zu schmücken, Sand zu streuen, die Kreuze zu säubern. Und wenn sich auch ein leiser Beigeschmack von Mode und Protzentum hier und da bei diesen Bemühungen geltend macht: es ist doch gut, daß wir diesen Festtag eingeführt haben, der be­kanntlich erst unter Friedrich Wilhelm III. in Preußen fest­gelegt wurde. Manch einer, der sich sonst der draußen Schlummernden vielleicht nicht erinnern würde, hält an diesem Tage ernste Einkehr!

Ter Weltstadt stillster Port liegt draußen im herbst­lichen Grünewald. Wer in diesen Tagen durch die stillen Forsten auf Schildhorn zuwandert, wird eine knappe Vier­telstunde vor dem Ziele rechts abbiegend auf den kleinen seltsamen Friedhof mitten im Waldesfrieden merken, daß auch hier noch ein Teil jener L-ebe ihre wehmütig schönen Blüten treibt, die übers Gra? hinaus dauert. Von den Gräbern, ohne Marmorprunk und Goldschrift leuchten doch hier und da ein paar grüne Kränze mit roten und weißen Rosen darin, die eine doppelt innige Sprache reden. Denn dies ist der Friedhof jener Leichtsinnigen, Unglücklichen und Verzweifelten, die in der heiligen Waldeinsamkeit einst Hand an sich gelegt haben und freiwillig in jenes Land gegangen sind, aus dem noch kein Wanderer wieder­kehrte! . . . Auch sie mögen im Frieden ruhen! . . . A. R.

Air Keherwmsse des Wogelfluges,

Tie Britische Vereinigung zur Förderung der Wissen­schaft hatte im vorigen Jahre einen zoologischen Ausschuß zur Förderung verschiedener wissenschaftlicher Fragen ein­gesetzt, und bei der diesmaligen Jahresversammlung ist bereits ein Bericht über die Beobachtungen erstattet worden, die seitens dieser Kommission über den Vogelflug gemacht worden sind. Zunächst sind die Eigenheiten des Fluges bei verschiedenen Vögeln studiert worden. An wilden Sing- schwäuen wurden zwei Messungen während des Fluges an­gestellt und gefunden, daß bei diesen Vögeln 3hz Flügel­schläge auf die Sekunde entfallen, etwas weniger als bei der Krähe. Die schwerfälligen Seetaucher oder Lummen wurden über dem Rande einer Klippe segelnd angetroffen, was sehr überraschen mußte, weil oiefe Vögel ein sehr be­deutendes Gewicht und dabei keine Flügel haben, was für einen Segelflug denkbar ungeeignet ist. Zu erklären mochte die Erscheinung dadurch sein, daß gerade ein außerordentlich heftiger Sturm blies, der den Vögeln eine ungewöhnliche Tragkraft verlieh. An verschiedenen Vögeln wurden Be­stimmungen der Fluggeschwindigkeit vorgenommen. Stare sah man nach ihren Nistplätzen mit einer Geschwindigkeit von 65 bis 75 Kilometer in der Stunde fliegen, jedoch lassen sie sich auf ihren gewöhnlichen, kurzen Meisen wäh­rend des Tages io eit mehr Zeit; int ganzen scheinen die Stare hinsichtlich der Fluggeschwindigkeit mit den schnellsten Haustauben vergleichbar zu fein. Schwalben kommen in ihrem mit blitzartigen Wendungen durchsetzten Fluge nur nur 25 bis 40 Kilometer in der Stunde vorwärts, also weniger schnell als Krähen. Wilde Enten können auf nicht langer Strecke fast 60 Kilometer zurücklegen. Vielleicht der interessanteste Punkt der Untersuchungen betraf die Flug­geschwindigkeit von Haustauben, die einige der hervor­ragendsten Züchter zur Verfügung gestellt hatten. Bei einem Fluge von 12 Stunden Länge wurden von ihnen 53 Kilo­meter stündlich durchmessen, bei einem Fluge von 4 Stunden 58, bei einem solchen von einer Stunde 64, in 10 Minuten 77 und in einer Minute 84 Kilometer, auf die Stunde be­rechnet. Tümmler wurden oft innerhalb ihres Hofes 10 Er 12 Stunden ohne Unterbrechung in die Runde fliegend.

