Ausgabe 
21.8.1903
 
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entfaltet hatte. Nelly wußte jetzt, wo Paul die ruhige, geistige Konzentration, dieses Aufgehen in seinen eigenen Angelegenheiten, jeden vollständigen Mangel an Interesse für das Tun seiner Umgebung gelernt hatte, die ihn von allen anderen Männern so verschieden erscheinen ließen. Er hatte alle diese Dinge aus erster Hand voll den Krea­turen Gottes gelernt. Diese befiederten und behaarten Bewohner des Waldes gingen in derselben konzentrierten Weise, mit demselben verständigen Vertrauen an ihre Ge­schäfte. Er besaß die Einfachheit der Patur, und seine einzige List war die List des Waldes.

Jetzt wissen Sie, warum ich Petersburg so hasse", sagte Katharina, als sie die Hütte erreichten.

Nelly nickte; sie stand noch immer unter dem Einfluß des stillen Waldes und hatte keine Lust zu sprechen.

Die Frau des Jägers, die sie erwartete, hatte in ein­facher Weise mit einem tüchtigen Feuer und ein paar Schaleju warmer Milch für ihren Empfang gesorgt. Auf Pauls Befehl waren Türen und Fenster weit geöffnet worden, denn efc wollte Nelly eine zu intime Bekanntschaft mit einem russi­schen Heim ersparen. Die Hütte war "eigentlich ein Jagd­box, das Paul vor ein paar Jahren erbaut hatte, und wurde von dem Oberjäger, der sich auf Bären, Luchse und Wölfe wohl verstand, bewohnt. Das große Wohnzimmer war sorgfältig gescheuert, und überall roch es nach Fichten­nadeln und Seife; der Tische auf dem bereits ein einfaches Frühstück stand, nahm beinahe den ganzen Raum ein.

Während die beiden jungen Mädchen sich beim Feuer wärmten, erschien ein Jäger vor der Tür der Hütte und fragte nach Katharina. Er blieb auf der niedrigen Schwelle stehen und erklärte, daß er nicht Eintreten könne, da die Schnallen und Riemen seiner Schneeschuhe vereist und ge­froren seien. Er trug lange, norwegische Schneeschuhe und galt für den raschesten Läufer der Gegend.

Katharina hatte ein langes Gespräch mit dem Manne, der verlegen und schüchtern vor ihr stand.

Es ist Pauls eigener Jäger, der immer für ihn ladet und sein zweites Gewehr trägt", erklärte sie Nelly.Er läßt uns sagen, daß der Bär bereits aufgetrieben ist, und daß die Treiber ihn auf einen Platz treiben werden, der die Schapka-Lichtung heißt. Dort steht eine Holzfällerhütte, und wenn wir unsere Schneeschuhe anziehen wollen, wird der Mann uns zu der Lichtung führen und uns in Obhut nehmen, bis die Jagd vorüber ist."

Natürlich begrüßte Nelly beit Vorschlag mit Entzücken, und nach einem schnellen Frühstück glitten die drei ge­räuschlos durch den Wald. Nach Verlauf von mehr als einer Stunde gelaugten sie zu der Lichtung und wurden von dem Jäger in der Hütte versteckt.

Niemand außer Paul wisse von der Anwesenheit der Damen in dem kleinen Holzhüttchen, sagte er. Das Arran­gement der Jagd sei im letzten Augenblick, nachdem die Bager sich schon getrennt hätten, ein wenig verändert worden.

Der Mann zündete ein kleines Feuer an und wartete den Damen schüchtern auf, indem er ihnen mit plumpen Fingern die Schneeschuhe abuahm. Dann schloß er die Tur und hing einen Lärchenzweig vor das Fenster, sodaß sie dahinter stehen konnten, ohne gesehen zu werden.

Sie stand en noch nicht lange dort, als der'Baron erschien. Mit langen, gleitenden Schritten kam er rasch über die Schneedecke der Lichtung daher; zwei JägM solgten ihm und zogen sich, nachdem sie ihm das für ihn bestimmte Versteck angewiesett hatten, schweigend auf ihre Platze zurück.

Bald daraus kant aus einer anderen Richtung Karl stemmetz und bezog seine Stellung in einem Dickicht von Fichfen und Zwergeichen. Er befand sich näher bei der cu Jrtltnt Zwanzig Ellen entfernt von dem Staude der Mädchen.

Nach kurzer Zeit erschien auch Paul. Er war ganz allein, und als er plötzlich am äußersten Ende der Lichturlg hervottrat, bot er in Wahrheit das Bild eines mächtigen Jager». Er war beinahe sieben Fuß hoch in seinen Schnee­schuhen, ein Gewehr hielt er in der Hand-, das andere hing über semer Schulter. Es war wie eine stumme Szeng auf der Buhne: die schneeweiße Lichtung mit den langen Spuren, die ine Schneeschuhe hinterlassen hatten, die stillen Baume, die glitzernde Sonne, dahinter die blaue Tiefe des Waldes, während Paul wie der Held einer grimmigen,

arktischen Sage, tote ein in Felle gehüllter nordischer Riefe, ganz allein in der Einöde stand.

