754 —
Handbewegüug hinaus. Der andere trat iljin' gegenüber, bleich, bebend, stammelnd.
„Mein Herr, Sie sind — ich — ich —" er begann ein hastiges Suchen in allen Taschen seines langen, schwarzen Rackes, „nein, hier ist sie auch nicht, — ich habe keine Visitenkarte bei mir, — aber ich heiße Meyer. Sie werden von mir hören."
Damit schritt er hinaus, sein weinendes Gefolge schlüpfte hinterher. Ter Sänger aber wandte sich nur für eine Sekunde noch zu der Gesellschaft zurück, die in tobenden Jubel ausgebrochen war, suchte mit einem einzigen, raschen Klick Ediths Gesicht und verließ dann gleichfalls den Saal.
In den Jubel hinein, der jetzt noch ungemindert erklang, sagte die Generalin zu ihrer Tochter: „Tas war famos von ihm, ganz famos! Er ist der einzige Mann in der ganzen Gesellschaft."
„Aber der andere wird ihn erschießen", stammelte Fräulein Edith.
„Nur keine Angst, liebes Kind, der „Sopra" hat das Pulver so wenig erftrnden, wie er für seine Anwendung schwärmt."--
Rauchmann stieg in den Garten hinunter und sah den --Schwarzen" mit seiner Dame noch eben im Hause verschwinden. Der Rückzug glich so sehr einer eiligen Flucht, daß die Abschiedsdrohung sehr an Gewicht verlor. Der Sänger war jetzt allein im Sonnenschein hier draußen; eine sanfte, mit Feuchtigkeit gesättigte Luft kam von der Seefläche zu ihm her. Es tat ihm Wohl, einen Gegenstand für das unbestimmte Zorngefühl in seiner Brust gefunden zu haben, das sich in unberechenbarem Wechsel all die letzten Tage hindurch bald gegen Edith, bald gegen sich selbst gerichtet hatte. Er atmete tief auf, nun Mußte die Last doch herunter sein vom Herzen. Aber während er hastig, mit noch lebhaft klopfenden Pulsen auf der Kies- fläche hin und her ging, fühlte er mit Erschrecken, daß die Enge, die Bangigkeit, die Unruhe doch noch in ihm geblieben waren, die er mit dem Zorn zugleich verscheucht zu haben glaubte. Was war aus ihm geworden in so kurzer Zeit! Er kannte sich selbst und seine Empfindmrgen nicht mehr. Er wußte nur, daß etwas in ihm brannte wie ein zehrendes Fieber, das ihm die Ruhe nahm, ihn rastlos umhertrieb durch Berg und Tal und ihn immer wieder hierher zurückführte an diese Stätte, die so still und friedliche dalag und doch für ihn kein Ort des Friedens geworden war.
Ter Beifall, der ihn eben umtönt hatte, war ein vertrauter, willkommener Laut gewesen und hatte ihm wohlgetan. Aber auch diese Wirrung dauerte nur kurze Zeit. Er machte dieselbe Erfahrung bannt, wie schon mehrfach in den letzten Tagen mit der künstlich erweckten Erinnerung an seine Erfolge in der bunten, lauten Welt, wo er als Herrscher galt. Sein Selbstbewußtsein war nicht erloschen; er sagte sich häufig sein stolzes, gewohntes: „Ich bin ich!" aber daß er sich gerade jetzt so häufig sagen mußte, das erfüllte ihn mit einem halb unbewußten Gefühl der Ueberraschung. Und jene Erinnerung — sie verflog immer wieder merkwürdig schnell. Es schien ihm, als läge das alles weit, weit hinter ihm, durch den Schleier der Ferne scyon undeutlicher und weniger glänzend gemacht. Oder war es nicht die Entfernung allein, die das Bild veränderte, war etivas anderes da, das sich dazwischen schob, war ein stärkeres Gefühl in ihm erwacht und ließ die Freude an Ruhm und Größe verblassen? Zuerst hatte ers geleugnet, dann bejaht; ein Gefühl war in ihm, das ihn nicht wieder losließ: der Zorn. Die Empörung über Ediths Worte lebte in ihm fort, mit denen sie die Brücke zwischen sich und ihm abgebrochen hatte, das peinigende Gefühl einer Demütigung, die er widerstandslos über sich hatte ergehen lassen.
Mer jetzt war doch etwas geschehen, jetzt hatte er seinem Zorn ja Luft gemacht, wenn auch nicht gegen Edith, so doch in ihrer Gegenwart. Ob sein Auftreten ihr gefallen hatte? Mit der Frage zugleich erwachte der Aerger, daß der Gedanke überhaupt in ihm auffteigen konnte. Was kümmerte ihn ihr Denken und Fühlen? Gab es nicht ändere, Hunderte von Frauen, die jedes seiner Worte voll Andacht von»seinen Lippen getrunken hätten, mit derselben SStnbacfjt, wie — Plötzlich stand das Bild des Mannes den er eben gezüchtigt hatte, mit seiner schwärmenden Verehrerin vor ihm, und wie ein flüchtiger Blitz durchzuckte es rhn: war jener Mensch nicht vielleicht ein Zerrbild
von ihm selbst? Ein halber, ein Viertel Gedanke nur, der sofort wieder verschwand, aber der ein neues, heißeres ftu- behagen in ihm entfachte und die nun schon gewohnte, fieberhafte Rastlosigkeit wieder erweckte.
