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zu genießen, welche sie gebracht hatte; wie sie versucht hatte, ihn zu trinken, wie sie nicht schlucken konnte, und es war ihr, als müsse sie ersticken. Dann kam die lange Fahrt zur Station; es war so kalt trotz aller Umhüllungen, so traurig, und sie kam sich in dem Wagen so verlassen vor. Dann im Zuge kam das ganze Gefühl ihres Elends über sie, so allein, so verlassen auf dem Wege zu ihrem sterbenden Bruder, ihrem einzigen Freund! Doch keine Träne erleichterte ihr Herz während der langen Fahrt! Ihr schien, als habe sie all ihre Tränen vergossen in der schrecklichen Nacht, vor diesem entsetzlichen Morgen. Es war leicht, über verlorene Liebe zu weinen! für diesen neuen Schmerz, für diese Qual der Selbstvvrwürfe gab es keine Tränen, keine Erleichterung! Auf dem halben Wege erinnerte sie sich der mitgenommenen Briefe, sie nahm sie hervor und las sie nach der Reihenfolge. Es waren eigentlich nur kurze Berichte, sehr unähnlich den Briefen, welche Willy sonst an seine Braut schrieb, die ungewöhnlich lang und voll Zärtlichkeit waren. Der erste K:e, Robert fühle sich nicht wohl, habe sich erkältet fiebere etwas. Er wolle sich ein paar Tage ruhig zu Hause halten, sie solle sich ja nicht ängstigen und beunruhigen. Der zweite war ernster: Robert war nicht besser geworden, wollte aber durchaus nicht, daß Jane benachrichtigt würde; Willy war bei ihm und tat, was in seinen Kräften stand. Der dritte Brief war kurz und sehr eilig geschrieben. Robert war sehr krank, der Fieberanfall war zum Typhus in seiner schlimmsten Form geworden, er wollte Jane nicht zuruckrufen, aber Willy erkannte, wie er sich freuen, wie es ihn beruhigen würde, die Schwester an seiner Seite zu haben.
O, welche Vorwürfe sich Jane nun machte, wie sie sich selbst haßte? Wie wenig verdiente sie all die Liebe und Güte, welche der Bruder stets für sie hatte, wie undankbar sie war. Sie hatte so wenig an ihn gedacht, war so ganz mit sich selbst und ihrem Glück beschäftigt gewesen, daß sie nicht einmal seine Briefe vermißt hatte in der letzten Zeit; sie hatte sich nichts gedacht bei seinem Schweigen, sich täglich, stündlich weiter amüsiert, wahrend ihr Bruder, der Treueste, Beste, im Sterben lag.
Dicker Nebel lag über der Stadt, als der Zug in den Bahnhof einlief, trübe schimmerten die Laternen durch den Tunst. Jane konnte kaum erwarten, daß der Zug hielt; endlich, endlich! Sie sprang aus dem Wagen und sah mit wilden, verstörten Blicken um sich nach einem bekannten Gesicht. Es war aber keins dort; Willy war nicht gekommen, sie zu empfangen; dies war sicher ein gutes Zeichen. Wenn Robert ihn nicht nötig gehabt hätte, wäre er sicher auf dem Bahnhof gewesen. Ein leiser Hoffnungsstrahl zog in ihr Herz; Robert würde gesund werden, v, nun war sie da, nun wollte sie ihn sorgfältig und unermüdlich pflegen! Nie wieder wollte sie ihn verlassen, nicht einen Tag, nicht eine Stunde! Er mußte ja nun gesund werden, es wär garnrcht anders möglich! Wie lang war doch die Fahrt nach Hause, wie langsam wand sich die Droschke durch den dichten Nebel! Nun hielt sie vor dem bekannten Eckhaus, die rote Laterne brannte zum Zeichen, daß hier ein Arzt wohnt. Jane stieg die Stufen hinauf, die Tür stand offen, sie ging hinein. Tas Gas in der Eingangshalle brannte, ebenso im Wohnzimmer, doch kein Mensch war da, eine unheimliche Stille herrschte ringsum. Wieder besiel die entsetzliche Angst das junge Mädchen und einen Augenblick mußte es niedersitzen, unfähig, ich zu regen. Tann ihren ganzen Mut zusammenraffend, tand sie auf und begann die Treppe zu ersteigen. Als ' ie die erste Etage erreimt hatte, öffnete sich eine Tür, ihres Bruders Stubentür, und Willy trat heraus: er sah überwacht, krank und elend aus und fuhr bei Jiane's Anblick heftig zusammen.
„Jane!" rief er, aber felbst in der Ueberraschung klang Ke Stimme leise und gedämpft. „Bist Du endlich ge- men?" fuhr er fort mit einem Ton, in dem er die Bitterkeit nicht ganz unterdrücken konnte. Zu deutlich noch stand der Mick vor seinen Augen, mit welchem der sterbende Freund vergeblich die Schwester gesucht hatte. Nun war alles vorbei, und das weiße, stille Gesicht lag ruhig und friedlich in den Kissen.
