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Schmücke dein Heim!
Von Joses Aug. Lux.
Wohnräume spiegeln immer den Geist ihrer Bewohner. Gleichviel, ob ste mit reichen oder geringen Mitteln aus- §bstattet srnd. So werden sie zu Verrätern, und der über- flusftge Aufwand, der sogenannte Luxus, der vielfach für Geschmack genommen wird- offenbart nur zu oft, was er eben zu verhüllen strebt: die Geschmacklosigkeit. Das ist kapriziöse Geschichte: Geschmack ist nicht immer für Geld zu haben. Auch nickt für viel Geld. Es ist damit fast wre mrt der Liebe. Eine Angelegenheit des Herzens und Nicht des Geldbeutels, oder nicht in erster Linie. Die ärmste Hütte kann reicher daran sein als der prunkende Palast. Denn Seelenadel kann auch unter dem fadenscheinigen Kleid und unter dem rauhen Bauernkittel wohnen. Sicherlich wird er auf die Umgebung ausstrahlen, auf die nächste häusliche Umgebung, und dort im Stillen wirken. Ganz unauffällig, groben Sinnen nicht wahrnehmbar. Das „Seelische" ist es, was mich an den Wohnräumen interessiert, das, was menschlich an ihnen ist. Nicht wie sie, eingerichtet, ob kostbar, ob ärmlich. Wenn ich in einem weißgetünchten Bauernhaus sorglich gepflegte Blumen am Fenster sehe, möchte ich am liebsten verweilen. Wie man bei lieben guten Menschen verweilt. Die kahlste Stube, darin Reinlichkeit herrscht und ein paar Topfgewächse stehen oder ein Blütenzweig im Glas, birgt einen Strahl von Schönheit wie heimliches Licht. So ist auch das Leben der blassen Näherin, die dort wohnt, nicht ohne Segen.
Allein das Zeugnis, das die Wohnungen für die persönliche Kultur der Besitzer ablegen, bst nur in seltenen Fällen ein günstiges. Ich habe die Wohnungen aller Stände gesehen, und vor allem des Mittelstandes, der den Hauptteil der Stadtbevölkerung ausmacht, und ich habe fast durchwegs nur Variationen eines Themas gefunden, das nichts Erquickendes bot. Auf die falsche Note des erborgten Luxus, der den Schein höher stellt als das ®efin' ist heute noch das meiste gestimmt. An jeder Schwelle, die ich überschritt, hatte ich die Empfindung, als schallte nnr eine widerliche Reklamestimme entgegen: „Schmucke Dem Heim!" Den traulichen Blumenflor, der uns die lebendige Natur, den Frühling in die Stube zaubert, fand ich ersetzt durch die künstliche Palme, eine erbärmliche Karikatur, die ihre starren Blätterfinger ver- verzweiflungsvoll nach allen Richtungen ausstreckt, in der offenbaren Absicht, das Makart-Bouquet traurigen Angedenkens an Geschmackswidrigkeit zu übertrumpfen. Tas beleidigte Auge, das sich von diesem unwürdigen Anblick weg zum Fenster wendet, begegnet dort einer neuen Schmach. Wohlfeile, klägliche Imitationen der Glasmalerei hangen an den Scheiben und wehren dem spärlichen Tages- lrcht in den engen, düsteren Gassen den Zutritt in die dämmerigen Stadtwohnungeu. Resigniert lasse ich mich auf die ach! so wohlbekannte Ripsgarnitur nieder. Doch es könnte auch eine Plüschgarnitur sein, oder eine solche aus Halbseidendamast. Denn ich sehe sie nicht. Sie ist über und über bedeckt mit Milieux und Schutzdeckerln aller Art, welche die „züchtige Hausfrau, die Mutter der Kinder" in den langen Jahren des heiligen Ehestandes gestickt und gehäkelt hat. Als ich mich wieder erhebe, habe ich die Proben des häuslichen Kunstfleißes auf meinem Rücken hängen. Die verlegene Miene der Hausfrau steigert meine eigene Verlegenheit, als ich inne werde, daß die ausgenähten Lappen das Angenehme mit dem Nützlichen verbinden, und nicht nur das Heim „schmücken", sondern auch als cache-misere die Blößen der verschlossenen und zerschlissenen Garnitur sorgsam verhüllen sollen.
Ich bücke mich rasch, die verstreuten Fetzen aufzulesen, aber da hätte ich beinahe das Unglück gehabt, von der nahen Konsole das Gelump des unnützen Kleinkrams, jene „Kunstgegenstände" und Geschenksartikel, die wir aus den Schaufenstern der Kronenbazare kennen, die niedlichen Schweinchen, Figürchen, Tellerchen aus Glas und Porzellan, die für wenig Geld viel Geschrei machen, herabzuwerfen und damit das Odium eines ungefügigen Barbaren auf mich zu lenken. Ich brauche kaum zu sagen, daß mich die erlogene Eleganz verstimmte, daß mich die Enge drückte, und daß die beständige Gefahr, ein Unglück anzurichten, mein Benehmen unfrei und linkisch machte. Aber ich fand es nirgends besser. Durchwegs Räume mit mehr oder weniger Luxus, die unseren Geist und unseren Leib
fesseln, die nicht geeignet sind, unsere Bewegungen und Geberden maßvoll aufzunehmen, die, angefüllt mit dem Unrat der Geschmacklosigkeit und einer babylonischen Wirrnis von Stilbrocken und Schnörkeln, den Sinn für Einfachheit, Echtheit und Wahrhaftigkeit ertöten. Ich nehme keinen Becher zur Hand, ohne den Leib eines Mönchleins oder Gnomen zu umschließen, jeder Zigarrenabschneider wird mit dem Kopf Bismarck's oder Moltke's maskiert, jedes Gefäß ist überladen mit Blattwerk und Guirlanden, die Wände sind angefüllt mit schlechten Bildern, Fächern, japanischen Schirmen und Photographien.
