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fie verteufelt viel Geld gebraucht haben sollen. Ter alte Tesmond hatte nun jeder der Töchter ein großes Vermögen vermacht. Ta aber nach seinem Tode kein bares Geld vorhanden war, mußte das Gut mit jener Summe belastet werden. Als die Töchter dann heirateten unb der Sohn das Geld ausbezahlen sollte, blieb ihm nichts anderes übrig, als eine Hypothek aus das Gut auszunehmen. .Verstehen Sie das?"
„Vollkommen", stimmte ihm Sir Greville bei. „Bei uns in England ist leider ganz, dieselbe Geschichte."
„Daraufhin wollte Master Dermot eigentlich seinen Hausstand vereinfachen und die Hundemeuten hergeben, aber die Zeiten waren verhältnismäßig noch gut, und so tat er es schließlich doch nicht. Damals wußte man noch nichts von australischen Hammeln und amerikanischen Ochsen, und das Vieh hatte noch einen hohen Preis." Str Greville nickte. „Er ließ nun einen Mann von Dublin kommen, bannt er sein Land einschätze, und das Ende vom Liede war, daß alle Pachtzinse erhöht wurden."
Hier machte Flagherty eine längere Pause, räusperte sich und schaute im Kreise umher, um zu sehen, ob man ihm auch aufmerksam zuhöre. „Na, wir taten unser Möglichstes, um die Zinsen aufzubringen", fuhr er dann fort, „manchen gelang es, manchen auch nicht. Master Dermot heiratete eine Dame aus Dublin, das schönste, lieblichste Geschöpf, das ich jemals sah, aber sie brachte ihm keinen roten Heller mit in die Ehe, und sie bekamen eine starke Familie. Einige Kinder starben klein, andere blieben am Leben, und diese verstanden alle das Geldausgeben — welcher Desmond hätte das auch nicht verstanden? Am schlimmsten von allen aber hauste im Geldpunkt die alte Madame Tesmond, ich meine Mr. Dermots Mutter, sodaß der arme Master bald nahezu vor dem Bankerott stand. Tie Jagdpferde und Hunde hatte er schließlich alle verkauft, und es war zum Erbarmen, wenn man ihn auf seinem alten Schimmel, dem einzigen Pferche, das er noch im Stalle hatte, daherreireu sah. Bald mußte er eine neue Anleihe auf sein Gut auf- nehmen, und damit hatte er so ziemlich den letzten Groschen, den die Besitzung wert war, erschöpft. Auch die Pächter konnten immer weniger ihren Pachtverpflichtungen nachkommen, da die Wiehpreise von Jahr zu Jahr sanken."
Pat und der junge Bursch auf dem Tisch nickten ver-, ständnisvoll. , „Und als dann Master Dermot nicht einmal mehr die Zinsen für die Gläubiger aufbringen konnte, pfändete man ihn aus, und das überlebte er nicht."
„Tu lieber Gott, das war eine böse Geschichte I" rief Sir Greville teilnehmend.
„Tie Söhne starben alle, außer einem, den: jüngsten, der mit seinem Regiment in Indien tu ar und die ganze Angelegenheit seinen Geschäftsführern Watts und Humphrey in Dublin überließ, die überall als Schurken bekannt waren. Sie haben gewiß auch schon von ihnen gehört?"
„Nein, niemals."
„Um so besser für Sie."
„Eine große Auftegutlg entstand nun in der ganzen Gegend; niemand wollte mehr seinen Pachtzins bezahlen, als man erfuhr, daß kein Pfennig davon in die Tasche des jungen Desmond gelangte, sondern alles von jenen Schurken, die die Hypotheken besaßen, eingesackt wurde."
„Tas war aber eigentlich eine recht sonderbare Auf- sassung dieser Pächter."
„Warum? Zum Henker, wir wollten es' eben nicht bezahlen, und wir tatens auch nicht, die Watts und Humphrey mochten uns drängen so viel sie wollten — nicht einen roten Heller bekamen sie seit vier Jahren."
„Da haben Sie ja ein recht gutes Geschäft gemacht", bemerkte Sir Greville etwas höhnisch.
„Na, es geht so. Tie Behörden haben zioar schließlich die Pachtzinse heruntergesetzt, die übrigens trotzdem noch hoch genug sind. Tie Familie Tesmond aber ist natürlich jetzt ruiniert und wie vom Erdboden berschwuudieu."
„Wirklich? Ist die Familie ganz erloschen?"
„Wenn Sie meinen ausgestorben — nein, denn der junge Mann in Indien ist noch am Leben. Ich glaube, er verließ den Dienst und faut beim, um die Tinge so gut es ging in Ordnung zu bringen. Tas alte Schloß und Rittergut konnte wegen seiner Familienbestimmung und wegen fehlender Dokumente zu Lebzeiten seiner alten Großmutter nicht verkauft werden; die alte Dame aber hat ein schönes Haus in Dublin. Sie soll noch ebenso stolz und großtuerisch sein als früher und schrecklich herrschsüchttg.
