356 —
diese Herrschaften aber einen Fehltritt in der Mädchenzert nachweisen können, die ist geliefert. Sie wird einfach nicbt zugelassen in den Kreis der „anständigen" Frauen, ihre Stellung ist von Anfang an vernichtet. Mag sie als Gattin noch so brav, noch so ehrbar und noch so treu sein. Das hilft jetzt alles nicht. Das kann die VergauAen- heit nicht mehr auslöschen, und man glaubt gar nicht, wie unversöhnlich, wie empfindlich und wie hart die liebe gute Gesellschaft in dem Punkt ist. Da scheint ihr auf einmal kein Opfer zu grausam, keine Qual zu bitter und keine Demütigung tief genug. Und doch ist das die offenbare Heuchelei. Und doch liegt es ans der Hand- daß der tolerierte, pschütte Ehebruch skandalöser und abscheulicher ist, als verjährte, verbüßte Jugendsünde. Und doch ist die ehrbar gewordene Frau, die ihres eigenen Mannes Kinder gebärt, zehnmal Lesser als die ehrbar Gewesene, die Lakaiensprößlinge ins Majorat setzt, und mit des Gatten Namen die Brut ihrer Lüste deckt. Und doch steht geschrieben, es sei im Himmel mehr Freude über einen reuigen Sünder, denn über zehn Gerechte.
Auf Erden aber denken wir nicht so logisch!. Und es ist ein merkwürdiger Zug in den Menschen, daß sie ganz wütend werden, wenn eine Gefallene sich erheben will, daß sie aber sehr nachsichtig und mitfühlend lächeln, so Eine heimlich sich erniedrigt, ein bißchen Sünde nascht, nm mit dieser Würze der Tugend matte Alltagskost zu salzen. Der Königin, die eine Dirne geworden, huldigen die Menschen ohne Widerstreben, kommt's aber einmal umgekehrt, dann findet sich auch, für die schmachvoll Gemordete nicht Teilnahme noch Erbarmen.
Daß die Männer Unrecht haben, wenn sie Draginja verurteilen, ist gar keine Frage. Die Männer sind in solchen Fällen immer befangen und selbstsüchtig. Ja, eine Frau, von der man weiß, daß sie ihre Huld nach allen Seiten spendet, der stehen sie bei, der fühlen sie sich durch tausend reizende Möglichkeiten nahe und verbunden. So eine Frau wird eingehüllt von ihnen in die schimmernde, warme Atmosphäre beständiger Werbung und hosfnungsfroher Wünsche. Gibt sie sich aber einem Einzigen, macht sie dem lockenden Spiel ein Ende, und zeigt, daß von nun ab- keiner mehr Aussicht hat, dann ist's vorbei mit aller Schonung. Dann fühlt auf einmal jeder sich betrogen, ist entrüstet, und weiß nicht recht, warum. Niemand verzeiht es der Armen, daß sie so unversehens der allgemeinen Lustbarkeit ent- wischte. Und sei es auch auf einem Thron, ent- wischt ist sie ihnen. Und das wird nimmer vergeben. Daß nur die Männer hübsch stille sind, wenn über die arme Drage Gericht gehalten wird.
Aber auch die Frauen täten nicht gut, wenn sie dieser, freilich sonderbaren Königin allzu viel Böses in die Grube nachsagen wollten. Es war gewiß kein Meisterstück, diesen Alexander einzufangen, ihn zu betören, und über seinen Willen ebenso zu herrschen, wie über seine Sinne. Aber nun sie den kleinen König einmal hatte, war es doch eine Leistung, wie sie da ihr Schicksal in Leide Hände nahm, wie sie mutig und mit einer gewissen Bravour die Zügel ihres Landes und ihres Lebens - ergriff. Dabei hat sie Pech gehabt. Nicht allein, daß sie kinderlos geblieben. Weit mehr, daß dieser königliche Gatte offenbar zu wenig Persönlichkeit besaß, die Stellung seiner Frau zu gründen und zu halten. Auch der Josefine Beauharnais konnte man arge Dinge vorwerfen, als sie des Bonaparte Gemahlin wurde. Sie war nicht besser als die kleine Witwe von Belgrad, sie, die kleine Witwe von Paris, die der galanten Freigebigkeit der Freunde ihre Sorgen anvertraute. Und bedeutender als Draga ist auch Josefine nicht gewesen. Da ist es immer der Mann, der für die richtige Distanz sorgen muß. Es braucht keinen Napoleon, um eine Frau höher zu Heben, als ein Steinwurf reicht, nur so klein wie Alexander darf man nicht sein, wenn man sich den Luxus gönnt, eine Vergangenheit zu heiraten.
