755
werden durch eine Nachricht, die einer der Hotelgäste ihm zutrug. Seit seinem Auftreten gegen den „Sopra" war er für die Hausgenossen nicht nur der vielbewunderte, von weitem angestaunte Künstler, jetzt war er der Ritter ohne Furcht und Tadel, den alle persönlich verehrten. Tie Herren begegneten ihm mit ausgesuchter Höflichkeit, die Damen bemühten sich um ein Gespräch mit ihm, indem sie alle Neuigkeiten der gemeinsamen kleinen Welt ihm zutrugen. Tie kränkliche Dame mit der doppelten Brille war es auch gewesen, die am Morgen nach dem Vorfall im Speisesaal zu ihm herangetreten war und, vor Lachen fast erstickend, gesagt hatte: „Ter Sopra, der Uebermensch, r- er hat doch gesagt. Sie sollten von ihm hören — er ist ab gereist!"
Rauchmann hatte nur ein wenig gelächelt, — daß er so melancholisch lächeln konnte, machte ihn ganz unwiderstehlich! Tie Dame sprach mit verdoppelter Liebenswürdigkeit weiter, er aber dankte ihr nur durch halbe Aufmerksamkeit. Was kümmerte ihn jener Mensch? Er hatte kaum mehr an ihn gedacht. Um Ediths willen, darüber war er sich jetzt vollkommen klar, um ihr zu imponieren, hatte er den Kampf gegen den Lästigen ausgenommen. Sie hatte ahn mit keinem Blick, mit keinem Lächeln belohnt; was er getan hatte, war also vergeblich gewesen, war wertlos für ihn. Und nun kam jene blasse Dame mit einer neuen Kunde, bei der sie ihn, wie er meinte, mit absonderlichem Ausdruck betrachtete: die Generalin und ihre Tochter reisten ab! Ter Sänger wußte hinterher nicht, was er geantwortet, was er noch weiter gesprochen hatte. Sobald wie möglich machte er sich los, ging auf sein Zimmer, setzte sich vor die offene Tür zum Balkon und starrte lange Zeit regungslos hinaus auf den See. War es aus, wirklich zu Ende? Und wenn es so war, — war es nicht gut? Er versuchte, die Frage zu bejahen, aber indem er es tat, indem er sich die Welt ohne Edith zu denken versuchte, empfand er einen Schmerz, wie er ihn niemals zuvor gefühlt hatte. Und bevor er noch wußte, wie er dazu kam, saß er an seinem einfachen Schreibtisch, hatte Papier hervorgeholt, hielt die Feder in der Hand und ■— schrieb einen Brief. — —
Tie Generalin hatte ihren üblichen Mittagsschlaf kaum beendet, als Edith leise die Tür des Zimmers öffnete und vorsichtig hereinschaute. Das schwache Geräusch ließ die halb noch Schlummernde völlig erwachen; sie öffnete die Augen mit ein wenig Mißbehagen, aber gleich kam wieder das gewohnte freundliche Lächeln aus ihr Gesicht, als sie die Tochter erkannte.
„Komm nur herein, Kind, es ist genug mit dem Schlafen."
Sie setzte sich mit einiger Mühe aufrecht, unterdrückte ein letztes Gähnen und sah zu Edith hin, die, ohne ein Wort zu sprechen, zur Balkontür hinüber gegangen war und nun ohne Bewegung und Sprache dort stand.
„Wie kommt es denn, daß Tu zu Hause bist?" fragte die Generalin. „Ich glaubte Dich schon oben in San Michele oder auf dem Pizzocolo gar. Kannst ja nie genug kriegen von Deinen Bergen."
„Da, Mutter, lies einmal den Brief." Edith bemühte sich, ganz ruhig zu sprechen, indem sie zu ihrer Mutter trat und ihr ein beschriebenes Blatt hinhielt, aber in ihrer tiefen Stimme war doch ein Beben, das sie nicht meistern konnte.
„Ern Brief, — von wem?"
,^Lies nur."
„Von Wotans Tie Generalin rief es, das Papier betrachtend, mit einem Ausdruck der Ueberraschung, in den auch etwas Freude hineinklang.
„Von Herrn Rauchmann, ja", gab Edith mit noch mühsamerer Kälte zur Antwort.
Tie Generalin suchte mit nervös bewegten Händen ihre Brille hervor; sie gebrauchte eine solche für Arbeit und Lesen, ließ sich aber nicht gern vor anderen Menschen damit sehen, weil sie behauptete, daß ihr rundes Gesicht dann völlig dem einer Eule gleiche. Nachdem sie diese vermeintliche Aehnlichkeit jetzt in der Einsamkeit ihres Zimmers hergestellt hatte, las sie den folgenden Brief:
„Hochverehrtes, gnädiges Fräulein!