Seine Haltung bewies, daß er auf etwas horchte. Wahrscheinlich verriet das Geschrei der Vögel und das ferne Heulen eines Wolfes seinem geübten Ohr die Nähe der Treiber. Plötzlich trat er zu dem Versteck des Barons, richtete irgend einen Ratschlag ober eine Warnung an ihn und wies mit der behandschuhten Hand nach der Richtung, woher der Bär aller Wahrscheinlichkeit nach kommen mußte.

Selbstverständlich fragte Paul auch nach Steinmetz, der von allen unbemerkt seinen Standplatz eingenommen hatte. Chauxville konnte ihm keine Auskunft geben, und Paul ging unzufrieden auf feinen Platz zurück. Steinmetz mußte ihn gesehen und den Gegenstand ihres Gespräches erraten haben, aber er kam nicht zum Vorschein und gab keinen Laut von sich.

Pauls Platz befand sich hinter einem gefällten Baume, und die in der Hütte Befindlichen konnten ihn deutlich sehen. Er wandte sich um und warf einen scharfen Blick auf die Hütte, aber der Lärchenzweig über dem Fenster hinderte ihn, zu sehen, ob jemand dahinter stand ober nicht. So warteten alle in heftiger Erregung. Ein Schwarz- hnhn schwirrte über den offenen Raum und verschwand un­belästigt. Ein grauer, hagerer Wolf trat schleichend, lauernd auf die Lichtung und stand lauschend mit bösartig aufge- rtffenent Maule da. Die beiden Mädchen beobachteten ihn atemlos, und als er unbeschädigt weitertrabte, stießen sie einen tiefen Atemzug aus. Paul, der seine zwei Gewehre vor sich liegen hatte, sah dem Wolfe lächelnd nach. Der Jäger neben den beiden jungen Mädchen lachte leise und betrachtete den Lauf seines Gewehres.

Noch immer war kein Laut zu hören. Alles war still, unwirklich, wie eine Szene auf der Bühne. Die Natur selbst schien den Atem anzuhalten; von Zeit zu Zeit schwirrten Vögel über die Baumwipfel, und ein paar Hafen, in ihren fleckenlosen Winterpelzen weihen Schattckn gleichend, schossen blitzschnell über bett offenen Platz.

Mit einemmale stieß der Jäger einen leisen, grunzenden Ton aus unb hielt die Hand empor, indem er mit geöff­neten Lippen und blitzenden Augen aufhorchte. Es klang deutlich tote brechende Zweige und krachendes Unterholz.

Die jungen Mädchen konnten sehen, tote Paul sich vor­sichtig von den Knieen erhob und eine kauernde Stellung entnahm. Sie folgten der Richtung seines Blickes, und vor ihnen stand der Monarch der Wälder in seiner ganzen, plumpen Pracht.

Ein mächtiger Bär toar an den Rand der Lichtung getreten und stand brummend und murrend aufrecht, indem er mit feinen großen Tatzen von einer Seite nach der anderen fuhr und den zottigen Kops ruckweise hin unb her schob, wie ein Geck, der einen unbequemen Kragen trägt.

Diese norbräffischen Bären stehen nicht im Rufe be- fottberer Wildheit, außer wenn man sie von ihrem Wiuter- schlafe auffcheucht; dann aber kennt ihre Wut keine Grenzen, unb ihr Mut schreckt vor keiner Gefahr zurück. Dabei sind diese Könige der nordischen Wälder Riesentiere, die im- stanbe sind, einen starken Mann zu ersticken, indem ne ihn ttiebertoerfett und auf ihm liegen bleiben,-em ^w, ber schon manch kühnen Jäger getroffen Hal., Die rneblings- methobe des Tieres besteht barin, den Feind zu Tode zu drücken, ober ihn fo fest zu umarmen, daß seine Rippen brechen unb in bie Eingeweide getrieben wurden.

Der Bär staub da, graute sich ben Kopf unb schaute mit seinen kleinen, zornigen, blutunterlaufenen Augen nach etwas aus, das er zerstören konnte. Offenbar toar er sehr gereizt. , r

Der Baron hatte bett ersten Schuß, und darum blickte Paul, während er ben Bären im Auge behielt, von Zett zu Zeit ungebuldtg über bie Schulter. Warum schoß der Franzose nicht? Der Bär war ein riesiges Tier und blteo. wahrscheinlich trotz dreier Schüsse ein gefährlicher Gegner.

Der Jäger in der Hütte murmelte etwas in den Ban.

Der Bär näherte sich Paul. Wenn in der nächsten Minute nicht gefchoffen wurde, war er verloren.

Plötzlich stieß der Jäger einen leisen Ruf der Uebgr- raschung aus und hob das Gewehr an die Wange.

Hinter Paul stand ein zweiter Bär. Er sah thn nutzt, denn seine ganze Aufmerksamkeit mar auf das rteftge <uer gerichtet, das etwa vierzig Eklen von ihm entfernt vor ihm stand. , , ...

Der Baron hatte die Aufgabe, Paul von ledeut Angriff