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Ich versuchte sie zu beruhigen, doch vergebens. Ich führte dann meine Schwägerin wieder nach Hanse, und die ganze Nacht saßen wir, angstvoll Alberts Rückkehr erwartend. Aber er kam nicht, und die junge Fran wurde säst wahn
Jch^hatte rfahren, daß mein Bruder bald nach dem frühstück ins Britische Museum gegangen und gesagt hatte, er würbe zu Tisch zurück sein. Ich stellte demzufolge forschungen im Museum an, wo er als häufiger Besucher wohlbekannt war. Er hatte den ganzen Vormittag wt Lese- Sminer zugebracht und war gegen em Uhr fortgegangen. Ich bemühte mich, seine weiteren Bewegungen zu verfolgen, dock, veraebens. Wohin er gegangen war, als er das Museum verließ, und was aus ihm geworden, blieb ein undurchdrmg- ^^NcMrlich nahmen wir die Hülfe der MM in Anspruch und setzten eine hohe Belohnung für irgend eine,Ausmnst über den Verbleib meines Bruders aus. Die Polizei schien aber ebenso ratlos wie wir selbst.
Die langen, trüben Tage wurden zu Wochen, die endlos scheinenden Wochen zu Monaten bis ein ganzes ^ah^ver- war Mein Herz blutete, da ich die furchtvare -Sirr Ln?7ah^ welche die entsetzliche Ungewißheit auf meine
I Schwägerin ausübte. Sie war nur noch em Schatten ihres früheren Selbst und hatte kaum noch soviel Mast, um von einem Zimmer ins andere zu gehen.
I r$;nec, Tages, etwa fünfzehn Monate nach Alberts ,ckt- samem Verschwinden, meldete mir mein Diener, daß eine SS* Ipr°ch-N wli-Iche. ,D°- Mm° «I d--m- | überreichten Karte war mir unbekannt, da aber die -körte "von äußerster Wichtigkeit" hinzugefügt waren, so lieh ich bie Tnsieur^innern sich meiner nicht, fürchte ich", sagte
I s;e Dame auf englisch, doch mit ausgesprochen fremdartigeni Accent als ich ihr einen Stuhl bot. Als ich m ihre schwarzen
I Augen blickte und ihr Lächeln sah, glaubte ich, sie schon I Monsieur erinnert sich vielleicht, vor ^wa fünfzehn Monaten mit einer Dame von Petersburg bis Bckua zu- I jammen gereist zu sein?" fügte sie hinzu, ohne meine Aut- | Vor^ fünfzehn Monaten! Ich erinnerte mich der Reife
Kein nennenswerter Zwischenfall unterbrach den Rest, meiner Reise nach London. An der Holburn Viadukt Station erwartete mich mein jüngerer Bruder, der früher ein paar Jahre in Rußland gelebt hatte. Er hatte deshalb ein I besonderes Interesse für meinen Besuch in jenem Lande I und war begierig, näheres zu erfahren. I
Ich blieb den ganzen nächsten Tag zu Hause und überließ meinem Assistenzarzt den Besuch meiner Patienten. Am zweiten Tage nach meiner Rückkehr wurde ich unter I anderem von einem Geistlichen konsultiert.
Sobald er gegangen war, trat meine Haushälterin I ein und benachrichtigte mich, daß das Benehmen meuieS Besuchers ihr „sehr verdächtig" erschienen fei.
„Während Anna Ihnen seine Kürte brachte", sagte sie, „ging ich zufällig durch das.Vorzimmer. Ich traute kaum meinen Augen, als ich sah, daß der Mann die Dreistigkeit I besaß, Ihren Hut von dem Ständer zu nehmen."
Ich dankte der guten Alten, dachte aber nicht mehr an den Vorfall, bis ich einige Stunden später, als ich ausgehen wollte, bemerkte, daß mein Bruder feinen Hut auf dem Hutständer gelassen hatte. Da mein eigener Hut fehlte, so schloß ich, daß er diesen aus Versehen aufgesetzt hatte. Wir hatten dieselbe Hutgröße, und so war em solcher Irrtum leicht erklärlich.
An demselben Abend sprach mein Bruder Albert wieder Bei mir vor. Fast feine ersten Worte waren:
„Ich habe vorgestern abend aus Versehen Deinen Hut aufgesetzt."
„Ich bemerkte es, aber es tut nichts", erwiderte ich. „Hast Du meinen Hut zurückgebracht?"
„Nein. Er ist vollständig ruiniert; Du kannst ihn nicht mehr tragen."
„Was hast Du denn damit angestellt?"
„Ich? nichts. Ein Halbverrückter schlug ihn mtr gestern vom Kopfe." , „
„Wahrhaftig! Man scheint sich gegen unsere Hüte verschworen zu haben!" rief ich aus. „Wo passierte es?"
,Ln Regent's Park."
„In Regent's Park?"
