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Es war ein Schweigen, wie es zwischen zwei Männern herrscht, die einander gut kennen.
„Und warum nicht Frau Etta Beaumont?" fragte Steinmetz plötzlich.
„In der Tat, warum nicht?" antwortete Herr von Chauxville. „Es geht mich nichts an. Ein Weiser beschränkt seine Angelegenheiten auf ein Minimum und das Interesse an den Angelegenheiten seiner Nächsten aus noch weniger. Aber ich dachte, daß es Sie interessieren würde."
„Tanke."
Ter Ton, in dem der dicke Mann im Lehnstuhl sprach, Yang nicht trocken, denn Karl Steinmetz war zu klug, um sich einem solchen Zeitvertreib hinzugeben. Trockenheit läßt den Quell der Vertraulichkeit rasch versiegen.
Die Auftnerksamkeit Herrn von Chauxvilles wurde scheinbar von einer Illustration in einer Wochenschrift gefesselt, die neben ihm auf dem Tische lag. Ein paar Augenblicke schwieg er, dann warf er das Matt beiseite.
„Wer, zum Kuckuck, war eigentlich dieser Robert Beaumont?" fragte er.
„Soviel ich mich erinnern kann, war er etwas im diplomatischen Dienst", antwortete Steinmetz.
„Ja, aber was?"
„Lieber Freund, das fragen Sie seine Witwe, wenn Sie das nächstemal ihr Tischnachbar sind."
„Woher wissen Sie, daß ich ihr Tischnachbar war?"
„Ich wußte es nicht", antwortete Steinmetz mit einem ruhigen Lächeln, das Herrn von Chauxville in Zweiftl ließ, ob er sehr dumm «der außerordentlich klug sei.
„Sie scheint in sehr guten Verhältnissen zu leben"- sagte der Franzose.
„Da sie meinen Herrn heiraten soll, freut mich das."
Herr von Chauxville lachte beinahe verlegen und wechselte während eines Bruchteiles einer Sekunde unter Steinmetz' ruhigem Blick die Farbe.
„Man kann nie wissen, wen eine Frau zu heiraten gedenkt", sagte er nachlässig. „Ich verstehe nur nicht, wie es kommt, daß sie seit dem Tode ihres Gatten in besseren Verhältnissen lebt oder zu leben' scheint."
„Sie lebt also seit dem Tode ihres Mannes in besseren Verhältnissen oder scheint in besseren Verhältnissen zu leben?" fragte der dicke Mann in seiner langsamen Sprechweise.
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Herr von Chauxville erhob sich, reckte sich und gähnte.
„Gute Nacht", sagte er kurz.
„Gute Nacht, teurer Freund!"
... Nachdem der Franzose das Zimmer verlassen hatte, blieb Karl Steinmetz ganz regnngs- und ansdruckslos in semem Stuhle sitzen, bis er zu dem Schlüsse kam, daß Herr von Chauxville es nun müde sei, ihn durch die Glastür zu beobachten. Dann richtete er sich in seinem Stuhle langsam aus und blickte über die Schulter.
„Unser Franzose fürchtet, daß Paul diese Etta Beau- , mont heiratet", murmelte er vor sich hin. „Warum wohl?"
Stemmetz wußte, daß der Franzose ihn erkannt hatte, ehe er ins Zimmer trat. Karl Steinmetz ging sogar weiter M argwöhnte, daß Herr von Chauxville in den Talleyrand- Klub gekommen war, weil er wiißte, daß er in England fet, bloß um ihn auszuholen und vor Frau Etta Beaumont zu warnen. „Es sieht so aus, als sollten wir einander Lum erstenmale in die Hände arbeiten", murmelte der dicke Philosoph vor sich hin. „Aber es gibt etwas, das mir uoch weniger lieb ist, als die Feindschaft Claude von Chaux- villes: das ist seine FreundsclM."
(Fortsetzung folgt.)
Unfreundlichkeiten.
Mit dieser Spitzmarke stellt ein Leser der Köln Uta " «niet dem Sinnspruch aus Gorkis Nachtasyl:"' Was kann es einem Menschen schaden, >venn er freu n blich' ist?" S ' ÄS??
