Ausgabe 
21.3.1903
 
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ich den Wunsch äußerte, mir einen verschaffen zu können.

Am besten wäre eine Seereise für Dich."

Und ein Winter in St. Moritz, oder empfiehlst Du Cannes oder Kairo? Das ist alles recht schön und gut, A. I., aber Du vergissest, was ich Dir über meine Fonds gesagt habe."

Nichts vergesse ich; ick» wollte Dir nur nicht wehe tun. Aber eine Seereise sollst Du machen. Auch ich bedarf einer Luftveränderung, und Du sollst mich als mein Gast begleiten. Wir wollen den Juli im Mittelländischen Meere verbringen..."

Aber Du wolltest ja Cricket spielen?"

Ach was, Cricket kann sich meinetwegen hängen lassen."

Ja, wenn ich wüßte, daß Du im Ernst sprächst . . ." Natürlich spreche ich im Ernst. Willst Du mich begleiten?"

Von Herzen gern wenn Du gehst."

Bei diesen Worten schüttelte ich ihm die Hand und winkte ihm viele Abschiedsgrüße nach, immer in der von jeder Bitterkeit freien Ueberzeugung, daß ich weiter nichts von der Angelegenheit hören werde. Es war ein flüchtiger Gedanke gewesen, weder mehr, noch weniger. Bald aber fing ich an, zu wünschen, es wäre mehr gewesen, denn noch ehe die Woche abgelausen war, empfand ich das sehnlichste Verlangen, England auf immer den Rücken zu kehren. Ich verdiente nichts und mußte von dem Unterschied zwischen der Miete meiner Wohnung und dem Preise leben, zu dem ich sie möbliert für die Dauer der Saison veraftermietet hatte. Wer diese nahte ihrem Ende, und in der Stadt erwarteten mich Gläubiger. War es möglich, vollkommen ehrlich zu leben? So lange ich Geld in der Tasche hatte, bezahlte ich alles bar, und die offene Unehrlichkeit schien mir das weniger unehrenhafte Verfahren zu sein.

Von Raffles hörte ick» natürlich nichts weiter. Eine Woche verging und die Hälfte einer zweiten, als ich spät am Mittwoch abend ein Telegramm von ihm in meiner Wohnung vorfand, nachdem ich ihn vergeblich in der Stadt gesucht, und verzweifelt in dem verlassenen Klub gegessen hatte, zu dem ich immer noch gehörte.

Fahr Montag 9,25 Uhr morgens mit Norddeutschen Lloyd Sonderzug", drahtete er.Erwarte Dich Sout­hampton aufSachsen" mit B-illet. Brief folgt."

Der Brief kam, ein leichtherziger Brief und doch voll ernster Besorgnisse für mich, meine Gesundheit und meine Aussichten, ein Brief, der im Lichte unserer früheren Be­ziehungen und im Zwielichte ihres vollständigen Bruches fast rührend war. Er habe zwei Kojen nach Neapel ge­nommen, und unser Ziel sei Capri, die Insel der Lotos­esser, wo wir uns zusammen sonnen undeine Weile vergessen" wollten, kurz, ein reizender Brief. Italien sei mir neu, und er werde den Vorzug haben, mich in seine Schönheiten einzuführen. Es für ein im Sommer uner­trägliches Land zu halten, sei der größte Irrtum, den man begehen könne. Nie sei die Bai von Neapel gleich göttlich; und er schrieb vonstillen Feengärten", als ob ihm die Poesie von selbst in die Feder geflossen sei. Um auf die Erde und zur Prosa zurückzukehren, würde ich es vielleicht unpatriotisch von ihm finden, daß er einen deutschen Dampfer gewählt habe, aber aus keiner andern Linie werde man für sein Geld so zuvorkommend be­handelt und so ausgezeichnet verpflegt. Dann folgte eine Andeutung, daß noch wichtigere Gründe für seine Wahl bestimmend gewesen seien. Brief und Telegramm kamen von Bremen, und ich schloß aus einigen Wendungen, daß sein Einfluß bei maßgebenden Persönlichkeiten eine wesent­liche Herabsetzung des Preises bewirkt habe.

Meme Aufregung und Freude könnt ihr euch, vorstellen! Es gelang mir, meine Schulden in Thames Ditton zu bezahlen, aus einem kleinen Zeitungsverleger einen sehr kleinen Scheck und aus meinem Schneider einen neuen Flanellanzug herauszupressen, und ich entsinne mich, daß ich meinen letzten Sovereign anbrach- um für Raffles eine Schachtel Sullivanzigaretten zum Rauchen auf der Reise zu kaufen. Wer als mich an jenem Montag morgen, dem schönsten Morgen eines häßlichen Sommers, der Sonder­zug durch den Sonnenschein nach dem Meere trug, da war mein Herz so leicht, als meine Börse.

