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Was Dir auch geschehen sein mag, laß es die Leute nicht merken. Daheim kann man seine Gefühle nach Belieben einweichen, vor der Welt muß alles immer steif und gestärkt aussehen."
„Wen kümmert es denn?" fache Guenn trübselig, raffte sich aber trotzdem ein wenig in bte Höhe.
„Geh herum, lache, treibe Spaß! Sei nicht so lappig! Mach' doch die anderen Mädchen eifersüchtig! Und vor allem, laß ihn nicht merken, wie Du den Kopf hängen läßt."
Bei diesen weltklugen Worten, die dem Inhalt nach vielleicht in den höchsten Kreisen nicht anders gelautet hätten, fuhr Guenn erschrocken empor: „Ihn? Wen?"
„Du lieber Himmel, das weiß ich nicht", kicherte Mutter Quaper, „jedenfalls irgend einen nichtsnutzigen Schlingel; Du wirst bald genug einsehen, daß es ein Unsinn war, Dich um ihn zu grämen. Dahinter kommt jede Frau, früher oder später. Heute aber nimm meinen Rat an, man kennt Dich ja gar nicht wieder — mach' Dich steif, sage ich, mach' Dich steif!"
So schwer es auch fiir ein verliebtes Mädchen sein mag, auf guten Rat zu hören, so blieb doch der Mahnruf an Guenns Stolz nicht vergebens. Sie war aus dem besten Wege, sich auszuraffen, als tztannic plötzlich neben ihr stand.
„Komm in die Kirche, sobald er in die Schule geht; aber ohne daß er's sieht."
Nannic hatte sein geheimnisvolles Wesen abgestreift, in diesem Augenblick war er ein kluger, tatkräftiger Knabe, der einen bestimmten Zweck verfolgte. So plötzlich wie er gekommen, verschwand er auch wieder.
Rodellecs Kinder brauchten nicht lange auf die Gelegenheit zu der wünschenswerten Unterredung zu warten. Zuerst stahl sich Guenu in die leere Kirche. Die Ruhe und Stille taten ihr unglaublich wohl. Kurz darauf erschien Nannte.
„Stillt, was giebt's?" fragte Guenn.
„Ich habe keine Minute zu verlieren. Ich muß wieder unten sein, wenn er herauskommt." Dann machte er hastig eine Mitteilung, die Guenn wie von einem elektrischen Schlage erbeben ließ.
„Die Feiglinge!" rief sie zornig.
„Mach' nun, was Du willst, nur daß kein Aufsehen entsteht!" setzte der Knabe mit philosophischer Miene hinzu.
„Der Pvlizeichef muß mir helfen", sagte Guenn eifrig; ihr mattes Wesen war verschwunden, Klugheit und Scharfsinn standen ihr im Gesicht geschrieben.
„Es darf Ach aber niemand mit ihm reden sehen!" „Natürlich nicht, das versteht sich von selbst."
„Uiib er muß versprechen, nicht nach dem Täter zu forschen."
„Nein, nein, tvir können ihn doch nicht anze-igen; die schändlichen Feiglinge!" rief sie mit grimmiger Verachtung. „Wer geh jetzt, Nannic, mach' daß Du zurückkommst! Du bist ein Engel!"
„Vergiß nicht: kein Aufsehen!"
Als Rodellec, vom Trünke erfrischt, wieder in der Dorfstraße erschien, saß Guenns Emgel noch auf derselben Stelle, auf der ihn sein Vater verlassen, mit aufgestützten Armen und halbgeschlossenen Augen, geheimnisvolle Aussprüche murmelnd, und Guenns Stimme erscholl hell und klar mit den anderen Mädchen im Chor; zwischen den einzelnen Strophen konnte man auch wieder ihr lustiges Lachen hören., Klang dies vielleicht auch etwas zu lustig, um ganz natürlich zu sein, so war doch niemand kritisch genug, daraus zu achten. Die Matrosen der „Merle" drängten sich um sie, für jeden hatte sie ein übermütiges Scherzwort, keiner konnte ihrer Zaubergewalt widerstehen. Hamor, der vorbei ging, blickte fte lächelnd an. „Die kleine Hexe, wie sie's versteht! Aber eins ist gewiß: so reizend sie auch ist, wenn sie ruhig bleibt, sie noch unendlich viel reizender in der Bewegung. Noch nie habe ich solchen wechselnden Ausdruck in einem Mädchenantlitz gesehen — welche Lebenswärme, was für prächtige Farben, welche Zartheit der Umrisse! Ob man bei einer Frau unserer Gesellschaftskreise wohl das alles beisam'menftnden könnte? Ich glaube kaum, mit jo viel Ursprünglichkeit läßt sich die Kultur nicht Vereinen."
