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stark für das Kleid, der Leib drängt sich zu unbescheiden vor, kurz hier und da fehlt es. Es wird geschnürt, gepolstert, gedrückt, um die Natur möglichst zu verdrängen und ein Figürchen hinzustellen, welches nach den äugen- blicklich modernen Anschauungen hübsch ist. Paris befiehlt heute enge Taillen, morgen gar keine, heute voll Brust, morgen kaum eine Andeutung der für Säuglinge so wichtigen Institution. Ja, wie soll man das machen? Die Figur ist doch nicht aus Knetwachs, da muß eben mit den raffiniertesten Mitteln versucht werden, den Anforderungen der grausamen Göttin Mode gerecht zu werden. Welche Qualen bedeutet das für manche! Zur Zeit der dünnen Taille laufen die 70 und 80 Kilogramm-Damen dauernd mit der Erstickung kämpfend herum, da das mit §ilfe der Türklinke und den kräftigen Armen 'der Zofe zusammengepreßte Korsett dem Thorax nicht die Möglichkeit gibt, genügend zu atmen. Fällt etwas hin, sind sie verloren, denn Bücken rst m dem Panzer nicht möglich. Aber wenn die Nachft kommt und endlich, endlich die Pflicht der Eitelkeit schwmdet, dann lösen sich die entsetzlichen Bande, und explosiv befreien sich die entfesselten Elemente. Blaurot, voll Striemen hat die arme Haut kaum Zeit, während der Nachtruhe sich zu erholen, um am nächsten Tage wieder in die Zwangsjacke gesteckt zu werden. Ist das nicht Wahnsinn? Als ob man mit noch so enger Taille die 70 oder 80 Kilogramm nicht merkte! Daß fo etwas außerdem nicht schön ist, braucht man nicht zu erwähnen, denn die Eitelkeit nimmt fast nur aus den Schönheitssinn der Besitzerin Rücksicht, nicht auf den der anderen Zeitgenossen. Frl. X. trägt Schuhe, welche eine Nummer kleiner sind, als die von Frl. I). Die Eitelkeit gebietet, diese entsetzliche Niederlage ä. tout Prix wieder quitt zu machen. Die Folge ist, daß Frl. P. ihr etwas zu großes Füßchen in einen viel Su, engen Schuh hineinzwängt. Wer da weiß, was das heißt, in zu engen Schuhen zu sitzen oder gar zu gehen oder zu tanzen, der muß mir recht geben, wenn ich behaupte, daß ein Mensch nur selten der Gesundheit willen solche Schmerzen ertragen würde. Mr Aerzte wissen ein Lied davon zu singen, wie der kleinste schmerzhafte Eingriff verweigert wird von Damen, welche mit einem sieghaften Lächeln sechs, acht Stünden mit zu engen Stiefeln" oder Schuhen auf einem Ball verweilen. Ganz abgesehen von den Schmerzen, darf nicht die schwere Schädigung vergessen werden, welche die Füße durch ungeeignetes Schuhwerk erfahren. Nicht die Kleinheit des Schuhzeuges, auch seine Form ist von der größten Bedeuitung für einen gesunden Fuß. Aus Eftelkeit, wenn es gerade Mode, trägt man, Absätze von einer Höhe, die schwrudlich macht! Was ist die Folge? Daß der Fuß in dauernder Spitzsußstellung steht, die Last des Körpers auf die Fußspitze verlegt und die Muskel- und Sehnenapparate des Unterschenkels in der ungeeignetsten Weise angestrengt werden. Damit eins Uniform gut sitzt, schnürt sich ein eitles Offizierlein wie eine Balleteuse; weil die Mode befiehlt, tragen die Herren Kragen von einer Höhe, welche ihnen weder normales Schlucken, noch Atmen, noch Kopftewegen gestattet. Weil Magerkeit schick, werden Entfettungskuren mit alten unmöglichen und möglichen Mitteln inszeniert, von der relattv harmlosen Zitronenesserei bis zur gefährlichen Schilddrüsenkur — ganz gleich, oh der Organismus geeignet dafür ist oder nicht. Einen Arzt wird man ja schon deswegen nicht tragen, weil man eventuell zu hören bekommt: „Aus Eitelkeit macht man solche Experimente nicht". Was sündigt die Eitelkeit schon an den werdenden Menschen! Eine Frau, der das höchste Glück, Mutter zu werden, bevorsteht, soll diesem Glück leben und nicht aus Eitelkeit sich in Kostüme zwängen, welche die Mitwelt glauben machen wollen, der in zwei Monaten zum erstenmale schreiende Erdenbürger sei vom Himmel gefallen. Und nun gar, wenn das lang erwartete und gewünschte Kindlein da ist, welches Unrecht geschieht ihm oft uur aus Eitelkeit! Die MUtterbrust kennen heute nur die wenigsten Kinder der Stände. bei denen die Eitelkeit eine Rolle spielt. Tie Frau Mutter will sich ja ihre Figur nicht verderben, sie will ja bald nach der Geburt des Kindes als die schicke und elegante Dame von früher in Gesellschaften gehen, ja tanzen. Das alles verträgt sich nicht mit der natürlichen und gesunden Beschäftigung, welche einer jungen Mutter zukommt. Man nimmt sich eben eine Amme, als ob das dasselbe wäre. Oft ift auch dergute Wille da, aber es besteht eine physische Unmöglichkeit, denn die Eitelkeit früherer Jahre ließ zwar
Eitelkeit und Gesundheit.
