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Eiiglaub gekommen und hatte natürlicherweise sogleich das Rauchzimmer des Talleyrand-Klubs, Zimmer B, gleich links Von der Tür, ausgesucht.
Hier befand er sich auch eines Abends nach einem trefflichen Diner, das er mit humoristischer Ergebung zu sich genommen hatte, und rauchte die größte Zigarre, die der Kellner herbeischaffen konnte, als Claude von Chaux- vilel zufällig nichts Besseres oder Aergeres zu tun hatte, als ihm Gesellschaft zu leisten.
Herr von Chauxville schaute ein paar Sekunden durch die Glastür, dann drehte er seinen gewichsten Schnurrbart und schlenderte ins Zimmer.
Steinmetz befand sich allein, und Herr von Chauxville war sich augenscheinlich, beinahe zu augenscheinlich, seiner Anwesenheit nicht bewußt. Er trat an den Tisch und begann vergeblich eine Zeitung zu suchen, die ihn interessierte. Zufällig hob er die Augen und begegnete dem ruhigen Blick von Karl Steinmetz.
„Ah!" rief er.
„Ja", sagte Steinmetz.
„Sie in London?"
Steinmetz nickte ernst. „Ja", wiederholte er.
„Man weiß nie, wo Sie zu suchen sind", fuhr Claude von Chauxville fort, indenr er sich mit der Zeitung in der Hand in einem tiefen Lehnstuhl niederließ. „Sie sind ein Zugvogel."
„Die Flügel sind jetzt ein bischen schwer geworden", sagte Steinmetz.
Er legte die Zeitung auf seine dicken Knie und schaute Herrn von Chauxville über seine goldgefaßte Brille hinweg an.
Der Baron schien sich zu frage«, welchen Zweck Steinmetz mit dem Dickwerden verfolge. Er witterte auch hinter dieser Fettleibigkeit irgend ein Motiv.
„Ach, das hat nichts zu sagen", meinte er entschuldigend. „Die Zeit hinterläßt ihre Spuren an uns allen. Es war ja nicht gestern, daß wir in Petersburg zusammen waren."
„Nein", antwortete Steinmetz, „es war vor dem deutschfranzösischen Kriege, — vor vielen Jahren."
Herr von Chauxville zählte in entzückender Unschuld mit seinen schlanken Fingern auf dem Tisch.
„Ja, die Jahre scheinen in Schwärmen davonzufliegen. Bekommen Sie je einen unserer Freunde aus jener Zeit zu sehen? Sie leben ja in Rußland."
„Wer waren denn unsere Freunde zu jener Zeit?" parierte Steinmetz, indem er seine Brille mit einem seidenen Taschentuche putzte.
„Mein Gedächtnis ist ein gebrochenes Rohr, — Sie erinnern sich doch?"
Einen Augenblick begegnete Claude von Chauxville dem vollen Blicke der ruhigen, grauen Augen.
„Ja, ich erinnere mich", sagte er bedeutungsvoll.
„Nun, zum Beispiel Fürst Dawosf?"
„Tot!"
„Und die Fürstin?"
„Sehe ich nie; sie hält ein Spielhaus in Paris."
>,Und die kleine Andreia?"
„Sieht mich nie; sie ist mit einem Engrossisten verheiratet, der ihre Vergangenheit begrub."
„En gros?"
„Et en detail."
„Und Graf Lanowitsch?" fuhr Herr von Chauxville fort. „Wie befindet fich der?"
„Er ist wegen seiner Verbindung mit der Armenliga verbannt worden."
„Und Katharina?"
„Katharina wohnt mit ihrer Mutter, der Gräfin, in der Provinz Twer, — wir sind Nachbarn."
Herr von Chauxville nickte. Keine dieser Einzelheiten interessierte ihn wirklich, und seine Gleichgiltigkeit war augenscheinlich.
„Ach ja, die Gräfin Lanowitsch, das war eine dumme Frau", meinte er sinnend.
„Und ist es noch?"
Herr von Chauxville lachte. Der plumpe, deutsche Ex- diplomat belustigte ihn ungeheuer.
„Und — hm! Die Beaumonts?" sagte er; als ob ihm der Name beinahe entfallen wäre.
KäÄ Steinmetz streckte lässig den Arm aus und griff pach der Zeitung. die auf seinen Knie en lag. Er entfaltete
sie langsam und las, nachdem er das Gesuchte gefunden hatte, mit lauter Stimme:
„Seine Exzellenz der rumänische Gesandte gab gestern int Gesandtschaftspalais ein Diner. Unter den Gästen befanden sich Baron von Chauxville, Femir Pascha, Lord und Lady Standover, Frau Etta Beaumont und andere."
