Wie gut hatten's doch diese Leute, die so vergnügt waren und sich die Zeit mit Bildermalen vertreiben konnten! Hamor, der erst nicht an sie gedacht hatte, besann sich noch im letzten Augenblick, und schwenkte freundlich grüßend den igitt.
„Quimper", wandte er sich dann in belehrendem Ton an seine Freunde, „wurde vou irgend jemand gegründet, der bei der Belagerung von Troja entkam. Quimper ist berühmt wegen seiner ehrwürdigen Kathedrale, Quimper erfreut sich —"
„Zum Teufel mit Deinem Quimper", rief Douglas unmutig.
„Ganz nieine Meinung!" stimmte Havor fröhlich Lachend bei.
6. Kapitel.
Seit jenem Morgen sah die kleine Frau die lustigen jungen Maler zu jeder Stunde aus- und eingehen. Sie hörte sie schon beim Eintritt in den Torweg lachen, dann wartete sie aus Humors freundlichen Grnß, den er zu ihrem Fenster emporzuschicken pflegte. Sie waren gewiß alle drei liebenswürdige junge Leute, aber in ihren Augen kam an Güte und Leutseligkeit unstreitig keiner Monsieur Hamor gleich,
Staunton und Douglas hatten bald ihre Gerät- schasten in der unteren Hälfte des Bodenraums ausgestellt. Douglas malte mit Feuereifer ein neues Modell in rotem Röckchen, das im Vordergründe seines Gemäldes prangen sollte, welches eine Gruppe Waschweiber am Zuber dari- stellte. Es war ein höchst interessanter Vorwurf; Hamor fand zwar auf Befragen, daß das Wasser nicht naß genug aussah; „jedoch", tröstete er, „braucht ein Kübel voll Seisenwasser auch nicht so naß zu sein, wie die Meeres- Wogen. Aber male Deine Weiber recht körperlich, Douglas, male hinter ihnen herum, — „komm hinter Dein Motiv", wie Millais zu sagen pflegte."
Den ganzen Tag lang, mit nur wenigen Pausen, kniete das unglückliche Modell inmitten des Hofes, ihren breiten Rücken oem Künstler zugewandt, der vollständig in Entzücken ausging über den roten Faltenwurf. Hamor konnte oft nur mit Mühe ein flüchtiges Lächeln unterdrücken, wenn er aus die regungslose rote Masse hinabblickte, und dann wiederum auf Douglas, der geduldig, feierlich und stumm vor seiner Staffelei saß.
Als Humors Atelier eingerichtet war, fand es den ungeteilten Beifall seiner Kunstgenossen. Radikalveränderungen hatte er nicht damit vorgenommen, auch keine Versuche gemacht, sein ländliches Asyl durch Tigerfelle, venetia- nische Seidenstoffe, Gobelintapeten und Prachtroben in ein elegantes Pariser Künstlerheim zu verwandeln. Nur die unglückseligen Dackluken hatten, Dank Humors Geschick und Ueberredungskunst, einem großen Fenster mit Oberlicht Platz gemacht, sodaß die Helle jetzt ungehindert hereinströmen konnte. Der Zimmermann begriff selbst nicht, wie er dieses Kunststück fertig gebracht hatte, fxt schnell waren Auftrag und Ausführung auf einander gefolgt.
Staunton und Douglas pflegten Hamor damit zu necken, daß er sich so rasch die Gunst von alt und jung im Torse erworben, aber sie kamen nie recht ins Klare, welcher Eigenschaft ihr Freund denn eigentlich seine allgemeine Beliebtheit verdanke. Auch bet den Modellen, klagte Douglas, gehe 'es ganz ebenso. Sie kamen alle lieber zuHamor und leisteten ihm bessere Dienste. Hamor war stolz auf seine Volkstümlichkeit und legte so viel Wert darauf, als ob sie das beste Zeugnis für seinen Charakter sei. Eines Tages befragte jhn Douglas geradezu wegen dieser seltsamen Erscheinung: „Lieber Hamor, nimm mir's nicht übel, aber was bist Du eigentlich anders als ein langbeiniger, ungeschickter Schlingel, fast wie ich, ich sehe wahrhaftig nichts so besonderes an Dir!"
„Ich auch nicht", versetzte Hamor trocken, „aber was ist denn eigentlich los?"
„Ach, es ist wegen Jeanne. Sie steht jetzt lange nicht mehr so gut wie srüher. Sobald die Zeit herannaht, daß sie zu Dir kommen soll, wird sie unruhig, und zu mir kommt sie allemal zu ML"
„O, wenn's weiter nachts ist, das läßt sich schon machen", tief Hamor gutmütig, „ich will mit Jeanne darüber reden."
„Tas ist schön und gut, aber ich möchte doch wissen, Koran es liegt, wenn wir Dir die Mädchen soviel leichter Värteren als mir; daß Jeanne nicht besser steht, ist ganz
unverantwortlich. Sie soll leicht und lustig aussehen. Du weißt ja, den Waschkorb haltend, einen Arm über den Kopf erheben und im Begriff, wegzugehen, sich lächelnd zurückwenden, nm dem Geplauder zu lauschen. Nun fällt ihr aber von alldem nicht das Mindeste ein. Sie steht so steif wie ein Stück Holz und horcht — gerade nach der falschen; Richtung, da sie immer darauf aus ist. Dein Pfeifen und Singen zu hören und Deines Rufs gewärtig zu sein!"
