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„Tas ist ziemlich kompliziert. Ich glaube, er hat von seiner Klugheit eine sehr hohe Meinung; wenn er einfacher wäre, würde er auch klüger sein."
Katharina fürchtete sich vor Claude von Chauxville und aus diesem Grunde starrte sie erstaunt das junge Mädchen an, das ihn mit ein Paar nachlässigen, verächtlichen Worten ans dem Gespräch und aus ihren Gedanken strich. Ein Geist, wie der Nellys, stand über Chauxvilles Einfluß.
Mehr als einmal noch kehrte Katharina zu deni Gegenstände zurück, der ihr ganzes Denken ausfüllte, doch Nelly hielt mit unerschütterlicher Standhaftigkeit an ihrem Entschlüsse fest, über Paul nicht zu sprechen. Sie überhörte, vermied, ignorierte Katharinas bezüglichen Bemerkungen mit einer Geschicklichkeit, welche die einfache Russin verblüffte.
Endlich erhob sich Katharina um zu gehen, und Nelly folgte ihrem Beispiel. Tie beiden Mädchen blickten einander einen Augenblick an. Sie hatten nichts miteinander gemeinsam; in verschiedenen Ländern geboren, verschiedenen Rassen angehörend, waren sie weder durch Glauben, noch durch Erziehung, noch durch Aehnlichkeit der Gedanken verwandt. Sie blickten einander an, und^ Gottes Finger berührte sie. Beide liebten denselben Mann. Sie haßten einander nicht.
„Haben Sie alles, was Sie brauchend fragte Katharina in ihrer gewöhnlichen, unvermittelten Weise.
Nelly verstand sie im ersten Augenblick nicht.
„Ja, ich danke Ihnen", antwortete sie. ‘ „Ich bin sehr müde. Daran ist wohl der Schnee schuld."
„Ja, daran ist der Schnee schuld", wiederholte Katharina mechanisch.
Sie schritt zur Tür und blieb dort stehen.
„Liebt Paul sie?" fragte sie plötzlich.
Nelly erwiderte nichts, und wie gewöhnlich gab Katharina sich selbst eine Antwort.
„Er liebt sie nicht, und Sie wissen das, Sie wissen das!" sagte sie.
Dann ging sie, ohne eine Antwort äozuwarten, hinaus und schloß die Tür hinter sich. Die geschlossene Tür hörte die Antwort.
„Es macht nichts, ivenn er es nur selbst uie erfährt", sagte Nelly laut vor sich hin.
28. Kapitel.
Wölfe.
Die Gräfin Lanowitsch verließ vormittags niemals ihre Gemächer, denn sie hatte sich die Pariser Gewohnheit angeeignet, bis zur Frühstückszeit unsichtbar zu bleiben. Die beiden Mädchen fuhren um 10 Uhr in Begleitung eines Dieners nach der Hütte hinaus, wo das Frühstück eiuge- nommen werden sollte.
Etta begleitete sie nicht; sie hatte Kopfschmerzen.
Um 11 Uhr kehrte Herr von Chauxville zu Pferde allein ins Schloß zurück. Als die Jäger sich getrennt hatten, um ihren Stand im Walde einzunehmen, war er über sein Gewehr gestolpert und hatte dabei den zarten Mechanismus ernstlich beschädigt. Es war ihm, wie er zu dem das Tor öffnenden Bedienten sagte, gerade noch Zeit genug ge- bliebeu, um sich ein anderes Gewehr zu holen, ehe der Auftrieb der Bären begann.
Wenn die Frau Fürstin bereits aufgestanden sei, möge der Diener ihr sagen, daß Herr von Chauxville sie im Bibliothekzimmer erwarte, um ihr zu versichern, daß dis heutige Jagd vollständig gefahrlos sei, — fügte der Baron noch hinzu.
Tann begab sich Herr von Chauxville in das Bibliothekzimmer, !vo er, mit dem Gewehr in der Hand, gestiefelt und gespornt, auf Etta wartete. Nach Verlauf von etwa fünf Minuten wurde die Tür geöffnet, und Etta trat langsam ins Zimmer.
„Nun?" fragte fie in gleichgültigem Tone.
Herr von Chauxville verbeugte sich, ging an ihr vorüber und schloß die Tür, die sie zufällig offen gelassen hatte.
Tann kehrte er an seinen früheren Platz am Fenster zurück und lehnte sich in anmutiger Haltung auf sein Gewehr. Tiefe Stellung, sein Jagdkostüm, die großen Jagdstiefel boten ein hübsches Bild.
„Nun?" wiederholte Etta in beinahe beleidigendem Tone.
