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Wohl „ein Familienzug" fei; da er aber fürchtete, den Zorn der kleinen Spröden aufs neue zu reizen, begnügte er sich mit der Bemerkung, daß es ihm leid sein würde, wenn Naunie nicht käme. „Glaubst Du Wohl, daß er sich fürchtet, zu mir zu kommen?" setzte er arglos hinzu.
Gueuu lehnte sich von Staunen überwältigt auf ihr großes Ruder. „Fürchten? Nannie Rodellee sich fürchten?" Dabei hmt-f. sie den Kops übermütig zurück und brach in ein so köstliches Lachen aus, wie Hamor noch keins gehört hatte. „Nannie und sich fürchten! Ah mon dien! Ah mon dieu!" und abermals stinimte sie ihr ausgelassenes, melodisches, unwiderstehliches Lachen an.
Bei wenigen Menschen, Kinder natürlich ausgenommen, klingt es gut, wenn sie so recht von Herzen lachen. Hamor hatte gerade über diesen Punkt selbst bei schönen Frauen Studien gemacht, die sehr wenig zu bereu Gunsten ausgefallen waren. „Wirklich ein reizendes Lachen!" dachte er ber sich und lauschte erfreut wie auf ein tadelloses hohes E, das Lachen klang ihm wie die herrlichste Musik. Unwillkürlich stinimte er selbst in ihre Fröhlichkeit ein, freilich sehr zur Unzeit, denn ihre Mienen verfinsterten sich zusehends. „Lachst Tu über mich, Guenn?" versuchte er die gute Stimmung wieder herzustellen.
„Nein", lautete ihre Antwort im gewöhnlichen feindseligen Ton, „ich kenne Sie ja gar nicht."
„In Plouvenee muß man Wohl einen Menschen erst kennen, ehe man über ihn lachen darf? Ist das bretagni- fcher Brauch? ich finde das eine sehr gute Sitte!" entgegnete Hamor in der besten Absicht der Welt.
Tie blauen Augen verdunkelten sich und Guenns Stimme zitterte vor Erregung: „Es ist bretagnischer Brauch, srch um seine eigenen Angelegenheiten zu Würmern, und sich nicht über andere Leute lustig zu machen, besonders wenn sie einem so viel als möglich aus dem Wege gehen." Mit einem kräftigen Schlag brachte sie das Boot ans Ufer und erwartete nun, daß Hamor aussteigen werde.
Er lehnte sich jedoch behaglich zurück und schaute sich nach irgend welchem Grund zu einer Verzögerung um. Weit und breit war niemand zu sehen, außer einem kleinen halbnackten Buben, der sich herzudrängte und sich für einen Sou bereit erklärte, Monsieur allerhand Taucherkunststückchen vorzumachen.
„Schwimme hinüber ans andere Ufer und von dort zu dem großen Schiff", rief Hamor, von einer glücklichen Idee erfaßt. „Tu bekomnlst zehn Sous, aber ich will schönes, kunstgerechtes Schwimmen sehen, keine Zappelei. Allez!" Mit einem wunderbaren Kopfsprung war der Knabe im Wasser.
„Jetzt habe ich sie", frohlockte er innerlich. „Sie darf das Boot nicht verlassen und mich kann sie doch nicht gut an die Luft setzen." Er verharrte vollkommen ruhig, bis sie sich ungeduldig umwandte und ihre Blicke sich begegneten.
„Voyous Guenn", sagte er ernsthaft. „Es ist nun schon das zweite Mal, daß Tu solche nicht allzu liebenswürdige Bemerkungen an mich richtest. Was habe ich Dir denn eigentlich getan? Habe ich Dich jemals belästigt, Dich durch Blicke oder Worte verletzt? Habe ich jemals versucht mit Dir zu sprechen, außer an jenem Aband an der Bucht und heute? War es vielleicht meine Schuld, daß Dich die andern Weiber damals neckten, und was schadet es denn, wenn ich Dein schönes Haar gesehen habe? Ich bin auch gänzlich unschuldig daran, daß der Fährmann heut betrunken war. Sei doch vernünftig, Guenn, und bedenke, daß Jeanne ebenso gut an Deiner Stelle hier stehen konnte. Warum bist Du denn da? Dafür bin ich doch wohl nicht verantwortlich?"
„Ja, warum ich?" wiederholte Guenn langsam.
Während seiner Rede hatte Hamor das Skizzenbuch hervorgeholt und versucht mit flüchtigen Strichen die reizende Gestalt festzuhalten: „Was für ein Geschöpf, das sprüht nur so von Anmut und Leben! So werde ich sie malen — in dem alten Boot, lebensgroß, auf das lange
gestützt; die Granitmauern, die ausgespannten leichten Netze an den Masten, die schlüpfrigen nassen Stein- inZbGesicht'sieh^ Bildchen, wie es dem Beschauer gerade , . H"suor hatte eine einschmeichelnde Stimme, die von
Gemütsverfassung ganz unabhängig war.
