Ausgabe 
21.9.1903
 
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Montag den 21. September.

1903. Nr. 141.

M^WUß

(Nachdruck verboten.)

N NschkmÄlhe« hi der Brckgie.

Von B. W. Koward.

(Fortsetzung.)

7. Kapitel.

Passeur!" rief Hamor mit aller Kraft seiner gesunden Zungen; er stand am Landungsplatz der Fahre und mühte sich vergeblich, das Boot irgendwo zu entdecken. Eintönig schlug das Wasser gegen die ausgehöhlten Felsen, ist stummer Ruhe verharrte die ganze Umgebung. Nicht ohne Ungeduld packte Hamor seine Habseligkeiten zusammen, die Staffelei, den Feldstuhl, die Palette und die angefangene Studie, die ihm wenig Befriedigung zu gewähren schien, und wiederholte sein Rufen, diesmal mit besserem Erfolg. Um eine vor­springende Ecke des Ufers kam, von kräftigen Schlägen getrieben, ein Boot heran, aber an Stelle des graubärtigen Fährmanns führte eine schlanke, jugendliche Gestalt im wehenden roten Röckchen und weißen Kopfputz das Ruder.

Ah mon dieu, que la Vie est amere", erklang es,von den frischen, schwellenden Lippen. Sobald sie mit verdrossener Miene brachte sie das Boot ans Ufer, indes Hamor erblickte, stockte der übermütige Gesang und

Ter Tausend! Guenn Rodellec! Das nenne ich Glück jetzt gilt's, es beim Schopf zu fassen!" frohlockte Hamor rnnernch, hütete sich aber wohlweislich, seiner Freude Aus­druck zu verleihen. Er begnügte sich, mit höflichem Gruß ernzustergen und seine ungeteilte Aufmerksamkeit anscheinend seiner Skizze zuzuwenden. Seit fünf Stunden hatte er sich mit der Studie einer von spärlichem Gras bewachsenenSand- strecke abgemüht, die er später für eine, größere Komposition zu verwenden gedachte. Es war eine langwierige Arbeit gewesen und Hamor fühlte sich abgespannt und nicht eben in rosigster Stimmung: auch das Warten aus die Fähre hatte ihn verdrossen. Die Aussicht, mit Guenn Rodellec unter vier Augen die Ueberfahrt zu machen, genügte jedoch, ihn alle Unannehmlichkeiten vergessen zu lassen. Guenns einzige Antwort auf seinen höflichen Gruß war ein feind­seliges Anstarren.

Wo ist der Fährmann?" fragte Hamor endlich mit gleichgrltigem Tone.

Betrunken", war die lakonische Antwort.

Was, mehr als sonst?" fragte Hamor lächelnd weiter. Keine Antwort.

Ter alte Fährmann isst übrigens ein ganz guter Kerl."

Aberinaliges Schweigen. Es war ersichtlich, daß seine Gefahrftn wemg Geschmack an leichter Unterhaltung fand. Sre fuhr emsig fort, mit geübter Hand das Boot zu leiten. Ihre Wangen glühten in, rosiger Frische. Ihre Augen strahl­ten Gerst und Leben. Das schöne, trotzige Gesichtchen, die wunderbaren Farben und jede anmutige Linie ihres elasti­

schen Körpers, boten Hamor eine Quelle des reinstenGenusses. Er hätte diesem reizenden, zornigen kleinen Geschöpf stundenlang gegenübersttzen mögen, um sich von ihr über das prächtige Wasser fahren zu lassen. Aber dort erhob sich tzschvn der felsige Strand der Insel und bald würden' sie am Ziele sein. Es galt, die wenige, noch übrige Zeit gut zu benützen. Bis jetzt hatte er sich keines besonderen: Fortschritts zu erfreuen. Ein einziges spärliches Wort war ihren Lippen zu entlocken gewesen.

Guenn", sagte er sehr sanft.

Beinahe erschrocken erhob sie die Augen. Bis heut« hatte er noch kaum zu ihr gesprochen, außer den wenigen! Worten neulich Abend an der Bucht, und jetzt klang sein Ton wie der eines alten Bekannten. Noch niemals hatte jemand mit solcher BetonungGuenn" gesagt; und dazu lächelte er o dieses Lächeln, das sie so wohl kannte!

Guenn", wiederholte er,laß uns doch vernünftig sein. Warum sollten wir uns auch zanken? Du weißt/ daß ich Dich gern zum Modell haben möchte. Willst Du nicht zu mir kommen, Guenn? Ich würde Dir fünfzig Franken monatlich geben und Jeanne hat Dir doch gewiß schon gesagt, daß ich es niemand allzu schwer mache."

Nein", ries sie hastig und wandte ihm den Rücken zu.

Und warum denn nicht?" fragte er lveiter, noch immer in derselben gütigen Weise.

Weil ich nicht will!"

Nun, das ist freilich ein Grund, die Sache wäre somit als erledigt anzusehen. Aber wenn Du auch selbst durch­aus nicht zu mir kommen willst, so hast Du doch vielleicht nichts dagegen, wenn mich Dein kleiner Bruder einmal besucht?"

Was wünschen Sie von Nannic?" sagte das Mädchen abweisend und sah ihn zornig an.

O nichts Besonderes", versetzte der Maler gleichmütig, ich dachte nur, es würde ihm vielleicht Spaß machen, zu kommen. Ich habe Kistder sehr gern und im allgemeinen hängen sie auch an mir."

Guenn maß ihn erstaunt mit den großen, glänzenden Augen. Mit gleichgiltigem Blick schaute er auf das vor ihnen liegende Ufer und aus die vorüfbergleitenden Boote­harmlos, liebenswürdig lehnte er auf seinem Sitze und schien nicht die geringfte Nebenabsicht zu haben.

Nannic ist ein sehr lieber Junge", bemerkte sie end­lich halb dreist, halb schüchtern.

Das hab' ich mir gedacht."

Er weiß mehr als die anderen Buben, er kann sogar Tinge vorhersehen."

Ah", murmelte Hamor mft gut gespielter Ueberrasch- ung.

Guenn nickte ernsthaft und schien in Bewunderung für das Talent ihres Bruders versunken.Wenn er nicht kom­men will, so kommt er nicht", verkündete sie nach geraumer Weile mit wichtiger Miene.

Hamor war drauf und dran ihr zu entgegnen, daß dies