Als es mir zum letztenmale vergönnt war, mit Ihnen Lu sprechen, haben Sie mir gesagt, man müsse lieben, um einen Liebesbrief schreiben zu können. Tas hier ist ein solcher Brief; prüfen Sie ihn, ob sein Ton echt ist, und ob
er den Klang der Wahrheit besitzt, die Sie so lieben. Gelingt es mir diesmal nicht, jenen Ton zu treffen, so bin ich ein schlechter Musikant und werde ihn niemals finden. Denn heute führt mir die Liebe die Hand, und vieles, vieles möchte ich Ihnen sagen. Aber ich weiß nicht, ob ich es darf, ob die Kluft zwischen uns nicht zu groß ist, als daß ich darüber weg zu Ihnen sprechen könnte. Darum nur das eine, statt alles anderen: ich habe versucht, Sie zu hassen und Ihnen zu zürnen, aber ich habe damit aufgehört. Sie zu lieben. Mit einem Gefühl, so tief und mächtig, daß ich selbst davor erschrecke.
Jedenfalls hätte ich auch jetzt noch nicht den Mut gefunden, Ihnen dies zu sagen, toentt ich nicht heute die Nachricht erhalten hätte, daß Sie zu reisen gedenken. Unerträglich ist mir der Gedanke, Sie scheiden zu sehen, ohne noch einmal mit Ihnen gesprochen und den Versuch wenigstens gemacht zu haben, mich vor Ihnen zu rechtfertigen. Und wenn nicht das, so doch Ihre Verzeihung zu erlangen.. Ich bitte Sie herzlich, geben Sie mir die Gelegenheit dazu! Heute nachmittag um fünf Uhr werde ich auf der Bank in der Bezzuglio-Schlucht sein, wo wir neulich einmal eine schöne und friedliche Stunde zusammen verlebt haben, die mir jetzt unendlich fern erscheint. Wollen Sie dorthin kommen und mir mündlich die Antwort auf diesen Bries sagen, dann werden Sie mich sehr glücklich machen, — wenn auch zum letztenmal glücklich in diesem Leben, falls Ihre Antwort anders ist, a:s ich sie wünsche. Unbedingt weroe ich dort sein, und ich bitte noch einmal: Kommen Sie!"
Tie Generalin faltete das Papier bedächtig zusammen. „Ter Brief klingt echt", sagte sie dann.
„Er klingt so — ja", antwortete Edith, aber ein leiser, vielleicht erzwungener Ton des Zweifels war in ihren Worten.
„Was willst Tu tun?" *
„Was rätst Tu?"
„In solchen Fällen hat kein Mensch zu raten, nicht einmal die Mutter. Frage Tein Herz, was es sagt."
Edith preßte mit plötzlicher Bewegung die Hand auf die Brust, als empfände fic einen heißen Schmerz; ihre Geste, so beredt, daß es der Worte nicht bedurfte. Die Generalin fand ihr feines, humorvolles Lächeln wieder.
„Du wcrst gehen, wenn mich nicht alles täuscht."
„O Mutter, Mutter!" Edith brach in Tränen aus und wandte sich ab, vergeblich bemüht, ein ungestüm hervorbrechendes Schluchzen zu ersticken.
Ihre Mutter trat zu ihr heran und legte den Arm um die Schultern der Weinenden. Trotz ihrer Stärke war in der Bewegung eine ruhige Würde, mit Milde gemischt, tue jede Spur von Komik verscheuchte.
„Solche Zweifel der Liebe tun weh", sagte sie leise, „für den Augenblick wenigstens. Hinterher behält man sein Leben lang Heimweh nach solcher Zeit."
„Komm, Mutter, ich will vernünftig sein", sagte Edith, indem sie die Tränen trocknete und zu lächeln versuchte. „Das ist ja eine abscheuliche Senntimentalität, die eigentlich gar nicht zu mir paßt. Jcy bin wohl ein wenig nervös, — das paßt freilich auch nicht. Aber so weit werde ich's doch wohl wieder bringen, daß ich dem, was kommt, gerade ins Gesicht sehen kann. Und ivenn ich nachher hinauf gehen sollte, — Fräulein Häseler würde mich ja wohl begleiten, und in ihrer Gegenwart —"
Sie verstummte mitten im Satz, überrascht, erstaunt, säst erschrocken. Vom Garten herauf tönte durch die Nachmittagsstille ein lauter, unerwarteter Ton: der Walkurenruf „Hojotohoh", von einer machtvoll schönen weiblichen Stimme hinausgeschmettert in das Schweigen des Sonntages. Edith und ihre Mutter standen in der gleichen Minute hinunterfpähend aus ihrem Balkon, und wie auf einen allgemeinen Befehl erschienen im selben Moment alle übrigen Gäste auf den Balkonen, in den Türen, auf der Terrasse vor dem oberen Speisesaal. Dort hatten sie die Dame am nächsten, die den Ruf ertönen ließ, eine üppige, hohe Blondine, nicht mehr ganz frisch in dem unbarmherzigen italienischen Licht, aber doch stattlich genug, um die Blicke der Männer festzuhalten. Sie sang, mit den Augen Rauchmann suchend, der in der rosenumsponnenen Laube zu Füßen der Terrassentreppe gesessen hatte und nun aufgesprungen war, um die plötzliche Erscheinung an- zuftarren wie einen Geist.
Jetzt stieg sie die Stufen hinab, die Hand zur Begrüßung