Steinmetz warf das Blatt hin und lehnte sich in seinen Stuhl zurück.
„So, mein lieber Freund; Sie wissen also wahrscheinlich mehr von den Beaumonts als ich."
Wenn Claude von Chauxville die Fassung verlor, so ließ er es aus keinen Fall merken. Er besaß ein Gesicht, das in ganz hervorragendem Maße geignet war, alle Gedanken oder Gefühle, die ihm durch den Sinn gehen mochten, zu verbergen.
Von gleichmäßig weißer Hautfarbe, war er in einer gewissen statuenhafter Weise ein schöner Mann. Seine Züge waren stets gelassen und würdevoll, sein dünnes, strasfes Haar war nie in Unordnung, sondern lag stets glatt und schlicht über seiner hohen, schmalen Stirne. Seine Augen besaßen jenen leblosen Ausdruck, der vielen Franzosen charakteristisch ist und vielleicht dem gewohnten Genüsse einer zu üppigen Küche und zu vieler Zigaretten zuzuschreiben ist.
Herr von Chauxville überging den kleinen Zwischenfall mit nachlässiger Ruhe.
„Das geht daraus nicht hervor", sagte er in kaltem, gelassenem Ton. „Frau Etta Beaumont hat nicht die Gewohnheit, alle, die zufällig an demselben Tische mit ihr speisen, in ihr Vertrauen zu ziehen. Frauen, die Konfi- denzen machen, sind gewöhnlich Lügnerinnen."
Steinmetz füllte sich seine Pfeife.
„Mein teurer Herr von Chauxville, Ihre Epigramme gehen an mir verloren", sagte er, ohne aufzublicken. „Ich kenne die meisten. Ich habe sie früher schon gehört. Wenn Sie mir etwas über Frau Etta Beaumont zu erzählen! haben, so sagen Sie es mir um Himmels willen ganz offen. Ich liebe einfache Gerichte und unausgeschmückte Geschichten. Sie wissen, ich bin ein Deutscher, das heißt, ein Mensch mit einem stumpfen Gaumen und einem dicken Schädel."
Herr von Chauxville lachte wieder in seiner gemäßigten Art.
„Sie verändern sich wenig; ihre ungeschminkte Redeweise erinnert mich an Petersburg. Ja, ich gebe zu, daß Frau Etta Beaumont mich ziemlich interessiert, aber das' ist kein Grund, warum sie Sie interessieren sollte."
„Tut sie auch nicht, mein lieber Frund; aber Sie interessieren mich; ich bin ganz Ohr."
„Missen Sie vielleicht etwas über sie?" fragte Herr von Chauxville so obenhin, — nicht wie einer, der eine Antwort erwartet, oder das, was er hören soll, zu glauben gedenkt.
„Sie werden wohl bald mehr über sie erfahren."
Karl Steinmetz zuckte die Breiten Schultern und schüttelte den Kops.
„Ich bin kein Damenfreund", fügte er mürrisch hinzu. „Der liebe Gott hat mich nicht dazu geschaffen. Ich bin zu fett. Hat Frau Etta Beaumont sich vielleicht in mich verliebt? Hat irgend ein Unvorsichtiger ihr meine Photographie gezeigt? Hoffentlich nicht. Gott behüte mich!"
Er zog ruhig an seiner Pfeife und blickte Herrn von Chauxville durch den Rauch an.
„Nein", antwortete der Franzose ganz ernsthaft. „Sie steht mit dem Fürsten auf dem besten Fuß."
„Mit was für einem Fürsten?"
„Pawel!"
Der Franzose stieß das Wort hervor, indem er wohlwollend das Gesicht des .anderen betrachtete.
Steinmetz rauchte gelassen und zufrieden weiter.
„Mein Herr!" sagte er endlich, „Ich erwarte, daß er sich eines Tages verheiraten Wirb."
Herr von Chauxville zuckte die Achseln, drückte aus den Knops der elektrischen Klingel und bestellte, als der Diener erschien, Kaffee.' Dann wählte er mit großer Sorgfalt eine Zigarette aus einem silbernen Etui und rauchte, nachdem er sie angezündet hatte, einige Augenblicke schweigend. , ..
Der Diener brachte den Kaffee. Steinmetz lag mit gekreuzten Beinen in seinem tiefen Lehnstuhl und starrte ins Feuer, das hell brannte, obwohl es bald Mai war.