. Die freundlichen Hausgötter der Gastlichkeit und Geselligkeit pflegen nicht in Räumen zu wohnen, wo die Stimme des Herzens nicht ausklingen kann, wo die Persönlichkeit sich im Widerspruch zur häuslichen Umgebung befindet, und wo selbst die Inwohner Fremdlinge sind. Fremdlinge im eigenen Heim. An einem Herd ist nicht gut zu rasten, wo unaufhörliche Dissonanzen herrschen. Die Talmi-Eleganz unserer bürgerlichen Wohnungen, die unter der Devise „Schmücke Dein Heim!" stehen, all die billige Effekthascherei, all der anscheinende Komfort, der keiner ist, weil er nur des Scheins wegen da ist, und nur Plage macht, ohne für etwas gut und nützlich zu sein, mit einem Wort: das Großtun, das ist diese unaufhörliche Dissonanz. Wie gesagt, wer mit feiner Witterung begabt ist, spürt das schon an der Türschwelle. Und all die Nichtigkeiten, die nur da sind, um über den wahren Zustand zu täuschen, werden zu den schreiendsten Anklägern. Kann man wirklich von dem „Geist" oder „Charakter" solcher Mohnräume auf das Wesen der Menschen zurückschließen und den einzelnen verantwortlich machen? Man bedenke: ein Zahnarzt glaubt es sich schuldig, einen Empfangssalon ä la Louis XV. zu besitzen. Die Sache muß möglichst billig sein, darum ist auch das Schlechteste gut genug. Aber immerhin, man sieht doch, daß man auch wer ist! Vor einem ernsten Urteil wird der Zahnarzt kaum als geschmackvoller oder auch nur als gebildeter Mann bestehen. Aber seine Entschuldigung ist, daß es den Leuten gefällt, und die Masse giebt Richtung. Im Großen wie im Kleinen. Sie macht die Mode. Und sei diese noch so absurd, ihrer suggestiven Kraft wird sich der Einzelne, der Durchschnittliche, kaum entziehen. Man spricht von Zeitstil und von Kulturströmung, die eine Epoche charakterisiert. Der Einzelne folgt dann seinem Herdeninstinkt. So mag man, wenn man nachsichtig sein will, den ganzen Skandal von Lüge und Täuschung, von schäbiger Eleganz und erlogener Vornehmheit, der in Geschmacksdingen seit gut dreißig Jahren herrscht, jener unpersönlichen Abstraktion, die man Zeitgeist nennt, zuschreiben.
Wer schließlich müssen es doch wieder die Einzelnen sein, die eine Wendung anbahnen. Im richtigen Verstände müßte der marktschreierische Imperativ „Schmücke Dein Heim!" gerade zum tüchtigen Kehraus führen. Die Schmucklosigkeit wäre zunächst der größte Schmuck, die Befreiung von dem angepriesenen putzmachenden Tand. Man brauchte nur damit zu beginnen, statt der künstlichen Pflanzen lebende, echte ins Zimmer zu bringen, um Freude an ihrer Echtheit und ihrem Gedeihen zu gewinnen, und eine Revolution ist eingeleitet. Zuerst würden die schweren, verdunkelnden Stoffgardinen fallen, um wieder Licht und Lust in die dumpfen Räume einzulassen. Wir müßten den echten Blumen, so wie wir sie erhalten wollen, dieses Opfer bringen, und es wäre eine gerechte Wiedervergeltung, denn gerade diese verdüsternden Stoffgardinen waren es, die zur Zeit, als der Makart'sche Atelierstil Mode wurde, unsere Blumen verdrängt haben. So nun aber das clair-obscur jener romantischen Rembrandt'schen Stimmung vor der Tageshelle gewichen ist, entpuppt sich die Lächerlichkeit des ganzen Stimmung machenden Krimskrams an den Gesimsen, all der Krüge, die keinem Gebrauch dienen, die weder Wasser noch Wein fassen, der Vasen, die keine Blumen aufnehmen können, der Teller, die zu keiner Mahlzeit verwendet werden können, und die sich als dürftiger Gschnas vor dem hellen Tage schämen, nicht minder, als die dunkel gehaltenen Wände, die so beliebt sind, weil man den Schmutz darauf nicht sieht. Im Schmutze leben, das macht nichts, nür sehen darf man ihn nicht! Nun aber wird der ob seiner Nichtigkeit entlarvte Prunk unerträglich- und es beginnt ein lustiger Umsturz, vor dem nichts niet- und nagelfest ist. Vom Hundertsten käme man ins Tausendste. Vom Fenster zu den Wänden und den


