Ausgabe 
20.11.1903
 
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1903.

Areitag den 20. Wopemöer.

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(Nachdruck verboten.)

Ein W ädcken schick sak.

Frei nach- dem Englischen von A. Wendt.

(Fortsetzung.)

Wie grausam Sie sind!" schluchzte sie.

Grausam zu Ihnen, die Sie mein Herz gebrochen, mein Leben zerstört haben? O, es steht Ihnen gut an, von Grausamkeit zu reden! Die einzige Hoffnung, der einzige Wunsch meines Gebens ist, daß ich Sie nicht wieder sehe."

Verzweislungsvoll schrie sie auf, erhob die Hände, wie um einen Schlag abzuwehren; dann ohne ein weiteres Wort ging sie an seiner Seite ins Gewächshaus zurück. Es war noch leer, das'Essen war noch nicht vor­über, sanft tönte die Musik herüber. Kraftlos sank Jane in einen Stuhl.

Lassen Sie mich hier; ich fühle mich nicht wohl."

Ohne ein Wort, ohne einen Mick verließ er sie und ohne ein Wort, ohne einen Ruf ließ sie ihn gehen.

5. Kapitel.

Ter trübe, graue Oktobermorgen des nächsten Tages dämmerte kaum int Osten, als das Kammermädchen an Janes Tür klopfte mit einem Ausdruck voll Teilnahme, halb voll Furcht im Gesicht und einem Telegramm in der Hand.Es sind kaum zwei Stunden vergangen, seit sie zu Bett ging, und sie sah so müde aus, sie konnte kaum die Treppe herauskommen; es ist zu dumm, daß ich sie wecken muß. Miß Gratton, ich glaube, Sie sind garnicht im Bett gewesen!" rief sie aus, als sich die Tür öffnete und Jane mit blassen und trüben, tief einge­sunkenen Augen auf der Schwelle stand.

Was tut's! Wir sind so spät heimgekehrt, daß es nicht der Mühe wert war, sich nieder zulegen; ich war zu aufgeregt zum Schlafen. Doch- was wollen Sie von mir, Bessy, was bringen Sie mir da?"

Es ist eilte Depesche an Sie, Miß. Ein Eilbote brachte sie, Sie müßten sie sofort haben."

Eine Depesche an mich?" Jane nahm dieselbe mit zitternden Händen;, Angst und Aufregung hatten sich ihrer bemächtigt, ihre Lippen bebten, und ihre Finger waren kaum im Stande, sie zu öffnen. Mit einem mitleidigen Blick auf ihre junge Herrin hatte sich Bessy zartfühlend abgeweudet und machte sich im Zimmer zu schaffen; plötz­lich fühlte sie sich angefatzt und eine fremd klingende Stimme rief sie an. Erstaunt wandte sie sich, Jane stand neben ihr mit einem vor Schmerz fast erstarrten Gesicht.Lesen Sie, Bessy", rief sie mit heiser flüsternder Stimme,habe ich recht gelesen? steht hier, daß, wenn ich aber lesen Sie doch, daß ich begreife, was ge­meint ist!"

Hier steht: Wenn Du Robert noch lebend sehen! willst, komm sofort! Ach!"

Sie ließ die Depesche fallen und fing in ihren Armen das mit einer Ohnmacht ringende junge Mädchen auf.

Nein, ich bin nicht krank, ich will nicht ohnmächtig werden. O, Robert, mein Robert! ich komme, ich bin bald bei Dir; Bessy, wollen Sie sehen, ob ich einen Wagen nach der Station haben kann und fragen, wann der erste Zug abgeht?"

Mit Hilfe der Jungfer hatte sie begonnen, das kost­bare, Kleid, welches sie noch vom Ball anhatte, abzu- streifen, nicht achtend, daß sie die Spitzen daran zerriß; ihr einziger Gedanke war ihr Bruder, die Sorge um ihn drängte alles andere in den Hintergrund. Noch vor einer Stunde hatte sie um den Verlust ihrer Liebe, ihrer künftigen Stellung in der Welt und all der damit ver­bundenen Herrlichkeiten getrauert, jetzt war das vergessen in der Sorge um den geliebten Bruder.Ich muß mit dem ersten Zug fahren, es ist nicht nötig, erst Lady Dates zu benachrichtigen, oder Sir Harry zu stören, Bessy, ich kann allein fahren."

Sir Harry ist nicht mitgekommen, Miß, er ist mit Lord Grantley gefahren, wußten Sie das nicht?"

Nein, ich glaubte ihn im zweiten Wagen. Danke, Bessy, ich kann das andere selbst tun, sehen Sie, ob ich gleich abreisen kann."

Ter Zug geht um 8 Uhr 25 Minuten", sagte die Jungfer.Ich werde Ihnen Frühstück besorgen, Miß, Sie müssen erst etwas genießen, es ist reichlich Zeit dazu."

Sie ging, und Jane beendete ihre Toilette allein; dann ließ sie sich müde und abgespannt in einen Sessel sinken, Bessys Rückkehr erwartend. Langsam dämmerte das Tageslicht, ein kalter, heftiger Wind fuhr heulend um das Haus, mit dem welken Laub und in den dürren Bäumen und Sträuchern raschelnd. Jane, fröstelnd und schauernd, hörte es kaum in ihrem Kummer, sie war beinahe sinnlos vor Schmerz. Robert, ihr Bruder, krank, sterbend! Und sie war nicht an seiner Seite! O nein, nicht sterbend! junge Leute sterben nicht so schnell, ohne vorherige Krankheit, da mußte ein Irrtum vorliegen! Sie wußte ja doch nichts von einer Krankheit oder sollte

Wie ein Blitz kam ihr die Wahrheit seit vielen Tagen hatte sie keinen Brief von Robert erhalten, und Willy Smiths Briefe hatte sie ungelesen fortgvlcgt; diese hatten ihr sicherlich Mitteilung gemacht, hatten f.e gewiß auf Roberts Krankheit vorbereitet, hatten sie vielleicht als Pflegerin an seine Seite gerufen. Sie Hütte ihn durch Sorgfalt und Pflege der Gesundheit, dem Leben zurück­gewinnen können! und nun--sie trat an den Schreib­

tisch und holte die Briefe. Doch unfähig, dieselben jetzt zu lesen, steckte sie sie in die Tasche für später; dann ging sie ruhelos im Zimmer auf und ab.

Später entsann sie siw all der Vorsorge, welche ihr Bessy zeigte, ihrer Bitte, eine Tasse heißen, starken Tee's