Bor sich nahenden Meuschenstimmen, die vom oberen Speisesaal herunter ertönten, floh er davon. In die Berge hinein, deren Weg ihm auf weiten, häufigen Wanderungen schon vertraut geworden war. Er ging diesmal den lorbeerumsäumten Pfad, auf dem er Edith bei jenem ersten Spaziergang begegnet war, wo sie den Zweig gebrochen und ihm gereicht hatte. Jetzt aber hatte auch der Lorbeer für ihn seinen Reiz verloren, er ging dahin, die Augen auf den Boden gerichtet, und sah auf die heften Blumenaugen am Wegesrand, die er sonst so wenig beachtet hatte. Plötzlich! ertappte er sich dabei, daß er dastand — er wußte nicht, wie lange schon — und aus einen großen gelben Primelsteru zu seinen Füßen niederstarrte. Und durch irgend eine Jdeenverbindung kam ihm Shakespeares Vers aus dem „Sommernachtstraum" ins Gedächtnis, der von. einer Wunder- und Zauberblume spricht: „Und Mädchen nennens Lieb' im Müßiggang".
Der Müßiggang, der wars! Dies Herausgerissensein aus der gewohnten Tätigkeit, dieser Mangel an Ausregung und Erfolg, dies Vegetieren in dem erdrückend stillen Erdenwinkel! Wenn er nur erst wieder singen konnte, singen und Reisen von Ort zu Ort! Aber indem dieser Wunsch in ihm sich formte, kam es ihm zum Bewußtsein, daß er in den letzten Tagen viel weniger an seine Gesundheit gedacht hatte, als sonst, daß er über die pflichtschuldige, fast instinktive Befolgung der ärztlichen Regeln hinaus kaum so gelebt hatte, wie die Gesundheit es erforderte. Wenn sie ihn nicht mehr beschäftigte, was beschäftigte ihn dann? Ter Vers gab Antwort, der in seiner Seele tönte. Neben dem Müßiggang erklang noch ein anderes Wort in ihm, ein stärkeres, größeres, helleres Wort — die Liebe!
Er war wieder vorwärts geschritten, jetzt blieb er von neuem stehen wie vor einem jäh geöffneten Wgrund. Tie Liebe, - welch ein Wahnsinn, daran zu denken! In welche Wirrnisse trieb ihn die ungewohnte Einsamkeit! Er grollte und zürnte, er haßte dieses Atädchen, das ihm so sehr die Ruhe der Seele raubte, — warum überlief es ihn wie Frost bei dem fernher tönenden Klang jenes anderen Wortes? Nein und tausendmal nein, er liebte sie nicht!
Sich wehrend gegen ihr Bild, kämpfend gegen sich selbst, halb erstickt von einem Gefühl, das stärker war als sein Wille, kam er bis zu dem Platz, wo Edith ihm den Lorbeerzweig gegeben hatte. Und hier brach sein Widerstand in sich zusammen. Alle Waffen, die er sich geschmiedet hatte gegen ein übermächtiges, ihm fast noch neues Empfinden, zersplitterten in seinen Händen. Was er Zorn, Empörung, Haß zu nennen versucht hatte, es war nichts als Maske gewesen für das andere, sieghafte Gefühl. Es gab kein Leugnen mehr, er liebte Edith! Und mit dieser Erkenntnis Zugleich kam ihm die andere, welch eine Summe von Lieües- fähigkeit und Liebesbedürsnis in ihm sich aufgespeichert hatte in den langen Jahren beständigen Ringens um den Sieg in der Kunst. Er hatte keine Zeit gehabt für die Liebe. Angenehme, heitere Bilder hatten sich, rasch vorüber gleitend, in der ruhigen Glut seines Empfindens gespiegelt, niemals aber war diese Flut vom Sturm gepeitscht worden, hatte niemals die Ufer überschritten, die Tämme durchbrochen. Jetzt war es geschehen, jetzt ging sie, furchtbar angeschwoften, über ihn selbst hinweg, nahm seinen Füßen den Halt, umrauschte ihn mit gewaltigen Tönen, hob ihn auf und riß ihn widerstandslos mit sich fort.
Riß ihn fort, — wohin? Zu ihr, zu Edith! Mit einemmale war kein anderer Gedanke mehr in seiner Seele. Zu ihr, hinunter ins Tal, um sie zu seheu, ihre Stimme von weitem zu hören, in denselben Mauern zu sein, in denen sie atmete. Jetzt war die Klarheit gekommen, vor der er sich instinktiv so lange gefürchtet hatte; jetzt konnte er das Ziel benennen, zu dem ihn fieberhafte Sehnsucht trieb. Mit großen Schritten eilte er den steinigen Weg hinab, noch immer voller Zorn, aber jetzt nur gegen sich selbst, weil er so schwach, war, diesem' Gefühl zu folgen. Er betrat das Hotel, schlich verstohlen über Flur und Treppe, schaute spähend im leer gewordenen Garten umher, flieg zu den Bänken am Strande, zu der Terrasse vor dem oberen Speisesaal empor und — fand Edith nicht.
So trieb er es drei Tage lang, um dann aus seinem unentschlossenen, sehnsuchtsvollen Zustand aufgeschreckt zu