Guenn überstand den endlos langen Taa tapfer und gefaßt. Seitdem sie die Arche verlassen hatte, hielt ihre heitere Stimmung wieder stand. Freilich mitten unter den tollen Ausbrüchen ihrer Laune, bei der ausgelassensten Lustigkeit seufzte ihr Sera ost schmerzlich: „Will es denn gar nicht
Abend werden?" Jahre schienen seit dem Hellen Morgen vergangen, an dem sie voller seliger Hoffnung hierher gekommen war. Für wie urwüchsig Hamor sie auch halten mochte, heute hatte sie ihre Rolle durchgeftihrt gleich einer geübten Weltdame. Neue, bisher unbekannte Kräfte erwachten in ihr. Sie war um viele Illusionen ärmer geworden, sie fühlte sich namenlos elend, aber trotzdem gelang es ihr, heiter zu bleiben; selbst auf der Heimfahrt nach Plouvenec ertönte ihr helles Lachen. Sah sie sich aber- unbemerkt, so barg sie stöhnend den Kopf in den Händen. „Ich bin alt", seufzte sie, „ich bin heute so alt geworden, und werde niemals wieder jung fein können. Aber ich habe noch etwas zu tim heute abend — morgen, und noch manchen Tag. Wäre es nur erst morgen und ich könnte den heutigen Jammer vergessen!"
(Fortsetzung folgt.)
* V o m s ü ß e n A p f e l w e i n. Wohl wenige von denen, welche dem Genüsse süßen Apfelweines hulbigen, sind sich bewußt, in welcher Weise derselbe auf den Organismus und den Stoffwechsel einwirkt. Zwei Bestandteile kommen in Betracht, der Zucker und die Säure. Der Zuckergehalt beträgt beim süßen Apfelwein zwischen 7 und 16 Prozent, die Säure (Aepfelsäure) von 0,13 bis 1,15 Proz., doch sind diese Zahlen, je nach Klima, Sorten und Jahrgängen großen Schwankungen unterworfen. Der Birnenmost wird gewöhn- lich für zuckerreicher gehalten als der Aepfelmost. weil die Birnen süßer zu schmecken pflegen als die Aepfel; der süßere Geschmack rührt dabei aber nicht von einem größeren Zucker-, sondern von einem geringeren Säuregehalt her. Bekannt ist, daß bei der Herstellung von Aepfelwein gewisse Zusätze zur Verwendung kommen, wie u. a. Zucker und Wasser. Diese sind jedoch nicht als Verfälschungen zu betrachten, sondern dienen nur dazu, um die Mostbereitung zu erleichtern und den Wein haltbar zu machen. Der süße Aepfel- weiu wirkt nun in mannigfacher Hinsicht auf das Befinden ein, er wirkt kühlend, durststillend, regt die Tätigkeit der Nerven an, erhöht den Appetit und steigert die Darmtättgleit. Wird der süße Aepfelwein systematisch getrunken, so wirkt er ähnlich wie eine Traubenkur, wobei allerdings zu bemerken ist, daß die Trauben viel säurereicher und zuckerreicher sind, wie der süße Aepfelwein. Er entfaltet eine leicht abführende Wirkung. Bei übermäßigem Genüsse kann er auch schädlich wirken, namentlich wenn die Zufuhr anderweitiger Nahrung beschränkt ist, dann setzt er die Ernährung des ganzen Körpers herab und das Gewicht nimmt ab.
*Tas unliebsame Stillschweigen. Nach dem Erfurter Kongreß im Jahre 1808 kam Napoleon auf feiner Rückreise durch Aschaffenburg. Es war der Befehl ergangen, die Zöglinge aller Schulen und Institute auf dem Wege, den der Kaiser zum Schlosse nehmen würde, aufzustellen, damit sie ihn mit Lebehochs bewiW-ommnen sollten. Bei dem Vorübergeheu Napoleons herrschte auf dem äußersten rechten Flügel tiefe Stille. Der Adjutant des Kaisers äußerte über dieses Stillschweigen sein Mißfallen, indem er darin eine verabredete Kundgebung vermutete. „Mein Herr", fuhr er den Bürgermeister an, „wer hat denn diesen jungen Leuten Stillschweigen auferlegt?" — „Der liebe Gott", antwortete der Gefragte, „denn es sind die Schüler des Taübstummeuinstituts."
* Was die Schweiz an den Fremden v ex- di ent. Man hat schon öfter behauptet, daß der Wohlstand der Schweiz zum größten Teil auf dem Fremdenverkehr ruht. Die Zahlen, die der Statistiker greitler in Zürich zufammengestellt hat, bestätigen nicht nur diese Anschauung, sondern liefern auch sonst vorzügliches und authentisches Material über manche interessante Punkte. Im Juli des vergangenen Jahres stellte ein Berner Arzt statistische Untersuchungen dariiber an, wie viel Menschen jährlich die Alpen besuchen, um die Berge zu besteigen; es wurde fest- gestellt, daß jedes Jahr gegen 100 000 Menschen in die Alpen reisen. Aber natürlich bilden diese Feststellungen nur einen Bruchteil der Gesamtzahl. Freulers sorgfältig zusammengestellte Statistik zeigt, daß diese nicht weniger als 380000 beträgt. Dabei ist noch zu berücksichtigen, daß Freulers Feststellungen sich nur auf solche Reisende beziehen, die die Schweiz zu Kur- ober Erholungszwecken aufsuchen, und andere Reisende nicht berücksichtigen. Ferner