Er besaß ttt ihr auffallend weiche süße Töne, deren er
sich int Umgang mit Frauen zu bedienen Pflegte, mochte er nun eine Würdige oder Unwürdige vor sich haben. Es flimmerte ihn freilich wenig, was für Schlüsse aus solchen Schmeicheltönen gezogen wurden, die ein anderer Mann vielleicht nur einmal im Leben und einer einzigen Frau gegenüber anschlägt. „Sag' mir nur ehrlich, Guenu, was Tu gegen mich hast? Warum Du mir so böse bist?" bat er mit leiser Stimme.
, „Ich möchte, Sie gingen atis Ende der Welt und kämen niemals wieder", versetzte Guenn mit halbunterdrückter, von Leidenschaft erstickter Stimme.
„ ,,Zch gehe ja gewiß bald wieder fort", meinte §mnor tröstend.
„Aber ich wünschte, Sie gingen jetzt."
„Warum, Guenn?"
Sie ließ die Arme wie mutlos sinken und rief mit kläglicher Stimme: „Weil alle Sie so gern haben! Jeanne hat Sie gern, Monsieur Morvt liebt Sie, Mutter Quaper, Madame in den Voyageurs, die Seeleute, alle, alle —i sogar", hier drohte ihr die Stimme zil versagen, „sogar Monsieur le recteur des Laimions und mein Nannie —> mein Nannie", wiederholte sie mit schmerzlichem Stöhnen,
„Nun siehst Du, das freut mich von Herzen", entgegnete Hamor mit Wärme. „Ich schätze und verehre den Pfarrer aufs höchste, ich halte ihn für einen ganz außergewöhnlichen Mann; auch Dein Bruder ist ein ungewöhnliches Kind. Also alle diese guten Leute haben mich gern?"
„Ja, wie ich Ihnen sage". Es kam fast widerwillig heraus.
„Und hast Du sie nicht auch gern?"
„Jawohl, es sind ja meine Leute, ich liebe meine Leute", fügte sie mit weichem Ton hinzu.
„Also nur Dein Vater und Du, ihr könnt mich nicht leiden? Siehst Du, Guenn, es wäre doch besser, Du gingest zur andern Seite über, ich habe Dich ja auch so gern und werde Dich immer gern haben, da ist es doch nicht ganz gerecht, wenn Du so hart gegen mich bist; willst Du nicht darüber nachdenken? er stand auf und trat neben sie. Wenn Jeanne an ihrer Stelle gewesen wäre, hätte er ihr freundlich auf die Schulter geklopft, denn sie war ein gutes kleines Mädchen, aber Guenn Rodellee gegenüber würde er sich ebensowenig eine vertrauliche Annäherung erlaubt haben, als bei irgend einer vornehmen Dame seiner Bekanntschaft. In ihrem einfachen, vertragenen Röckchen und den Holzpantöffelchen, mit ihren kleinen arbeitsharten Händen, die das schwere Ruder krampfhaft umklammert hielten, und mit' dem scheuen Blick in den großen, verstörten Augen — war Guenn völlig unzulänglich.
„Wie nähe er ist! welch hohe Gestalt! und wie er lächelt und immer lächelt!" dachte das Mädchen und wandte verzweislungsvoll den Kopf; es gab kein Entrinnen mehr! — „Werden Sie jetzt gehen?" stieß sie rauh hervor.
„Gewiß, Guenn, sogleich". Er legte seine Hände auf das Ruder, die langen wohlgesormten Hände, mit den schmalen Nägeln. Guenns Nägel waren kurz und breit, zerbrochen und unsauber. In ihrer stolzen Einfalt zog sie die Hände nicht weg, aber sie sah den Unterschied. Das kleine wilde bretagnische Mädchen hatte weibliches Gefühl. Zum erstenmal in ihrem Leben empfand sie Scham und Unbehagen über ihr wenig gepflegtes Aeußere. „Das Ruder ist sehr, schwer", sagte Hamor, „wie ist es möglich, daß Du es regieren kannst, Du bist doch so klein und zart?^
„Ich bin lieber klein", gab sie schnippisch zur Antwort, als ob ihr die Natur die Wahl gelassen habe, ihren Wuchs selbst zu bestimmen. „Große Frauen sind häßlich."
„Ohne Zweifel, sehr oft", stimmte Hamor bei. „Adieu, Guenn, vergiß nicht, mir den Nannie zu schicken; vielleicht kommst Du doch auch mit?"
„Nein, auf keinen Fall", rief sie hitzig.
„Weißt Du denn eigentlich, warum ich Dich zum Modefl haben möchte?"
Guenn hielt mit ihrer Ueberzeugung nicht zurück» „Weil ich hübsch bin", erwiderte sie offenherzig.
„So ist's", versicherte Hamor, etwas betroffen über o viel Freimut. „Ich dachte, Du wüßtest das vielleicht nicht!"
„Wie sollte ich nicht?" entgegnete das Mädchen gleich- siltig, „sie sagen ja alle, daß ich das hübscheste Mädchen n Plouvenee Bin."
Hamor war im allgemeinen sehr zufrieden mit dieser Unterredung. Wenn auch noch nicht viel erreicht Ivar, so


