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nicht sehen, als sie nach einer kleinen Weile antwortete: „Sie mögen mit mir hinauf nach Shingle End kommen und Ihre Geschichte dem Obersten und Miß Theodora erzählen. Das ist's, was Sie tun mögen, wenn Sie es wagen."
Es entstand eine neue Pause, und der Geheimpolizist erkannte aus der Art, wie sie die Worte hervorgebracht hatte, und aus der Haltung, in der sie des Fischers Antwort erwartete, daß sie weniger trotzig als ihre Rede war. Endlich sprach der Fischer aufs neue. Und es war klar, daß ihr Vorschlag nicht nach seinem Geschmacke war.
„Hören Sie an, Miß Nell", sagte er im Tone vernünftiger Widerlegung, „wollen Siee mich wirklich dazu veranlassen? Sie wissen, sehen Sie, doch zu gut, daß ich nicht gewagt haben würde, so offen zu Ihnen zu sprechen, wenn ich nicht zuverlässige Beweise erlangt hätte? Nun sagen Sie, sollte ich da? Ihr Gesicht verriet mir doch, daß Sie wüßten, was ich weiß, was kann es da nützen, zu trotzen? Und da ich nun weiß, was ich weiß, ist's da nicht klar, daß ich nichts Böses int Sinn trage, da ich mit Leichtigkeit ein oder zwei Pfund verdienen könnte, wenn ich's dem Schubjack von Detektiv hinterbrächte. Wohlan denn, Sie müssen es einsehen, he?"
„Kommen Sie mit und sagen Sie es vor Zengen aus. Ich fordere Sie auf, es zu tun!" erwiderte Nell mit etwas mehr Sicherheit,. da sie des Mannes Sträuben dagegen bemerkte.
„Nein, das werde ich nldM", versetzte er trotzig. „Ich werde dann meine eigenen Wege verfolgen. Und rch sage nur das — wenn Sie gesonnen sind, freundlich mit mir zu verkehren — so verlange ich nicht viel mehr — und mich einzuladen, mit Ihnen und Ihrem Onkel Tee zu trinken, wie Sie vor drei Monaten den jungen Zierbengel aus London dazu eingeladen haben, so will ich das Maul halten, und es soll zwischen Ihnen und mir bleiben. Wenn Sie sich aber nicht herbeilassen, solches zu tun —"
„Ich werde es nicht", entgegnete Nell ganz zornig. „Ich sage Ihnen, die ganze Geschichte, die Sie erzählen, ist widersinnig, und niemand wird Ihnen einen Augenblick glauben, und Sie können sie sagen, wem es Ihnen beliebt."
Und sie sprang plötzlich von Jem wieder fort und, mit flüchtigen Schritten die Straße gewinnend, eilte sie rasch auf Shingle End zu.
„Recht so!" schrie Jem drohend mit Aufgebot seiner Stimme, als er mit ihr schritt haltend über die Felder nach des Obersten Haus ging, während sie auf der Straße blieb. „Wenn Sie sich aber von mir raten lassen wollen, so erzählen Sie's Ihren großen Freunden frisch von der Leber weg, und sehen Sie zu, ob diese es nicht für das beste halten, daß Sie sich mit mir vertragen."
Als er die letzten Worte ihr zuschrie, ging Jem Stickels an der Stelle vorbei, wo der Geheimpolizist sich verborgen hielt. Einige Augenblicke später nahm dieser Gelegenheit, aus seinem unbehaglichen Versteck hervorzukriechen, und Jem mit raschen Schritten nachfolgend, holte er diesen ein, noch ehe er den Zaun, der des Obersten Garten umschloß, erreicht hatte.
„Sind Sie es, Stickels?" fragte er, als ob er seiner Sache nicht sicher wäre. „Mm, ich wünschte gerade mit Ihnen ein Wort zu sprechen."
Er sagte es mit gedämpfter Stimme, weil er nicht wollte, daß Nell ihn hörte, die, ihnen jetzt ein wenig voraus, noch immer aus der Straße ging. Doch Jem, der gerade von ihr gehört werden wollte, stieß seine Antwort so laut er konnte hervor.
„Ja, Mr. Hemming, 's ist mir ganz recht. Und vielleicht habe ich Ihnen ebensoviel zu sagen, wie Sie mich zu fragen haben, Sir!"
Der Geheimpolizist sah, daß Nell, die jetzt an der Ecke der Straße und im Begriff war, sich nach der Vordertür des Hauses zu wenden, innehielt, zögerte und halb geneigt schcen, zurück zu Jem zu gehen.
Jem, der es bemerkte, trat einen Schritt zurück und schten auf sie warten zu wollen. Nell kam aber nicht. Nach kurzer Uneutschlossenheit verschwand sie um die Ecke des weißen Hauses. Jem Stickels schien indes seine Absicht, dem Geheimpolizisten das, was er wußte, zu sagen, toteber geändert oder nur gesucht zu haben, das Mädchen durch das .Borgeben dieser Absicht zu erschrecken. Denn statt Hemming weiter Rede zu stehen, schwang er sich über den Zaun
in den Garten und, in voller Eile über die jetzt leeren Blumenbeete hinwegsetzend, drückte er das Gesicht, so dicht er konnte, an das Fenster der Küche, wo ein Licht brannte.
