75ö
ausgestreckt, intimer noch singend. „Ich grüße Dich, Wotan!" klang es von ihren Lippen, die röter waren, als die Natur es erlaubt. Während sie aber den Garten betrat, eilte Rauchmann ihr entgegen, faßte sie bei der Hand, flüsterte hastig ihr etwas zu und zog sie mit sich ins Hotel, während er einen scheuen, bestürzten Mick zu dem Balkon NNporwarf, aus dem Edith stand.
Weiter sah und hörte diese nichts mehr. Sie faßte die Flügel der Tür und schloß sie mit heftiger, aber doch lautloser Bewegung, legte den Riegel vor und stellte sich nun, am ganzen Leibe bebend, nahe vor ihre Mutter, die mit ihr zugleich ins Zimmer zurückgetreten war. „Sagst Tn noch, daß ich zu ihm gehen soll?"
„Tas war allerdings ein wunderliches Schauspiel."
„O nein, kein Schauspiel, — ein Stück Wirklichkeit. Was er mir vorgespielt hat, das war Komödie, zu deren Heldin ich ihm dumm genug schien, das hier war Wahrheit !"
„Uttb — nun —"
„Glaub' es mir. Mutier, ich habe gute Augen. Hast Tu den Blick gesehen, den er zu uns heraufwarf? Aus dem sprach das schlechte Gewissen des abgefaßten Lügners. Hat er mir nicht gesagt, jene Verlobung sei nur ein Scherz, ein Reklamecoup, was weiß ich? Stimmt es dazu, daß die Person ihm hierher nachreist und ihn begrüßt, wie sie eben getan hat? O nein, jetzt weiß ich's: das ist eine ernsthafte Sache; ich war ihm gut genug für einen Scherz, für ein Ferienvergnügen. Sie sollen ja Uebung haben in solchen Sachen, die Herren vom Theater."
„Tu bist zu schnell mein, Kind. Es kann doch ein Zufall
„Nein, es ist kein' Zufall. Und ich danke Gott, daß ich noch schnell genug bin im Tenken, um die Wahrheit zu erkennen. Jetzt aber müssen wir morgen reisen, Mutter, bas'wirst Tu doch fühlen?"
„Ich, werde mir's überlegen", sprach die Generalin. „Gefallen hat auch mir die Szene nicht, — es ist doch ein wunderbares Volk, diese Theatermenschen. Ter Brief dagegen —"
„Gib lhu wte wieder."
„Da ist er, — Kind, was machst Du?^
Mit rascher Hand hatte Edith den Brief ersaßt und riß ihn mit fester, energischer Bewegung in Stücke. „Ich wollte, es wäre sein Herz^ das ich so zerreißen könnte", sagte sie dabei leise und drohend.
„Und wenn Tu es könntest. Deines täte Tip darum doch ebenso weh wie jetzt."
„Ja, es tut weh! Ja, Muttep, es tut weh!"
„Vielleicht ohne Grund. Und darum sage ich: nichts übereilen. Wenn Tu die Augen mit Gewalt zumachst, ich. werde sie umso besser offen halten."
Edith wollte etwas erwidern, aber sie fand die Worte nicht. Ein paar Schritte tat sie nach der Balkontür zu, als würde sie mit Gewalt dorthin zurückgerissen, doch besiegte sie den instinktiven Antrieb.
„Ich muß jetzt allein sein", sagte sie mit dep erzwungenen Ruhe von vorhin. „Sei nicht böse, Mutter, aber im Augenblick ist Einsamkeit das einzige für mich. Wenn ich zurückkomme, dann hast Tu wieder ein ganz vernünftiges Kind, verlaß Dich darauf."
„Mir wär' es lieber, ein glückliches."
„Damit ist es vorüber. Lebewohl."
Sie ging hinaus, ohne der Mutter Noch einwäl ins Gesicht zu sehen. Diese trat, sobald sie allein war, an die Balkontür, öffnete sie und horchte hinunter in den Garten. Wer alles war dort still geworden; die Rosenlaube war leer, die neugierigen Zuschauer der Theaterszene hatten srch verlaufen. Seufzend trat die Generalin ins Zimmer zuruck. —
®er Willkommen, den Marie Müller, alias Milka Mlllerta, bei Rauchmann gefunden hatte, wär keineswegs ^rundlicher Art gewesen. Im Gegenteil war und blieb .des Sangers Antlrtz ungewöhnlich finster, während er un- mutrg m dem Lesezimmer auf und ab schritt, in das er dre Sängerin so hastig hineingezogen hatte,
(Fortsetzung folgt.).
Wom WeihnachLsöüchertisch.