„Ja, ich bin hier", sagte sie, fast ohnmächtig sich gn das hölzerne Geländer lehnend; „ich wußte nicht" ~ ihre Kraft verließ sie, und mit einem flehenden Blick jn ihren großen Augen sah sie auf ihren Bräutigam.
„Jetzt braucht er Dich nicht Mehr", sagte der junge Mann mit einem leisen Schluchzen in seiner Stimme; „Tu kommst zu spät, Jane!"
„Zu spät!" wiederholte sie wie im Traum; die Dunkelheit wurde dichter um sie her, nur einzelne leuchtende Funken fuhren hindurch; vor ihren Ohren rauschte es wie ein Wasserfall — und Willy sing die in tiefe Ohnmacht Sinkende in seinen Armen auf.
6. Kapitel.
Eine Woche war vergangen, seitdem Robert Gratton zur letzten Ruhestätte geleitet, seit er auf dem entlegenen Friedhof gebettet war. Jane und Willy waren nicht die einzigen Leidtragenden; viele ernste, abgearbeitete Männer erwiesen dem allgemein beliebten jungen Arzt, der so gern sich selbst vergaß, um andern zu helfen, die letzte Ehre; so manche Frau, deren Leben er erhalten, folgte im Zuge. Alle weinten sie, als die feuchte, kalte Erde mit dumpfem Gepolter auf den Sarg des stets hilfsbereiten jungen Mannes fiel; in Mllys Augen standen Tränen, als die Reste des Freundes ins Grab gesenkt wurden; doch Jane vergoß keine. Starr und unbewegt stand sie da, mit dem Ausdruck grenzenloser Verzweiflung in den brennenden Augen.
Die Tage vergingen, sie zeigte dieselbe starre Ruhe, dieselbe hoffnungslose Stumpfheit. Da war keine Aehn- lichteit mehr mit der Jane von früher. Sie hatte ihre leichten, amüsanten Bewegungen verloren, selbst das marmorbleiche Antlitz schien ein anderes, nichts erinnerte an das rosige, lieblich lächelnde Gesicht von früher. Nur die Augen sprachen von Leben. Doch war der verlorene, lichtlose, schmerzliche Wick in ihrer Tiefe traurig anzu- sehen.
„Jinmer diese starre Verzweiflung!" dachte Willy. „Ein heftiger Tränenausbruch wäre besser als die entsetzliche Gleichgiltigkeit gegen alles, was sie umgibt."
Es reMete unaufhörlich, und in dem einfachen, fast ärmlichen Wohnzimmer iah es grau und trübe aus wie außen. Willy ging in dem kleinen Zimmer auf und ab, er schien etwas erregt zu sein; denn in beinahe ungeduldigem Tone sagte er zu der still und traurig dasitzenden Jane:
„Ich wünschte wohl. Du ließest Julia oder Mary auf einige Zeit zu Dir Herkommen, da Du Dich so entschieden weigerst, zu uns zu kommen."
„Julia oder Mary hier! Sie würden mit ihrem eleganten Wesen und Auftreten, mit ihren Schleppkleidern! wohl wenig passen zu dieser Umgebung."
„Was hat bte Umgebung damit zu tun! sie würden sehr gern kommen, sobald Du sie darum bätest. So geht es nicht weiter. Du brauchst die Gesellschaft einer Freundin, die Dich liebt und auf Dich einwirkt. Ich bin darin so ungeschickt und unbehilflich, Jane, ich vermag so wenig über Dich!"
„Laß mich, Willy; es gibt keinen Menschen auf der Welt, den ich lieber sähe als Dich", sagte sie freundlich, mit einem schwachen Versuch, zu lächeln. „Er liebte Dich so sehr! o Willy, Du warst gut und lieb zu ihm, während ich —" die Stimme versagte ihr, das erzwungene Lächeln erstarb und alle Farbe wich von ihren Lippen.
„Du mußt Dich nicht immer anklagen!" sagte er liebevoll, indem er sich neben sie setzte und ihre kleine^ kalte Hand in die seinige nahm. „Er wollte ja nicht, daß Du wissen solltest, wie krank er war, er fürchtete die Ansteckung für Dich, er war auch so viel bewußtlos, daß er Dich selten vermißte; er war froh, daß er Dich Heuer und glücklich wußte und —"
„Nicht weiter!" unterbrach sie ihn mit heiserer Stimme, erinnere mich nicht daran, wie gut er war und wie selbstsüchtig ich! Wie konnte ich dort fröhlich sein, während er litt? warum konnte ich nichts von seinen Schmerzen ahnen, warum fühlte ich nicht, daß er mich brauchte?"
„Mer, mein Liebling, ich schrieb Dir", unterbrach sie Willy sanft.
„Ja", erwiderte sie bitter, „ich las Deine Miefe, als es zu spät war."
„Wie kam das, Jane, hattest Du keine Zeit?"
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Sie verstummten beide. Eintönig und ununterbrochen schlug der Regen gegen die Fenster. Ungeduldig zog Jane ihre Hand aus der seinen und rief erregt: „Ich wollte.