Sich einige Schritte nach links wendend, konnte der Geheimpolizist von seinem Standort außerhalb des Gartens sehen, daß in der Küche Leute waren und alsbald die beiden Gestalten, als die Miß Bostals und Nells, unterscheiden. Auch konnte er sehen, obschon er nichts davon zu hören vermochte, daß Nell höchst aufgeregt etwas erzählte und die ältere Dame ihr ruhig zuhörte.
„Hahahahaha!" erschreckte plötzlich die höhnische Lache Jem Stickels die beiden Damen, die auf die Seite sprangen und nach dein Fenster starrten.
■ „Hahahaha!" brüllte der junge Fischer aufs neue.
Ter Geheimpolizist stand aus dem Sprunge, Über den Zaun zu setzen in der Absicht, Jem anzureden, als die Hintertür des Hauses sich plötzlich öffnete und Miß Bostal, gut in einen dicken wollenen Show! gewickelt, sodaß nur ihre dünne f chmale Nase und ihre fünften hellen Augen zu sehen waren, den Fischer mit freundlicher Stimme ans der Tiefe ihrer wollenen Umhüllung ansprach.
„Jem Stickels? Sie sind es? Was machen Sie denn hier draußen und erschrecken uns so zum Tode. Wenn Sie uns etwas zu sagen haben, so kommen Sie doch herein."
Tie zwar freundliche, doch herrische Stimme der Dam« schien den anmaßenden jungen Gesellen doch etwas verlegen zu machen. Er würde sich weggedrückt und über den Zaun in die Felder fortgemacht haben, wenn in der Stimme der gezierten kleinen Dame nicht etwas Gebieterisches gewesen wäre, das ihn zurückhielt.
„Ich habe keiner von Ihnen etioas zu sagen", murrte er trotzig. „Wer hat gesagt, daß ich's hätte? Ich habe zu niemanden nichts gesagt, außer nur dies, daß ich nicht einsehe, warum die Miß da drinnen mich wie Dreck behandeln soll und daß, wenn sie fortfährt, mich fo zu behandeln, ich Mittel besitze, mit ihr wett zu werden."
Die kleine steife Dame seufzte hörbar, sie schien wahrhaft bekümmert über die Sache zu fein.
„Aber haben Sie nicht gehört", sagte sie mit einem etwas gezwungenen Schein von Scherz, „daß ein Verzagter niemals die Gunst schöner Frauen gewinnt? Wie kommt es, daß Sie so sicher sind. Miß Claris wolle Sie schlecht behandeln?"
„Wie ich des sicher bin?" brüllte Jem in hellem Zorn auloderud. „Ich bin des sicher, weil sie es tut, weil sie mir nie Begegnet, ohne den Kopf zur Seite zu wenden, als ob ich tief unter des gnädigen Fräuleins Beachtung stände. Tas ist, warum ich des sicher bin —" fuhr er fort, einen Blick nach dem Küchenfenster werfend und seine Stimme noch höher erhebend, in der Hoffnung, daß Nell sie vernähme — „und das ist, warum ich auch sage: ich werde wett mit ihr werden."
„Gott! Gott!" jammerte Miß Bostal, indem sie den Shawl dichter um sich zog. „Ich hätte nicht erwartet, daß ein braver Bursche, wie Sie, eine Dame bedrohen würde."
Jem knurrte nur.
(Fortsetzung folgt.)
Zoh annette Lein.
Die Leser der Familienblätter wissen, daß die alte greise Gießener Poetin Johannette Lein vor kurzem zu Grabe gegangen ist. Vor uns liegen zwei Büchlein, die Auswahlen ihrer Gedichte enthalten und Zeugnis ablegen von ihrem feinen dichterischen Empfinden. Viel ist es nicht, was die Oeffentlichkeit von ihr besitzt, denn fte war eine von Materiellen Sorgen oft heimgesuchte Näherin, und die meisten ihrer Gedichte waren nur für engere Kreise b eftimmt. 1899 erschien von Alfred Bock int Ricker- scheu Verlag in Gießen eine Ausgabe „Gedichte von ^zo- hannette Lein". Aber schon zwei Jahre vorher, 1897 hatten Freunde der Dichterin, unter ihnen vornehmlich bte Gattin des Professors der Rechte Krüger, später in Bonn, em kleines Bändchen erscheinen lassen unter dem Titel „A u s engem Haus". Beide Ausgaben enthalten zum Teil dieselben Gedichte. Wir können uns nicht versagen, den Anfang eines der schönsten, „Lebensgang" betitelt, hierher zu setzen.