Von Dr. P. Meißner.
Eitelkeit und Gesundheit, welch sonderbare Zusammenstellung, wird mancher sagen. Was hat die Eitelkeit mit der Gesundheit zu tun? Mehr, als man glaubt. Die Eitelkeit ist eine so mächtige und verbreitete Eigenschaft der Menschen, daß wir eine Menge Handlungen durch sie diktiert, ja geschaffen sehen. Jeder Mensch ist eitel, der eine mehr, der andere weniger. Und es ist gut so. Die Eitelkeit veranlaßt uns zur Entfaltung unserer Vorzüge, seien sie auch noch so gering. Die Eitelkeit hat natürlich nur Sinn in relativer Beziehung zu unseren Mitmenschen. Sind wir ganz allein, unbeobachtet, dann ist sie zweck- und gegenstandslos. Die Eitelkeit sucht alle Vorzüge zu konstruieren, wo solche effektiv nicht sind, sie wird zur Komödie. Das Theaterspielen ist so alltäglich, so selbstverständlich, daß dre meisten Menschen gar nicht wissen, wie sehr sie dieser Kunst huldigen. Die Eitelkeit ist variabel nach Personen, nach Moden, nach Zeiten, nach, Lebensaltern. Wer könnte alle die kleinen, und kleinsten Manöver aufzählen, welche Uns die Eitelkeit auszuführen veranlaßt! Es wäre falsch- die Eitelkeit von vornherein zu verdammen, sie kann eine gewisse Höflichkeit gegen die Mitmenschen sein, welche man anerkennen muß, vorausgesetzt, daß sie nicht zu weit geht und nicht albern wird und — daß sie die Gesundheit urcht schädigt. Die Macht der Melkeit ist enorm, sonst wurden nicht so viele Menschen körperliche Schmerzen und Unbehagen mit lächelndem Gesicht ertragen, wie man das taglrch, beobachten und bewundern kann. Wir Europäer schütteln das weise Haupt über die Melkeit der Chinesin, ”u' sich mit einen: uns ganz fremden Heroismus den
■cc verstümmeln läßt, um nur nach ihrem Be-
grrsf schon und gehunfühig zu werden; auch in den Boudoirs unserer Damen steigt mancher Seufzer zum Himmel, den du Mflmenschen nicht vernehmen und der nur der schwache Ausdruck der Qualen ist, welche manche unsrer Schonen, der Melkeit wegen ertragen zu müssen' glaubt. Doch seren wrr nrcht ungerecht, auch die Männer sind eitel und tun manches Unsinnige dieser Leidenschaft wegen.
^ster Linie ist wohl die Figur Gegenstand der eifrigsten Ueberlegung und weitgehendsten Verbesserungspläne. Der lind dre Hüften zu dick, der zu diiun, die Taille ist zu
hatte Guenn doch einigermaßen ihre Scheu vor ihm verloren. Damit mußte er sich fürs erste begnügen.
„Guenn", sagte er mit der ihm eigenen seltsamen Betonung, die ihr jedesmal das Herz erzittern machte, „rch muß nun wirklich gehen, gib das, bitte, dem kleinen Kadoc — hast Du mich noch nicht gern?"
Wie war er ihr so nahe mit seinem schönen, lächelnden Ge icht! Wenn sie nur wenigstens hätte schreien oder weglaufen können. Wenn er mit solcher Stimme „Guenn" sagte, fthlte sie sich schwach und ohnmächtig ihm gegenüber.
/,Jch — ich hasse Sie!" —
„^innrer noch? Nun, laß nur gut sein, wenn Du erst einmal mein Modell bist, wirst Du mich noch sehr gern haben. Leb' wohl für heute, kleine Guenn!"
Mit wenigen raschen Schritten hatte er das felsige Ufer erklommen und nickte ihr jetzt von oben herab noch eineinmal herzlich zu, als ob das beste Einvernehmen zwischen ihnen bestände.
„Passeur", crflang es vom jenseitigen Ufer. Mn paar ungeduldige Künstler hatten lang zu warten, bis Guenn ihr Boot mit schweren, müden Schlägen hinüb erbrachte. In ihren Augen hingen heiße Tränen und ihr Herz war seltsam bedrückt. Wohin sie auch sah, immer war sein Gesicht vor ihr und immer hörte sie ihren Namen von seiner schmeichlerischen Stimnre aussprechen. Jetzt endlich war er ihren Augen entschwunden. Wahrscheinlich lächelte er letzt den Kindern zu, die auf dem Dorfanger spielten. Wenn sie nur nie sein Lächeln zu sehen, und niemals, niemals mehr ferne Stimme zu hören brauchte, wie sie „Guenn" fliisterte, mit so bestrickendem Don!
Unmutig stampfte sie mit dem Fuß und begann aus allen Kräften zu rudern. „Ich hasse ihn — hasse ihn dennoch!" rief sie aufschluchzend, und suchte dann hastig dre hervorquellenden Tränen mit der Hand wegzuwischen.
(Fortsetzung folgt.)


