Ausgabe 
19.12.1903
 
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Samstag den 19. Aezcmver.

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1903."Ur. 189.

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! (Nachdruck verboten.)

Wotans Mrkoöung.

Novelle von Robert Kohlrauschs

(Fortsetzung.)

Tie Mahlzeit war vorüber, eben wollte man sich- er» heben, da kam die Katastrophe. Tie Tür vom Korridor öffnete sich-, und herein trat, gefolgt vvn seiner getreuen Verehrerin, derUebermensch". Er schritt erhobenen Haup­tes, die Reisemütze auf dem Kopf, die bunte Decke um die schultern, ganz langsam durck- den Saal, setzte sich vor dem Fenster an einen Tisch und rief Lina zu, daß sie den Kaffee dorthin bringen solle. Ein Tvdesschweigen entstand; man vernahm durch die offene Gartentür das leise Rauschen der Wellen am Strand uird hier innen das rasche Atmen der nervösen Damen und der zornigen Herren.

Eine kurze Weile schwieg auch derSopra" und ließ die schwarzen, kleinen Augen triumphierend int Saale die Runde machen; dann begann er den gewohnten Monolog, dem seine Dame in schuldiger, schwärmerischer Andacht lauschte.

Ich habe Ihnen Vorhin schön gesagt: das einzige MM, Has wenigstens halbwegs Existenzberechtigung hat, ist die ,Jugend".. Ich bin überhaupt der Ansicht, daß dieJugend" allein ein richtiges Urteil über alle Tinge besitzt. Ich würde, wenn ich der Herrgott wäre, sämtliche Individuen vom Erdboden vertilgen, die über vierzig Jahre alt sind. Ich würde"

Ein heller, schriller Don unterbrach ihn so jäh) daß er überrascht verstummte. Jemand hatte mit dem Messer ans Glas geklopft, als wenn er eine Rede halten wollte. Die Augen aller schauten suchend nach der Stelle hin, vvn wo der Don gekvnrmen war, und aller Blicke hafteten auf Rauchmann, der sich erhoben hatte und mit ruhiger Sicher­heit öastand, das blitzende Messer spielend in der Hand auf und nieder bewegend. Jetzt begann er wirklich zu sprechen, fcz; die Spannung war auf dem Gipfel.

Meine verehrten Damen und Herren", sagte er, dem -Svpratz den Rücken zuwendend,es ist hier im allgemeinen Nicht Sitte, Reden zu halten. Ich finde diesen Brauch sehr löblich, denn auch ich bin kein Freund Vvn Tisch- und anderen Reden. Aber es gibt Momente, wo das Schweigen zur Feigheit, das Reden zur Pflicht und Notwendigkeit wird."

Eine leise Bewegung, wie ein zustimmendes Rauschen, Ang durch die Gesellschaft. DerUebermensch" lächelte noch -immer fern höhnisches Lächeln, doch war er sehr bleich ge- tvorden. ' "

,Mn solcher Moment scheint mir heute gekommen zu sein. Sie alle sitzen heute hier an ungewohnter Stelle, weil Ere vor einem Menschen geflohen sind, der Sie belästigt hat wie ein schädliches Insekt. Wer nicht genug damit.

daß er Sie aus Ihrer Ruhe aufgescheucht hat er besitzt auch noch die ungeheure Keckheit, Ihnen hierher zu folgen und Sie mit seinen unweisen und unsinnigen Reden auch hier zu quälen."

Er h-atte sein Gesicht jetzt voll dem Schwarzen zu-, gewandt, der mit nervös zuckenden Fingern eine Zigarette zerdrückte, die er eben hatte in Brand setzen wollen.

Dieser Mensch dieser hier, den ich Ihnen mit meinen Augen bezeichne, hat soeben über die Rechte und Fähigkeiten der Jugend gesprochen. Er hat mich so daran erinnert duß er selbst der traurige Typus eines Teiles der heutigen Jugend ist und dadurch eine Bedeutung über feine eigene kleine Persönlichkeit hinaus gewinnt. Er repräsentiert jenen häßlichen Teil unserer gegenwärtigen Jugend, der, zwischen Blasiertheit und Rohheit, zwischen Gigerl und Rüpel hin und her schwankend, unsere Straßen, unsere Wirtshäuser, unsere Theater entstellt, und bei dem in beispielloser An­maßung jegliche Begabung für Besseres untergeht. Mit der Vertilgung dieser Art von Jugend könnte unser lieber, alter Herrgott wirklich uns allen einen Gefallen erweisen,- und er dürfte nach wohl einmütiger Ansicht der an dieser Tafel Versammelten am liebsten mit jenem Exem­plar den Anfang machen, das sich, wie wir eben gehört haben, gern selbst zum Herrgott aufblähen möchte. Zum tzerrgoth dessen Welt ich mir freilich als allerletzte aus- suchen würde, um darin zu leben. Denn was könnte sie anders werden, als eine Spottgeburt aus Anmaßung und Torheit?"

Der Bann der Ueberraschung, der zst Beginn der Rede sich über die Gesellschaft gelegt hatte, war allmählich ge­schwunden; Beifallsrufe hatten sich zuerst leise, dann lauter hineingemischt, und jetzt erklang ein lautes, allgemeines Bravo. DerSopra" sah sich nun endlich auch veranlaßt, aufzustehen und ein paar Schritte näher zu Rauchmann her anzutreten.

Mein Herr, sprachest Sie von mir?" fragte er mit heiser gewordener Stimme.

Ich dachte, das hätte ich- deutlich- genug gemacht Jawohl, ich spreche von Ihnen. Und ich sage Ihnen jetzt: Sie haben die Geduld der Gesellschaft hier bis aufs äußerste erschöpft. Es sind Leidende hier. Kranke und Nervöse, die Erholung suchen nach schwerer Zeit. Es sind Gäste hier, denen es-alicherwetse nicht leicht geworden ist, die Mittel zu solcher Kur aufzubringen, und die mit ihrest Tagen hier geizen müssen. Sie haben sich's angelegen seist lassen, ihnen alle die Ruhe, Die Erholung, die Kur zu stören, und darum fordere ich Sie jetzt im Namen dieser ganzen Gesellschaft auf, sie auf der Stelle auf der Stelle, verstehen Sie mich? von Ihrer höchst unangenehmest Gegenwart zu befreien. Und wenn Sie die Tür vielleicht ohne Hilfe nicht finden können ich werde sie Jhnest zeigen."

Er ging mit eist paar großen Schritten bis zu der offenstehenden Tür zum Garten und wies mit befehlerischer