Tie Engelhornsche Romanbibliothek Mit ihren hübschen roten Bändchen, die — ohne Bevorzugung des Auslandes — doch die zeitgenössische Literatur so ziemlich! aller Kulturländer umspannen und zu dem billigen Preise von fünfzig Pfennigen meist einen abgeschlossenen Roman darbieten, ist bei ihrer Gründung vielfach mit miß- trautschem Kopfschütteln, von der Buchhändlerwelt wohl auch mit spöttischem Lächeln begrüßt worden. Tie Fachkreise glaubten nicht so recht an die Möglichkeit, daß eine sp billige Ausgabe auch nur einigermaßen Rentabilität versprechen könne. Sie täuschten srch aber: das Unternehmen! wuchs und wurde zu einem glänzenden Geschäft, an dem! mit dem Verleger auch! die Schriftsteller profitierten, denn die „Masse" beeinflußt in diesem Falle auch, das Honorar, Bor kurzem konnte der „rote Engelhorn" eine Art Jubiläum feiern: Das Erscheinen des fünfhundertsten Bandest Wenn man die Höhe der einzelnen Auflagen bedenkt, die' allein den billigen Preis ermöglicht, so kann man leicht berechnen, daß es Millionen von Bändchen sein müssen^ die das Publikum in den zwanzig Jahren erstanden hach Jedenfalls ist die „Statistik der Gangbarkeit" der Engel- hornschen Romane nicht ohne allgemeineres Interesse. Ein! paar fremde Autoren marschieren an der Spitze, und zwar macht Ohnet mit seinem „Hüttenbesitzer" den Anfang; dabei muß aber bemerkt werden, daß das Buch zur selben! Zeit erschien, als das aus dem Roman geschnittene Drama dank seiner hübschen Rührseligkeit auf allen Bühnen Erfolge feierte. Aehnlich ist es mit F. H. Burrtetts „Kleinem! Lord" und mit Henry Savages „Offizieller Frau"; doch auch die späteren Romane Ohnets haben in der Engel- hornschen Bibliothek starken Absatz gefunden. Bon deutschen Autoren wurden Wlolzogens Romane „Tie tolle Komteß", „Tie Kinder der Excellenz" und „Der Kraft-Mayr" ernt! meisten begehrt; ihnen schließen sich an Lindaus „Helene Jung", Spielhagens „Susi", Wildenbruchs „Wanderndes! Licht", Heyses „Marienkind", Zabeltitz' „Heiratsjahr", A. von Gersdorffs „Ein schlechter Mensch" und ein „Berlinep Rangew-Band" von Ernst Georgy. Erfreulich ist es, daß der Engelhornsche Verlag sich im Gegensatz zu ähnlichen Publikationen der deutschen Schriftstellerwelt gegenüber nicht abweisend verhält — daß er nicht die Billigkeit der Uebersetzungsarbeit zur Richtschnur literarischer Bewertung macht. Ter neueste vollendete 19. Jahrgang bietet dafür den besten Beweis. Da M vor allem der beliebte deutsche! Erzähler F. v. Zobeltitz mit einer zweibändigen fröhlichen Sommergefchichte, „Der Backfischkasten", vertreten; von Rich. Skowronnek fesseln ebenfalls zwei Bände, nämlich der Roman „Das rote Haus", den jedermann bis zum Schluß mit gespanntestem Jnteresfe lesen toicb. Ohnet, der beliebte Franzose, tritt wieder mit einem Roman, „Ter Schritt zur Liebe", auf, H. Malot mit „Daheim", einem Gegenstück zu seinem berühmten „Heimatlos", und von den übrigen Schriftstellern des Jahrganges sind zu nennen; Quida, Ossip Schubin, Ths von Rom, Me Tvnnell Bod- kin, Margarete von Oertzen, Luise Westkirch, Fritz Dühring u. a. Tie roten, schmucken Bändchen sollten auf keinech Weihnachtstisch fehlen.
Zahlenquadrat.
Nachdruck verboten.
Neun aufeinanderfolgende Zahlen sind in die Felder des nebenstehenden Quadrats derart zu sehen, daß die Summa jeder wagerechten, feder senkrechten und jeder der beiden Querreihen von Ecke zu Ecks gleich 66 ist. Die niedrigste Zahl soll im weißen Mittelfelde links, die höchste im weißen Mittelfelde rechts stehen.
Auflösung in nächster Nummer.
Auflösung des Wortspieles in vor.: Nr.
a) Hering, Äsen, Adel, Raum, Lias, Inn, Doin, Ran, Rumpf, b) Ehering, Rasen, Nadel, Traum, Elias, Zinn, Edom, Iran, Trumpf.
Erntezeit.
NedakUon! August Götz. — Rotationsdruck und Verlag der Brühl'schen Universitäts-Buch- und Steindruckerei. R. Lauge, Gießen.


