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1903. — Nr. 28
Samstag den 21. Februar. /;.
(Nachdruck verboten.)
Ein Einbrecher aus Passion.
>Vvn E. W. Hornung.
Autorisierte Uebersetzung aus dem Englischen von F. Mangold.
(Fortsetzung.)
Jur allgemeinen hatte mich dieses Gespräch jedoch nur mäßig erwärmt, intö ich entsinne mich noch sehr wohl der Niedergeschlagenheit, die sich meiner bemächtigte, als Rasfles gegangen war. Die Torheit des Unternehmens, wozu ich mich verpflichtet hatte — die nackte, haarsträubende, unnötige Torheit war mir vollkommen klar. Die Paradoxe, worin sich Rasfles gefiel, die Haarspaltereien, die trotz ihrer Frivolität halb ernst gemeint waren, und die durch seine Persönlichkeit in dem Augenblick, wo er sie aussprach, ganz annehmbar gemacht wurden, hatten toeittg Verlockendes für mich, wenn ich sie mir bei kaltem Blute ins Gedächtnis zurückrief. Die Freude am Unrecht an sich, tvofür Freiheit und Leben aufs Spiel zu setzen er bereit war, konnte ich wohl bewundern, fand sie aber bei ruhiger Ueberlegung nicht ansteckend. Allein der Gedanke, mich zurückzuziehen, konnte nicht einen Augenblick in Betracht kommen. Im Gegenteil, ich war ärgerlich über den Aufschub, den Rasfles für notwendig erklärte, und vielleicht hatte meine geheime Unzufriedenheit zu einem nicht geringen Teil ihre Wurzel in seinem mich verletzenden Entschluß^ bis zum letzten Augenblick ohne mich fertig zu werden.
Daß das für den Mann und seine Haltung mir gegenüber charakteristisch war, machte die Sache nicht besser. Seit einem Monat waren wir, glaube ich, die vertrautesten Diebe in London, und doch war unsere Intimität seltsam unvollständig. Bei all seiner reizenden Offenheit war in Raffles' Wesen eine Ader launenhafter ^Verschlossenheit, die fühlbar genug war, um sehr verletzend zu sein. So machte er zum Beispiel aus manchen Angelegenheiten ein Geheimnis, die uns beide angingen; ich habe nie erfahren, wo und wie er die in Bond Street erbeuteten Juwelen verwertete, von deren Erlös wir äußerlich noch dasselbe Dasein wie Hunderte von jungen Lebemännern führten.
Diese und andere Einzelheiten, in die eingeweiht zu werden rch nur das Recht erworben zu haben glaubte, hielt ei; em für allemal vor mir geheim. Natürlich konnte ich nicht vergessen, wie er mich durch eine Hinterlist zu meinem erften Verbrechen verleitet hatte, während er noch unsicher war, ob er mir trauen dürfe oder nicht. Das kann ich ihm schließlich nicht verargen, Wohl aber nahm ich ihm seinen fetzigen Mangel an Vertrauen übel. Zwar sprach ich nicht darüber, aber es wurmte mich jeden Dag, und niemals mehr, als in der Woche, die auf das zu Ehren Rosenthalls gegebene Diner folgte. Wenn ich Rasfles int Klub traf, faßte er mir nichts, suchte ich ihn in seiner Wohnung aus.
so traf ich ihn nicht zu Hanse, oder er ließ sich verleugnen. Eines Tages teilte er mir jedoch mit, er mache Fortschritte, die Sache sei aber kitzlicher, als er sich zuerst gedacht habe; wenn ich aber anfing, mich nach Einzelheiten zu erkundigen, wollte er nichts mehr sagen. Das veranlaßte mich, in meinem Aerger sofort einen Entschluß zu fassen. Da er mir nichts Überdas Ergebnis seiner Beobachtungen mitteilen wollte, beschloß ich, auf eigene Faust welche anzustellen, und noch an demselben Abend war ich auf dem Wege nach dem Hause des Millionärs.
Dieses war, glaube ich, bei weitem das größte im Beq zirk von St. Sohns Wood und stand an der von zwei breiten Straßen gebildeten Ecke, jedoch führte zufällig durch keine von beiden eine Omnibuslinie, und ich zweifelte, ob auf vier Meilen in der Runde eine ruhigere Oertlichkeit zu finden war. Auch das große, viereckige Haus in seinem Garten von Rasenplätzen und Gebüschen war ruhig; die Lichte brannten nur schwach, und alles ließ darauf schließen, daß der Millionär und seine Hausgenossen den Abend außerhalb verbrachten. Die Gartenmauern waren nur wenige Fuß hoch. In der einen befand sich eine Seitentür, die in eine Glasgalerie führte, in der anderen bildeten zwei große Tore Anfang und Ende eines breiten, halbkreisförmigen Fahrwegs, und beide standen weit offen. So still war es ringsum, daß ich große Lust verspürte, in aller Gemütsruhe hineinzugehen und mir die Ortsgelegenheit etwas näher anzusehen, und ich war tatsächlich schon im Begriffe, das zu tun, als ich einen watschelnden Schritt auf dem Pflaster hinter mir hörte. Ich drehte mich um und stand einem finsteren Gesicht und den geballten, schmutzigen Fäusten eines zerlumpten Strolches gegenüber.
„Du Dummkopf!" sagte dieser, „Du unglaublicher Dummkopf!"
„Raffles!"
„So ist's recht!" knirschte er wütend, „schrei's der ganzen Nachbarschaft in die Ohren — verrat mich so laut Du kannst!"
Nach diesen Worten wandte er mir den Rücken und watschelte achselzuckend und vor sich hin murmelnd, als ob ich ihm ein Almosen veriveigert hätte, die Straße hinunter. Erstaunt, entrüstet und ratlos blieb ich einen Augenblick stehen; dann folgte ich ihm. Seine Füße schleppten sich müde über die Erde hin, er ging mit gebogenen Knieen, sein Rücken war gekrümmt, sein Kopf wackelte, kurz, er machte den Eindruck eines Achtzigjährigen. In der Mitte zwischen zwei Laternen wartete er auf mich. Als ich ihn erreichte, zündete er sich eine Tonpfeife voll schauderhaften Tabak mit einem übelriechenden Streichholz an, und die Flamme zeigte mir den Anflug eines Lächelns.
„Du mußt mir meine Heftigkeit verzeihen, Bunny, aber es rvar wirklich sehr töricht von Dir. Ich versuche alle möglichen Liste — bettle an einem Abend an der Tür und verstecke mich am nächsten in den Gebüschen — kurz tue alles, worauf ein Sterblicher verfallen kann.