Hamor brach in ein lustiges Gelächter aus. „Du bist köstlich, liebster Douglas! Glaube mir; ich tue nichts Besonderes mit ihnen, ich gestatte ihnen nur, si.ch hier zu Hause zu fühlen."
„Warum sollten sie das auch nicht?" brummte Douglas und wars einen vielsagenden Blick auf die überaus dürftige Ausstattung des Gemachs. „Zerbrechliches giebt's eben nicht viel hier drin."
„Und dann bin ich immer freundlich zu ihnen, vielleicht liegt es daran."
„Ich doch gewiß auch", versicherte Douglas nachdrücklich; „an Freundlichkeit lasse ich's niemals fehlen." Damit verließ er unmutig, dröhnenden Schrittes das Atelier.
Hamor vergaß im Arbeitseifer gar bald das ganze Gespräch und die Sorgen seines Freundes.
Er war ein selten glücklich beanlagter Künstler; sowohl! im Atelier wie im Freien ging ihm die Arbeit leicht von! der Hand. Jeanne, Viktoria und andere Modelle seiner! Freunde standen auch ihm; bereits hatte er mehrere jener kleinen, schnell geschaffenen Bildchen, Verkaussware, wie er sie verächtlich zu bezeichnen pflegte, begonnen, die er auf den Bildermarkt zu bringen gedachte. Innerlich freilich hegte er kühnere Pläne. Hamor war zwar ein ziemlich launisches Menschenkind, aber seine Kunst auszuüben war er immer aufgelegt. Wenn er sich zu dem einen Gegenstand nicht hingezogen fühlte, warf er sich auf einen andern' mit unverdrossenem Eifer; gelang ihm die Pracht der untergehenden Sonne nicht, so glückte ihm vielleicht die Ausführung von einem Paar Holzpantöffelchen um so besser. Jeanne strickend, Jeanne und Viktoria Garn windend oder iin Sonnenschein mit einander plaudernd, waren in verschiedenen Stadien der Vollendung begriffen; sein Skizzenbuch füllte sich- rasch mit Fischerknaben und Seeleuten in malerischen Stellungen, mit reizenden idyllischen landschaftlichen Punkten, und allerhand Genrebildchen aus dem täglichen Leben von Plouvenec. Viktoria besaß ein langes^ regelmäßiges Gesicht, das jedweden Ausdrucks ermangelte. Tie Kunstjünger, die „chic" malten, verstanden es aber meisterhaft, in ihre unbeweglichen Züge lenes wünschenswerte Gefühl zu legen. So reiste denn die idealisierte; Viktoria fortwährend Nach Paris, bald ein sehnsüchtiges Ahnen zur Schau tragend, von dem sich ihr schläfriges Gemüt nichts träumen ließ, bald als Pastellbildchen, voll schmachtender Koketterie, wie sie auf Tosen und Handschuhkasten beliebt ist, oder einfach und unschuldig wie eine! Feldblume, als wahre bretonische Madonna. Jeanne war frisch und rosig, immer gesucht und oft schon Monate voraus bestellt. Sie war ein gutes, hübsches Mädchen, und ihr Hauptschmuck der Reiz ihrer zarten Jugend.
„Ich kann mir aber doch unmöglich den ganzen Winter meine Modelle zusammenborgen", sagte Hamor eines Tages verdrießlich, „Jeanne ist so alltäglich und abgebraucht, und Viktoria bewegt sich mit der Grazie einer Kuh, sieht diesem! Haustier auch wirklich gleich: Wenn ich sie jemals wieder malen sollte, werde ich ihr ein Paar Hörner über ihr« dumm dreinschauenhen Augen setzen. Ich muß wirklich sehen, daß ich die kleine Rodellec zum Modell bekomme."
„Oho! die kriegst Du nicht", versetzte Staunton, „wir haben's alle schon versucht."
„Nun, sie wird wohl auch noch zu erschwingen sein", entgegnete Hamor unbesorgt. Er war fest überzeugt, daß! Guenn das für ihn vom Schicksal bestimmte Modell sei. Aber ^obschon sie immer zu finden war, wo es Leben und Gelächter gab, hatte sie sich doch bisher so unnahbar verhalten, wie eine Königin auf dem Thron. Sie war überall und nirgends, beweglich wie die Welle, ungebunden wie die Möve auf der See; ein stilles, sittiges Verhalten war ihrer Natur fremd. Auch am Wend auf dem Dorfplatz war sie es, die mit klarer Stimme den Chor der Mädchen führte und die neckischen Liebes- und ernsten Kirchenlieder an stimmte.
Aus den Dünen lachte sie mit Jeanne und Nannte; beim Fischverpacken arbeitete sie mit den ältesten Frauen