„Es wäre klüger gewesen, wenn Sie mich geheiratet hätten", sagte der Baron finster.
Etta zuckte die Achseln.
„Ich verstehe Sie besser, ich kenne Sie besser, als Ihr Gatte.
Etta wandte sich uni und warf einen Blick auf die Uhr.
„Sind Sie von der Jagd zurückgekommen, um mir das zu sagen, oder um den Bären aus dem Wege zu gehen?" fragte sie.
Ter Baron runzelte die Stirn.
Ein Mann, der Furcht gekostet hat, liebt es nicht, über seinen Mut zu sprechen.
„Ich bin zurückgekommen, um mit Ihnen über dies und anderes zu sprechen", antwortete er, indem er sie mit seinem finsteren Lächeln anblickte.
Tann warf er den Kopf in die Höhe und streckte die Hand nach ihr aus, mit der Handfläche nach oben und leicht gebogenen Fingern.
„Hier halte ich Sie, Madame", sagte er. „Ich halte Sie in meiner Hand. Sie sind meine Sklavin trotz Ihres Fürstentitels, mein Eigentum, mein Spielzeug trotz Ihrer Tieuer, Ihrer Paläste und Ihres Gatten! Wenn ich. Ihnen alles gesagt habe, was ich Ihnen zu sagen habe, werden Sie mich verstehen und mir vielleicht für meine Barmherzigkeit danken."
Etta lachte trotzig.
„Sie fürchten sich vor Paul. Sie fürchten sich vor Karl Steinmetz und Sie werden sich auch bald vor mir fürchten!" rief sie.
„Tas glaube ich kaum", antwortete Chauxville kühl.
Die beiden Namen, die sie eben genannt hatte, klangen ihm nicht sehr angenehm ins Ohr, aber das brauchte ein Weib nicht zu erfahren. Ungleich Karl Steinmetz war Herr von Chauxville kein kühner Spieler, denn er war seiner Sacha gern sicher, ehe er seine Trumpfkarte auf den Tisch warf. Er wollte immer wisseü, welche Karten der Gegner in der Hand hielt, und verschmähte es nicht, ihm hinein- zuschaueu.
„Karl Steinmetz, ist nicht Ihr Freund", sagte er.
Etta antwortete nicht. Sie dachte an das Gespräch, das sie mit Steinmetz in Petersburg gehabt hatte, und fragte sich ob die Freundschaft, die er ihr angeboten, — die solide Freundschaft, wie er es genannt hatte, — besser sei, als die Liebe dieses Mannes.
„Selbst jetzt, wo ich Sie kenne, liebe ich Sie noch immer", fuhr Chauxville fort. Sie sind das einzige Wtzib, das ich je lieben werde."
„Wirklich?" murmelte sie ungerührt.
„Ja, obwohl ich Sie zugleich verachte, — jetzt, da ich Sie kenne."
„Sieber Gott, wenn Sie mir etwas zu sagen haben, so sagen Sie es gefälligst. Ich, habe keine Zeit, Ihre Mysterien zu ergründen, Ihre Parabeln auszulösen. Vielleicht kennen Sie mich gut genug, um zu wissen, daß ich mich, durch Ihren Charlatanismus nicht erschrecken lasse/
„Ja, Madame, ich kenne Sie gut genug, um zu wissen, daß Sie es waren, die Wassili die Papiere der Armenlrga in Paris verkaufte. Ich, kenne Sie gut genug, Madame, um zu wissen, wie Sie mit Ihrem Gemahl stehen. Ern Wort von mir, und Sie verlasse,r Rußland nicht lebendig. Ich brauche nur Katharina Lauowitsch zu sagen, daß S,e es waren, die an der Verbannung ihres Vaters schuld ist. Ich brauche Ihren Namen nur gewissen Mitgliedern der Armenliga mitzuteilen, und selbst Ihr Gatte könnte Sre nicht retten." „ „ „ , ,
Er war allmählich immer näher auf sie zugetreten und sprach die letzten Worte dicht vor ihrem Gesicht, Aug in Auge. Sie mb er hielt ihren Kopf noch, immer stolz und trotzig aufrecht.
„Sie sehen also, daß Sre mir gehören."
Sie lachte. , ,, _
„Mit haut und Haar, — aber ich habe ern werches
Er zuckte die Achseln, wandte sich ab und schaute zum Fenster hinaus.
„Was soll ich machen, — ich liebe Sie."
„Unsinn!"
Er kehrte sich langsam nach ihr um.
„Was sagen Sie da?"
„Unsinn!" wiederholte Etta. „Sie lieben dre Machst,


