1903.
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(Nachdruck verboten.)
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Bon B. W. H o!v a r d.
(Fortsetzung.)
In sicherem Rhythmus, entzückend durch die freie An- niut ihrer Bewegungen, tanzte Guenn Rodellec, mit einer Ungezwungenheit und Leidenschaft, die die Maler bezauberte und sogar den ländlichen Preisrichtern die Köpfe verdrehte. Ihr feines Köpfchen, ihr halb schelmisches, halb träumerisches Lächeln, ihre rosigen Wangen, die kleine, zarte Gestalt, die sich bald vor-, bald zurückbog, jetzt zu fliehen schien, und dann wieder den verliebten Alain zu sich heranivinkte, ihre glänzenden Augen, die wie in stolzem Flehen Hmnors Blicke suchten — das Mädchen war ein lebendiges Gedicht.
Die Musik schwieg, man rief ihren Namen, und sie trat vor, um den Preis für das beste Tanzen in Empfang zu nehmen. Dieser bestand in einer leichten, silbernen Halskette. Hamor lächelte ihr freundlich zu, er stand in ihrer nächsten Nähe. „Ich will sie Dir umhängen", sagte er und legte ihr den Schmuck über die Schultern. Guenn schlug die Augen nieder, sodaß die dunklen Wimpern einen Schatten ans ihre Wangen warfen. Ihr Herz schlug stürmischer bei seiner kleinen Aufmerksamkeit als vorhin bei dem angestrengten Tanzen.
„Aha", lachte ein Neviner Künstler, „Sie schäkern wohl mit den Kindern und inachen ihnen den Hof?"
„Niemals", entgegnete Hamor voll Selbstgefühl; „ich bin nur freundlich zu ihnen."
Nach einer Ruhepause, die den meisten wohl unmenschlich kurz erschienen wäre, gab der Musikant das Zeichen, und die Paare, größtenteils die nämlichen wie vorher, traten zu der wichtigsten Probe an: es galt den Preis für die längste Ausdauer im Tanzen zu erringen.
„Das bringt noch größere Ehre", vertraute Guenn in erregtem Flüsterton Hamor an.
„Nun, hoffentlich bist Du Siegerin!"
„Ah, jetzt habe ich keine Angst mehr!" sagte sie mit glücklichem Lächeln.
In einer Ecke sah sie Nannic an einem Faß lehnen. Sofort stand sie neben ihm. „Nannic — Nannic, Glück oder Unglück?" fragte sie leise, sich über das bleiche Gesicht des mystischen kleinen Sehers beugend, um seinen Orakelspruch zu hören, „schnell", fuhr sie dringender fort: „Ist es Glück?"
„Diesmal ist's Glück", krächzte das Kind geheimnisvoll.
Leichtfüßig sprang sie zu Alain zurück, sie kam gerade zum Anfang. „Gliick, Glück!" riefen die Sackpfeifen, „Glück", tönte es in ihrem seligen Herzen nach, und „Glück", klang es ihr jedesmal, wenn Alain tapfer aufstampfte, um den
Takt zu bezeichnen. Sie sah Hmnors und Nannics Gesicht- ihr eigenes ward bleich vor innerer Aufregung, wie sie jetzt die ersten, leichten, abgemessenen Schritte tat, den kostbaren Atem sparend. Unermüdlich klang die eintönige Pfeife, und im Kreise drehte sich die Schar der Tänzer, nach einer halben Stunde schon um ein beträchtliches vermindert. Als Guenn dies bemerkte, schlug sie alle Vorsicht in den Wind. „Allons", rief sie und tanzte ivie nie zuvor, „schneller» schneller", vief sie den keuchenden Musikanten zu, dann winkte sie ihnen lachend, von ihrem Podium herabzusteigen. Sich wundernd, Ivo das hinaus wolle, aber immer weiterspielend, gehorchten sie langsam. Jedes Auge war auf Guenn gerichtet, eine förmliche Anziehungskraft schien von ihr auszugehen. In ihrem strahlenden Gesicht, ihren elastischen Bewegungen ivar auch nicht die Spur einer Erinüdung wahr- zunehmen. Hinreißend in ihrer Lieblichkeit mit wahrer Herrschermiene führte sie den Reigen. Plötzlich jedoch tat sie einen schnellen, unerwarteten Sprung hinaus aus dem Tanzsaal ins Freie, in die frische Luft und den hellen Sonnenschein, die sie in diesem entscheidenden Moment mit unwiderstehlicher Gewalt zu locken schienen. Der Kirche zu, wo am Morgen die Ablaßfeierlichkeiten mit einer glänzenden Prozession begonnen hatten, führte — wie ein zweiter Rattenfänger von Hameln — dies jugendlich reizende Mädchenbild die erschöpfte Schar, arglistig noch einen Hügel aussuchend, an dem die letzten noch übrigen Kräfte erlahmen mußten. Guenn hatte richtig berechnet: Ein Paar nach dem andern entzog sich atemlos dem tollen Reigen, zuletzt vermochten auch die Sackpfeifer den an sie gestellten Anforderungen nicht mehr zu genügen. Auch Alain, ob aus Atemnot oder aus Artigkeit, hatte aufgehört zu tanzen, so stand Guenn allein, stolz und siegreich der staunenden Menge gegenüber.
Sie breitete beide Arme aus und warf sie dann zurück, als wolle sie der ganzen-Versammlung die Siegerin in höchsteigener Person vorführen. Langsam ließ sie die Arme wieder sinken tuib stand mit geöffneten Lippen da, heftig atmend, anscheinend aber mehr vor Aufregung als vor Ermüdung. Dies war der Höhepunkt ihres Triumphes! Ihre ganze kleine Welt war Zeuge ihres Sieges gewesen, nun konnte sie die ehrlich erworbenen Lorbeeren Hamor zu Füßen legen, so ärmlich sie waren, sie ahnte nicht, daß es bessere geben könne. Vor innerer Erregung zitternd, schmachtete ihr ganzes heißes Herz nach ihm. Ihre schönen Augen suchten mit leidenschaftlichem und doch kindlichem -Flehen die seinen: „Schenk' mir auch Dein Lächeln, o Du mein Meister, damit es meiner Freude die Krone aufsetze!"
Hamor hatte ihr tätige aufmerksam und mit sichtlichem -Vergnügen zngeschaut, war aber in diesem Augenblick durch lebhafte Erörterungen über eine Frage der Moral gefesselt und von ihr abgeleitet worden. Die junge Dänin hatte sich bedauernd darüber geäußert, daß die kleine Helene durch das Modellsitzen in so früher Jugend systematisch zur Eitelkeit und Selbstüberhebung erzogen werde. Hamor be-