Man sagt ihr nach, daß sie ihren Kindern niemals erlaubte, sich in ihrer Gegenwart zu setzen. Na, ob's wahr ist, weiß ich nicht, jedenfalls aber nimmt sie ihrem Enkel, dem jungen Tesmond, dem armen Kerl, der, wie man sagt, das Geld sauer verdienen muß, jeden Pfennig, den er halbwegs entbehren kann, ab. Tas alte Schloß ist zugeschlossen und wird wohl nächstens zusammen fallen; aus den Feldern wächst Unkraut und auf ben Parkwegen könnte das Vieh weiden. Aus dem alten Rittergut Hausen Kaninchen und im Schlosse Ratten und Mäuse. Wo sich der junge Herr Herumtrieb, wodurch er seinen Unterhalt verdient, das weiß der Himmel, das aber kann ich beschwören, daß die „Alte" auf seine Kosten lebt."
„Und was ist aus den übrigen Besitzungen geworden? Sind sie alle verkauft?"
„Nein, sie stehen unter gerichtlicher Verwaltung. Ein Keines Grundstück wurde von den ftüheren Pächtern angekauft, der ländere Teil mit Schloß und Park kann, wie ich Ihnen schon sagte, nicht verkauft werden, sonst könnten: es Euer Gnaden jeA gewiß um einen Spottpreis bekommen." „Ich danke, nach dem, was Sie mir erzählten, gelüstet es mich nicht, mich in Irland anzukaufen."
„Beim Himmel, es giebt wahrhaftig schlimmere Gegenden zum Ankäufen als die unsrige! In alten Zeiten, wo wir noch die großen Viehmärkte hier hatten, war das Land vollends nicht $it verachten, denn es ernährte Gutsherrn und Pächter reichlich. Jetzt fteilich langts kaum noch für einen, der andere muß untergehen."
„Meinen Sie unter dem, der untergeht, den ursprünglichen Besitzer des Bodens?" fragte Sir Greville in scharfem Tone.
,^Ja, den alten, einstens hier ansässigen Adel — es gab darunter solchen, der bis auf Noahs Zeiten zurückreichte — aber der verschwindet nach und nach aus Irland, und vielleicht ists besser so — die einen sagen dies, die andern jenes — aber was die Desmonds aubelangt, so tat ihr Unglück jedermann leid. Sie stammten von Fürsten ab und führten einen königlichen Hofhalt. Es tvar ein feines, freigebiges, gutmütiges und schönes Geschlecht. Friede ihrer Asche!"
„Wo mag nur der junge Tesmond sein?" fragte Miß D'Arcy, die mit dem lebhaftesten Interesse zugehört hatte. „Ich wollte, er fände einen vergrabenen Schatz und könnte sich seine Güter zuriickkaufen! Hat ihn jemand in letzter Zeit gesehen?"
„Nein, Fräulein, seit er ein Keiner Junge war, nicht mehr. Es würde ihm gewiß das Herz bluten, wenn er den Zerfall seines Stammschlosses sähe, und ich bin überzeugt, daß er sich nicht so bald in dieser Gegend blicken lassen wird."
Einen Augenblick trat Stille ein, bis sich endlich der Kutscher Terence erhob, den Hut vor der Keinen Gesellschaft lüftete und, seinen Hund zu sich rufend, die Hütte verließ,
Zwölftes Kapitel.
„Krüm ch e n."
Tas Wetter hatte sich mittlerweile vollständig auf- geheKt, sodaß Miß D'Arcy, Sir Greville und Mr. Foulcher bald dem Beispiel des Kütschers folgten und sich vom alten Pat verabschiedeten. Einige Wasserpfützen aus der Straß«, in denen sich der Himmel spiegelte, und ein auf den Bergen und dem Meer lagernder duftiger Nebel gemahnten allein noch an den vor kurzem niedergegangenen Wolkenbruch.. Das Klima Irlands ist eben launisch wie eine schöne Frau.
Als' sich das Trio dem Hotel näherte, sahen sie zu ihrer großen Verwunderung Nita, die anscheinend wieder vollständig hergestellt war, und in einer neuen eleganten Sommertoilette im Kreise ihrer Bekannten auf der Veranda saß. Sie sei jetzt ganz wohl, versicherte sie, eine Tasse Kraftbrühe habe fie wieder aus den Tamm gebracht. Da plötzlich wurde das Gespräch in unerwarteter Weise unterbrochen. Ein Wagen mit einem dampfenden Pferd hielt rasselnd vor dem Portale, und ein rothaariger junger Mann in langem, grauem Reisemantel sprang heraus und betrat die Veranda.
„Bei Gott, ist das nicht Lovell?" rief Sir Greville. „Ich glaubte, er fische in Wales. Lovell, mein lieber Junge", rief er, aus ihn zueilend, „das nenne ich eine famose lieber- raschung. Was für ein günstiger Wind verschlug Sie denn in diese Gegend?" Maureen sah' nach ihrer Schwester, die sich strahlend und mit geröteten Wangen erhoben hatte.