gesehen. Es ist möglich gewesen, die von einer Taube wäh­rend des Fluges geleistete Arbeit annähernd zn schätzen. Sie ist ungefähr dieselbe, die jemand leisten würde, wenn er eine Leiter von 1000 Meter Höhe in 10 Minuten er­steigen würde, und es ist wahrhaft wunderbar, daß eine Taube solche Arbeit 10 oder gar 12 Stunden hintereinander ohne Rast, lohne Futter und ohne zu trinken zu leisten vermag. Damit übertrifft sie dre Leistungsfähigkeit aller elektrischen Motors, aller gewöhnlichen Dampfmaschinen und auch fast aller Motorwagen. Diese Untersuchungen über den Taubenflug haben auch für die Beurteilung des Fluges anderer Vögel ihre Wichtigkeit, und beweisen die Möglich­keit sehr langer Wanderflüge der Zugvögel. Der zoologische Ausschuß hat weiterhin vier Fragen festgestellt: Warum sind die Flügelspitzen der Krähe beim Fluge aufwärts ge­bogen, beim Kranich abwärts? Warum sind die Schwung­federn^ eines Krähenflügels von einander getrennt, sodaß der Wind hindurchblasen kann, während die Schwungfedern eines Schwalbenflügels geschlossen sind, sodaß der Wind nicht hindurch kann? Warunt ist der Flügel einer Mauer­schwalbe lang und schmal, der eines Fasans kurz und breit? Warum ist der Schwanz einer Taube fächerartig gestellt, der einer Schwalbe gegabelt und der einer Elster in der Mitte am längsten? Jeder, der zur Beantwortung dieser Fragen etwas beitragen will und kann, wird freundlichst gebeten, seine Beobachtungen und Ansichten dem betreffen­den Ausschuß mitzuteilen.

Liteva^rfches.

Es ist an der Zeit, sich einen Kalender an- zuschaf fen. Einer der beliebtesten ist der Garten­laube-Kalender, der sich in den bald 20 Jahren seines! Erscheinens eine große Schar treuer Freunde geworben hat. Er bringt aber auch Treffliches, dieser hübsche Band, den nur eine Mark kostet. Der Jahrgang 1904 steht seinen Vorgängern nicht nach In erster Linie seien die Erzählungen Alte Liebe" von W. Heimburg, illustriert von F. Bergen, Die Wahl" von Eva Treu, illustriert von C. Wedenmeyer undDes Schmiedewastls Bescherung" von Helene Raff, illustriert von R. Mahn, erwähnt. Aus der Fülle belehren­der Aufsätze wollen wir noch einige her aus greifen:Ter Kampf gegen die Zahnfäule" von Dr. S. Falken, ,,Vou den Gefahren der Abhärtung bei Kindern" von Dr. M. Cohn,Nickelstahl" von W. Berdrow,Ein schweres Franen- schicksal" von R. v. Gottschall,Das Ding mit zwei Enden. Ein appetitliches Kapitel" von R. March Wenn wir dann noch der zahlreichen Miszellen, des Humoristischen in Wort und Bild, der Kunstblätter, des Kalendariums und der sonstigen wertvollen Notizen, des illustrierten tagesge­schichtlichen Rückblicks von Dr. H. Diez, sowie der ganzen geschmackvollen Zusammenstellung und Ausstattung des Kalenders gedenken, so zweifeln ivir nicht, daß auch dieser neue Jahrgang des Gartenlaube-Kalenders den Beifall seines Leserkreises finden wird.

Scherzfragen.

Die Antivort ist in der Frage versteckt.

Nachdruck verboten.

1. Was taten die Negermädchen, als der Löwe in entsetzlicher Weise brüllte?

2.Was verlangst Du" fragte der junge Ehemann,um die Stärks meiner Liebe zu erproben."

3.Häuschen sagte der Vater bei Tisch,lernst wohl auch tvackerl Was willst du den entmal werden?"

4. Bitte, liebe Olga, sag Auwu, wohin er den Brief zu richteit hat.

5. Welchen Edelstein hielt Onkel Otto passend für den Braut- schmuck?

(Auflösung in nächster Nummer.)

Auflösttng des Nösselprungs in vor. Nr.; Wie ich heut früh in den Spiegel schau, Hei, was seh ich da schimmern.

Sind's zwei Fädchen die silbergrau, Mir um die Schläfe flimmern.

Boten des Herbstes, tlimmerdar Soll euer Gruß mich schmerzen, Besser Altweibersommer im Haar, Als Altweibersommer im Herzeli.

S.ebottietu Angust Götz. Rvtatienötrnck und S crlrg ter B rnll'scheu lluircrstaN'-Tuä- und Etciudruücrci. R. Lange, Eteßeu,