vorenthalten wollen, da sie recht beberriaenswerte Mahnungen enthält. Es heißt da: JU langer Reibd Lieben die Elektrischen an mir vorüber; es ist nicht anaeuebm JÄJ müssen. Endlich der
Waldschloßchen—Stadtpärk! Ich steche ein „Waldschloßchen bitte." - „Sehen Sie nicht, daß wir ul entgegengesetzter Richtung fahren?" — Woran sollte ich
das sehen? Ich bin fremd in der Stadt. — Der unfreundliche Schaffner kennt jeden Laternenpsahl, er begreift wohl nicht, wie eilt gebildeter Mensch rechts und links verwechseln kann. An der nächsten Haltestelle finde ich den richtigen Wagen. „Waldschlößchen, wieviel?" Der Mann mit der Kuipszange öffnet kaum die Lippen zur Antwort: Als ob! nicht jedes Kind weiß, daß die Strecke 10 Psg. kostet! Ich bin so glücklich zwischen zwei dicken Herren eine Spanne Sitzraum zu entdecken. Aber ein Geruch zum Uebelwerden stört meine Wahl: in schwelendem Brande lassen die Fettmassen zur Rechten und zur Linken ihre Zigarren sich verzehren. Sie'handeln richtig: „Rauchen verboten." Auf der überfüllten Plattform, die ich betrete, wendet sich ein kleiner Herr rasch und neugierig nach mir um: seine Zigarette in fußlanger Meerschaum- spitze versengt mir den Bart. Schweigend stäube ich die Aschenreste ab. Diese notwendige Bewegung hat leider für meinen Nachbar einen unbeabsichtigten Stoß zur Folge: „Donnerwetter, so nehmen Sie sich doch in acht!" — Die Luftfahrt ist mir verleidet. Ich springe ab. „Bitte, mein Herr, wo geht man nach dem Waldschlößchen?" — „Fahren Sie doch mit der Elektrischen dort!" — Wahrhaftig, ich habe heute kein Glück. Auch der Wunsch nach Waldesstille ist verflogen. Der Anblick eines Zeitungsverkäufers erweckt in mir das Verlangen, nach dem Morgenblatt: „Die Kölnische bitte." — „Js nich." Ich beginne, ein wenig nervös zu werden. Dort int Cafe will ich mich erholen. „Einen Sherry und die Münch. Allgemeine'?' „Wird gelesen!" — Nach einer halben Stunde die gleiche Antwort. „Aber dort liegt sie ja". Ich zeige nach einem Stoß bedruckten Papiers, in gelbe Holzrahmen gespannt, vor einem Gaste aus dem dritten Nachbartische geschichtet. „Der Herr gibt sie nicht her." — „Also noch einen Sherry !" Wieder ein Viertelstündchen. Noch immer ruht die „Allgemeine" friedlich zwischen der „Frankfurter" und dem „Vorwärts". „Ich werde sie mir selber holen. Sowie ich mich erhebe, trifft mich ein Blitz aus scharsgeschliffenen Brillengläsern: der Argus am Nachbartische hat meine Absicht geahnt. Er wirft das „Tageblatt", in dem er liest, beiseite und ergreift rasch die Zeitung meiner Wünsche. Aergerlich will ich den Saal der Unfreundlichkeit verlassen. Da zupft es mich am Mantel: „1 Mark 20 Pfennig? mein Herr." „Ach so, das hatte ich vergessen." Und der Kellner — fortiter in re, nicht suaviter in modo — murmelt: „Das kennt man schon". — Warum dankt mir die junge Dame nicht, der ich im Tram meinen Sitzplatz überlasse? Warum läßt des Ladendieners Höflichkeit nach, wenn seine Ware meinem persönlichen Geschmacke nicht zusagt? Wozu mich zum Essen nötigem wenn ich satt bin, oder zum Bleiben, wenn ich nach Hause begehre? Ist es denn unbedingt notwendig, beim Gebrauche des Taschentuchs eine Explosion zu bewirken, daß alles rings im Kreise des Todes erschrickt? Dars es jedem Restaurent- Automaten gestattet sein, gegen Einwurf eines Zehnpfennigstückes mir mit einem kreischenden Walzer die Stimm- ung, zu verderben? Kann der nervenstarke Gasthofspförtner nicht einen der Lausjungens nach der Droschke aussenden, anstatt mit markerschütterndem Pfiss sie von ihrem Standorte herbeizurufen, eine Brutalität, die dem so viel geschmähten Vandalismus und nächtigen Lärmen der Hotelgäste ebenbürtig ist? Was kann es schließlich dem Schalterbeamten schaden, wenn er im Verkehr mit dem Publikum höflich ist? — Aber wahrlich, man müßte eine Dauerrede nach gefürchteten Mustern halten, wollte man dieses Klagegebiet voll und ganz erschöpfen. Kein Empfindungsuerv, der nicht fort und fort gereizt und beleidigt wird, überflüssige Unfreundlichkeiten auf Schritt und Tritt oder zum mindesten doch „moralische Hemdärmeligkeiten!" Ja, mein Gott, was kann es denn einem Menschen schaden, wenn er freundlich ist?
Gemeinnütziges.
Das Schlachten der Fische geschieht in unserem deutschen Vaterlande ost aus die qualvollste, schrecklichste Weise! In Holland dagegen hat man ein Schlachtverfahren, das praktisch und zugleich human ist, und allgemein geübt wird. Tort quält man die Fische nicht langsam zu Tode. Der Holländer giebt jedem abzuschlachtenden Fisch hinter dem Kops mit einem scharfen Messer einen tiefen Schnitt. Dadurch wird das Gehirn vom Rückenmarke getrennt und der Tod des Fisches erfolgt sofort. Die Qualen des lang-