In Southampton erwartete uns ein Tender. Raffles war nicht an Bord, und ich hatte ihn auch gar nicht zu

sehen gehofft, bevor wir an der Seite des großen Dampfers lagen, aber auch hier schaute ich vergebens nach ihm aus. Sein Gesicht war nicht unter der Menge, die an der Brüstung land, seine Hand befand sich nicht unter den wenigen, die ankommenden Freunden ihre Grüße zuwinkten. Mit olötzlich schwer gewordenem Herzen stieg ich an Bord. Ich hatte weder ein Billet, noch Geld, um eins zu bezahlen, und wußte nicht einmal die Nummer meiner Koje. Mit einem Gefühl, als ob ich ersticken müsse, rief ich einen Steward an, und fragte ihn, ob ein Mr. Raffles an Bord sei. Dem Himmel sei Dank er war da! Aber wo? Das wußte der Manu nicht, der offenbar etwas anderes zu tun hatte, und ich mußte auf die Suche gehen. Auf dem Promenadedeck war keine Spur von ihm, auch nicht unten im Salon, und der Rauchsalon war leer, abgesehen von einem kleinen Herrn mit einem roten Schnurrbarte, der nach den Augen in die Höhe gedreht war. Ebensowenig war Raffles in seiner eigenen Kajüte, nach der ich mich verzweifelt durchgefragt hatte, wo mich jedoch sein an den Gepäckstücken stehender Name etwas beruhigte. Warum er sich aber so versteckt hielt, war mir unbegreiflich, und als ich nach Gründen für dieses Verhalten suchte, konnte ich nur unheilverheißende Erklärungen finden.

(Fortsetzung folgt.)

Der falsche Cylinder.

Won Arthur D. Wood. (Tit-Bits.)

(Nachdruck verboten.)

Mein kurzer Besuch in der russischen Hauptstadt tomc vorüber.

Soweit ich es beurteilen konnte, war der Zug nur schwach besetzt. In meinem Abteil befanden sich außer mir nur zwei Personen eine hübsche, gutgekleidete junge Dame mit weißen Zähnen und großen, dunklen Augen, welche mir gegenüber saß, und ein großer, hagerer Mann mit einem langen, energischen Gesicht.

Dieser Herr stieg in Pskov aus, und da niemand seinen Platz einnahm, so hatten die junge Dame und ich das Koupee für uns allein. ... . ,

Meine Reisemütze über die Augen ziehend, setzte ich mich in die Ecke, um ein Schläfchen zu machen. Ich wußte nicht, wie lange ich geschlafen hatte, als ein langer schriller Pfiff der Lokomotive mich weckte und ich schläfrig die Augen ein wenig öffnete. Was ich sah, machte jedoch, daß ich sie im nächsten Augenblick ganz weit aufriß. Meine schöne Reise­gefährtin, welche mir gegenüber faß, hielt meinen,Zylinder in der Hand, den ich sorgsam auf den Sitz neben mir gestellt hatte, als ich meine Reifemütze auffetzte.

Das Mädchen war nicht im geringsten verlegen, ^m Gegenteil, sie lächelte bezaubernd, als sie mein Erstaunen bemerkte, und sagte vollkommen ruhig:

Der Hut fiel vom Sitze, Monsieur Dollemache. Mon­sieur verzeihen, daß ich so frei war, ihn auszuheben." Mein Erstaunen wuchs noch, als sie mich bei meinem Namen nannte.Es ist sehr freundlich von Ihnen, sich zu, be­mühen", sagte ich-aber ich erinnere mich nicht, Sie fe zuvor gesehen zu haben, und dennoch scheinen Sie mich

Nur dem Namen nach Steht nicht Ihr Name auf Ihrer Reisetasche?" , rr

Ach ja, natürlich!" rief ich aus. Da auch meine volle Adresse auf der an der Tasche befestigten Etikette stand, so kannte meine Reisegefährtin, welche augenscheinlich guten Gebrauch von ihren Augen gemacht hatte, höchst wahrschein­lich auch diese. _ t .

In Wlua verließ ich das Koupee und begab mich m den Erfrischungsraum. Als ich drei Minuten später wieder auf den Bahnsteig heraustrat, bemerkte ich an etnent Ende desselben eine kleine Menschenansammlung. Als ich mich der Gruppe näherte, war ich überrascht, zu sehen, daß meine Reisegefährtin nicht nur den Mittelpunkt derselben, sondern auch den Gegenstand besonderer Aufmerksamkeit seitens dreier Polizisten bildete.

Augenscheinlich war sie verhaftet worden. Ich hatte keine Zeit, mich mit der sonderbaren Angelegenheit toeiter zu beschäftigen, denn in diesem Augenblicke wurde zum Ein- steigen gerufen.Was hat sie getan? Wissen Sie es? fragte ich den Schaffner, der die Tür hinter mir, schloß,

Wer weiß? Wahrscheinlich Nihilistin!" war die lako­nische Antwort. Dann eilte er weiter.