„Ja. Es waren sehr wenig Menschen in der Nahe und der Ort schien außergewöhnlich ruhig. Das war mir sehr angenehm, denn ich wünschte über etwas nachzudenken, was ich gelesen hatte. Ich ging in Gedanken dahin, ohne auf den Weg zu achten, bis ich mich an den Zierbrnnnen in der Nähe des Westtores befand. ,
Ich wurde aus meiner Träumerei durch das Erscheinen zweier Männer aufgestört, welche sehr laut sprachen und wie wahnsinnig gestikulierten. Der eine war in außerordentlich heftiger Erregung. Es war ein untersetzter, stark gebauter Mann mit breiter Brust, langen Armen und etwas kurzen Beinen. Seine dunkle Gesichtsfarbe, seine schwarzen Locken, sein ungepflegter schwarzer Bart kennzeichneten ihn als Südländer. Der andere Mann war größer und sah
Ich nahm seine Entschuldigung an, obwohl nicht in allzu liebenswürdiger Weise, wie ich fürchte. Im nächsten Augenblick kam der Akten äter mit meiner Kopfbedeckung — ober vielmehr der Deinigen — herauf, die ein klägliches Aussehen bot. Sie war nicht nur aus der Form geraten, sondern auch naß und schlaff, da sie mit dem Wasser in Berührung gekommen war. Die beiden Männer tauschten einige hastige Worte aus, dann wandte sich der größere von ihnen zu mir und sagte:
„Monsieur wird gestatten, daß wir ihn entschädigen." Gleichzeitig überreichte er mir ein Zwcmzigmarkstück. Ich zögerte, doch sie waren hartnäckig und hätten sich nicht abweisen lassen. So gab ich nach. Einige Minuten später trennten wir uns." — — ,
Ich erzählte meinem Bruder darauf von dem besonderen Interesse, welches mein geistlicher Besucher vom vorigen Tage für den Hut bekundet, den mein Bruder in meinem Vorzimmer zurückgelassen hatte. Es schien ihn zu belustigen und wir machten einige humoristische Bemerkungen über die sonderbaren Abenteuer der beiden Zylinderhute. Dann ließen wir das Thema fallen und sprachen über Politik.
Eines Abends, ettoa drei Wochen nach diesem Vorfall, war ich im Begriff, mich zur Ruhe zu begeben, als ich em lautes Klingeln an meiner Tür vernahm. Da alle Dienstboten schon schliefen, so öffnete ich selbst. Meine Schwägerin, Alberts junge Frau, fiel mir fast ohnmächtig in die Arme.
i Sie war blaß, atemlos und erregt.
„Ist Albert hier?" brachte sie angstvoll hervor.
,'Nein, ich habe ihn seit Dienstag nicht gesehen", versetzte ich, indem ich sie in die Bibliothek führte.
„Wo kann er nur sein? Ich hoffe, ihm ist nichts &u- qestoßen", sprach sie, auf einen Stuhl sinkend. „
„Aber wie kommst Du darauf, daß ihm etwas zugestoyen sein "sollte?" fragte ich. . ,
, Cs ist etwas so außergewöhnliches, daß er einen ganzen Tag ausbleibt, ohne mich durch ein Telegramm oder aus andere Weise zu benachrichtigen, wohin er geht. Auch bleibt I er nie spät aus am Wend, ausgenommen, wenn er bei
wie ein Pole oder ein russischer Jude aus. .
Ganz in meiner Nähe standen sie still, aber da sie eme 6 mir unbekannte Sprache redeten, so konnte ich ihrer Dis- ! kussiou nicht folgen. Sie waren so lebhaft und schienen so vertteft in ihr Gespräch, daß sie meine Anwesenheit kaum gewahrten. Sie kamen mir schließlich so nahe, daß I ich nur die Hand hätte auszustrecken brauchen, um einen I von ihnen zu berühren. , . , I
Ich war im Begriff, weiter zu gehen, als mir plötzlich der Hut vom Kopfe geschlagen wurde und den Abhang hinab ins Wasser rollte. Ter heftig Erregte hatte ihn mit j seinem Spazierstock getroffen, indem er gestikulierte, um seinen Worten größeren Nachdruck zu verleihen.
Es folgte ein Schwall Von Worten — vermutlich eine überschwängliche Entschuldigung — von ausdrucksvollen Gesten begleitet. Dann, bevor ich noch Zeit hatte zu sprechen, stürzte er meinem Hut nach, den Abhang hinunter. Der andere pflanzte sich vor mir auf und erging sich in einer Flut von Entschuldigungen in gebrochenem Englisch, von denen ich nichts weiter verstand, als:
„Bitte tausendmal um Verzeihung, mein Herr. Mein Freund ist trostlos über den Vorfall. Wenn er so erregt ist, so weiß er leider nicht, was er tut."
„Das scheint so", bemerkte ich kalt, denn ich war sehr ärgerlich."
„Ich fürchte, mein Freund ist nicht so ganz richtig hier", fuhr der Fremde fort, indem er vielsagend an feine Stirn tippte


