Ausgabe 
20.5.1903
 
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1903

Nr. 74

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(Nachdruck verboten.)

Das Gasthaus am Strande.

Roman in zwei Bänden von Florence Warden.

Autorisierte Uebersetzung aus dem Englischen.

(Fortsetzung.)

Str Neville lächelte etwas über ihre Offenherzigkeit. Nell mochte selbst nicht sehr klug sein, jedenfalls aber war sie eine treugesinnte Freundin, um den üblen Ruf, in den sie die Sache gebracht hatte, zu ertragen, ohne einen Ver­such, sich durch den Verrat einer Freundin davon zu be­freien. Ties war aber natürlich nicht der amtliche Gesichts­punkt, den er einzunehmen gehalten war. Er hustete heftig und sah sie scharf an.

Glauben Sie nicht/", sagte er,daß Sie im Interesse der Gerechtigkeit die Pflicht gehabt hätten, offener zu sein?"

O Sir, fördert man das Interesse der Gerechtigkeit gegen seine Freunde?"

Man sollte es", war die rasche amtliche Antwort.

Und dann hat mich auch niemand etwas befragt, was einen Zweifel gegen sie enthalten hätte. Man hielt es sür ausgemacht, daß ich der Tieb wäre, die Geschworenen, wie alle andern. Sie erinnern sich dessen wohl?"

Ja, Sir Neville erinnerte sich dessen. Und wie er jetzt in das reine und süße Gesicht vor sich sah, verwunderte er sich, wie die Leute solche Esel gewesen wären und ver­gaß, daß er selbst einer dieser Esel gewesen war.

Nun", sagte er mit einem noch hochtrabenderen Tone als je,Sie gaben wirklich Ihre Zeugenaussage so überaus schlecht, mit einer so scheinbaren Abwesenheit aller Auf­richtigkeit ab, daß dies den Irrtum der Leute einigermaßen entschuldigt."

Es geschah, weil ich inich so elend fühlte, Sir, elender als irgend ein anderer, weil ich gewissermaßen die Wahr­heit wußte."

Sie hätten auch den Gerichtshof sie wissen lassen sollen.""

Sir, wenn es sich nur um die Diebereien gehandelt hätte, so würde ich's wohl getan haben", antwortete sie ernst.Ich befand mich! in" solcher Unruhe mit meinem Verdacht, daß ich einen meiner Freunde"" ihr Erröten verriet siebat, zu mir zu kommen, um seinen Rat ein­zuholen. Doch ehe ich noch Zeit hatte, ihm zu sagen, was mich in Schrecken versetzte, fand der Mord statt. Nun aber wagte ich's nicht."

Ja, ja. Es war jammerschade", sagte Sir Neville. Sie würden sich selbst viel Elend erspart, und es würde der Dame, tote Sie ja sehen, nicht geschadet haben. Und nun möchte ich. gern, toemt es Ihnen gefällig ist, noch einige Aus­künfte in Betreff der Nacht des Mordes haben. Hörten Sie oder hörten Sie nicht, nachdem Sie mit Miß Bostal zurück- gekehrt waren, jemand aus dem Hause hinausgehen oder hereinkommen.

Ich ja, ich hörte etwas", stammelte Nell.

Was war es?""

Fastunmittelbar nachdem mich Miß Bostal in der Küche verlassen hatte, hörte ich die Hintertür öffnen und schließen."

Ah! Gingen Sie nachzusehen, wer die Tür geöffnet hatte?"

Nein."

Ich vermute, daß Sie sich bei dem Klange ettoodi dachten. Was war es?"

Ich dachte, es wäre Miß Theodora. Sie lief immer ab und zu in den Garten, sei es, um die Hühner zu füttern oder nach Eiern zu sehen oder Holz von dem Stoße zu selten des Hauses zu holen, oder Wasser vom Brunnen."

So, daß sie zunächst dachten, sie wäre es, und sich nicht weiter darüber beunruhigten?"

Ja."

Hörten Sie oder glaubten Sie zu hören, daß sie wieder her ein kam?"

Hier trat eine Pause ein, dann flüsterte Nell:Ja.7

Wann war es?"

Es war eine lange Weile nachher, gerade als ich den Tee in das Speisezimmer trug."

Sir Neville legte die Feder nieder, die er in Händen gehalten hatte, schlug die Hände zusammen und sah sie über den Schreibtisch mit aufgebrachter Miene an.

Aber mein liebes Kind, warum sagten Sie das dem Coroner nicht?"

Ich konnte es ihm in Beantwortung der an mich gerichteten Fragen nicht sagen", antwortete Nell bestimmt. Erinnern Sie sich nicht, daß mait mich nichts weiter gefragt hat, als ob ich außerhalb des Hauses gewesen wäre, nicht ob ich irgend jemand andern hinausgehen oder hereinkommen hörte."

Sir Neville entwerte sich. Er richtete eine andere Frage an sie.

Ich habe von einem Berichte gehört, daß ein Segel- tnchbeutel, das für die schiffbrüchigen Seeleute am Abend vor dem Wahnsinnsausbruche Ihres Onkels gesammelte Geld enthaltend, in Ihrer Stube gefunden worden ist. Ist das wahr?"

Nein, Sir. Meg, die Magd meines Onkels und ich fanden ihn auf einem Strohteller am Fuße der Treppe. Und das ist ttutt wirklich alles, was ich zu bekennen habe, Sir", sagte Nell mit einer Miene der Erlösung.

Nun, es ist glücklicherweise hinreichend fiir unfern Zweck"", sagte Sir Neville, indem er aufstand, um die Klingel zu ziehen.Und nun muffen Sie in den Salon gehen und sich von Lady Neville ein Glas Wein geben löffelt. Sie sind etwas von einer Heroine, obschon Sie sicherlich nicht viel dazu beigetragen haben, den Gang der Gerechtigkeit zu bescüleuitigen", schloß er mit einem würdevollen Schütteln des Kopfes.

Doch Nell lehnte es ab, in den Salon geführt zu