Was aber an ihr selbst lag, das hat Draga getan. Sie hat Energie gezeigt, und politischen Ehrgeiz, und Neberlegenheit, und Courage. Sie war schlau und sparsam, stolz und despotisch. Und was eine geborene Prinzessin trifft, das hat auch sie getroffen. Vielleicht noch mehr, da sie von ihrem Mann ja geliebt wurde. Weil sie aber gewiß keine bedeutende noch sonst besonders hervorragende Individualität gewesen, muß man staunend sich
fragen, wie es denn möglich ist, daß eine kleine Jngenieurs- gattin gar nicht weiter verblüfft wird, wenn es gilt, Königin zu werden, wie es möglich ist, daß sie gleich Bescheid weiß in solch einer Wirtschaft; wo es ihr doch gewiß nicht an der Wiege gesungen wurde, ktnd da ist es denn die eine Lehre, die wir aus dem Schicksal der armen Dra- gtnja ziehen: daß in den Frauen doch weit mehr Gnt- wicklungsmöglichkeit steckt, als wir glauben, daß sie weit mehr verborgene Fähigkeiten in sich tragen, als wir in unserer Schulweisheit uns träumen lassen. Da sehen wir sie biederen Handwerkern, Beamten, Schullehrern, Kaufleuten und Fabrikanten als Gesponsin zur Seite stehen, und fehlt ihnen doch weiter nichts zur Königin, als daß einmal der König kommt. Wie im Märchen.
Vermißtes.
* Ueb er die vorzeitigen Heira ten in Preußen entnehmen wir der „Etat. Korr." folgende Angaben: Während vor dem Jahre 1900 durchschnittlich jährlich noch nicht 300 männliche Personen unter 20 Jahren mit Genehmigung des Justizministers die Ehe schlossen, hat seit dem Inkrafttreten des neuen das Ehemündigkeitsalter der Männer um ein Jahr erhöhenden gesetzlichen Bestimmungen die Anzahl der vorzeitig heiratenden männlichen Personen eine sehr beträchtliche Steigerung erfahren; denn im Fahre 1900 wurden 1546, im Jahre 1901 sogar 1848 männliche Neuvermählte unter 21 Jahren gezählt. Diese frühzeitig. Heiratenden verteilten sich auf alle Berufe und fast alle sozialen! Stellungen. Die Mehrzahl von ihnen (1900 640, 1901 758) bildeten die Gesellen, Gehilfen und Lehrlinge und andere mit Berufs- oder gewerbsmäßiger Ausbildung versehene, in Industrie und Handwerk beschäftigte Personen, demnächst andere Hilfspersonen ohne gewerbliche Vorbildung (213 und 281), ferner ländliche Tagelöhner und Arbeiter (200 und 198) und ländliche Gesinde und sonstige ländliche Hilfs- Personen (177 und 183). Militärpersonen, Beamte und Angehörige fteier Berufsarten heirateten im Alter von weniger als 21 Jahren im Jahre 1900 31, 1901 42.
Literarisches.
„Max Hessel Volks-Bücherei" (jede Nr. 20 Pfennig). Soeben erschienen nachstehende neue Nummern: 31—32. Stifter, Der Waldgänger. Der fromme Spruch. Der Küß von Sentze. Drei gehaltvolle Erzählungen des mit jedem Jahre mehr gewürdigten Dichters der Studien, 33. Grillparzer, Esther. Hanntbäl. Drahomira. Psyche, Spartakus. Mit Einleitung von M. Necker. Die fünf wertvollsten Dramen-Fragmente Grillparzers. — 34. Grillparzer, Das Kloster bet Sendomir. Der arme Spielmann. Ein Erlebnis. Erzählungen. 35—36. Gerstäcker, Irrfahrten. Der tote Zimmermann. So du mir, so ich, dir. Drei humoristische Schöpfungen des trefflichen Erzählers. — 37—38. Wreland, Oberon. Die Meisterdicht- ung Wielands. — 39. Goethe, Hermann und Dorothea, Hersq. von E. Wasserzieher. Mit Einleitung und Anmerkungen versehen, wird sich diese Ausgabe besonders auch für Schulen eignen. — 40. E. D. A. Hoffmann, Klem Jaches. Eine der schönsten Erzählungen des neuerdings mehr und mehr zu seinem Recht kommenden Verfassers, — 41—43. Hauff, Lichtenstein. — 44—48. Grillparzer, Sämtliche Gedichte und Epigramme. Hersg. von M. Recker. 2 Bde. Eine Gesamt-Ausgabe, die durch Neaers Einleitung und Anmerkungen besonderen Wert erhält. 49—50. Grillparzer, Selbst-Biographie. Erinnerungen an Beethoven. — Diese neue Volksbücherei will die Merster- werke der schönen Literatur aller Zeiten bringen, hrerber aber besonderes Gewicht auf die Auswahl guter „Unterhaltungs-Schriften legen. Die Ausstattung der Bändchen ist gediegen: das Format ein mittleres Oktav, dre Schrrst groß und deutlich lesbar, der Druck scharf und -sauber, das Papier kräftig und schön. Bei den so mannrgfachen inneren und äußeren Vorzügen dieser echten „Volks Bücherei" wird sich diese zweifellos bald viele Freund erwerben. __________
Auflösung des Kapselrätsels in vor. Nr.: Der beste Bauer zieht manchmal krumme Furchen.
Redaktion: August Götz. — Rotationsdruck und Verlag der Brühl'schen Universitäts-Buch- und Steindruckerei (Pietsch Erben) in Güßen.


